Rezension: Für das Recht auf einen Ort
Wo berühren sich die beiden großen Mobilitätsphänomene
Tourismus und Migration, wo geraten sie in Konflikt, welcher Wandel geht von
ihnen aus? Seit geraumer Zeit liegen diese Fragen in der Luft, doch bisher hatte
niemand gewagt, die beiden gesellschaftlichen Kräfte zusammen zu behandeln.
Zu beliebig schien die offensichtlichste Gemeinsamkeit touristischer und migrantischer
Mobilität: die Tatsache, dass sich Menschen bewegen, von einem Ort der
Herkunft, meist über Grenzen hinweg, zu einem Ort des Aufenthalts von meist
vorübergehender Dauer. Die Reisetätigkeit der Touristen wurde dabei
als freiwillige Wahl und die Mobilität der Migrantinnen als vorwiegend
erzwungene Flucht verstanden. Aus dieser Perspektive schien es tatsächlich
wenig überzeugend, diese beiden Mobilitätsphänomene unter einem
gemeinsamen Vorzeichen zu behandeln.
Dennoch wagen Tom Holert und Mark Terkessidis in ihrem Buch Fliehkraft - Gesellschaft
in Bewegung, von Migranten und Touristen den verbindenden Gedankengang. Dazu
begehen sie Orte, an denen sich ökonomische und soziale Räume des
Tourismus und der Migration punktuell durchdringen. Viele liegen an den europäischen
Außengrenzen. Die Autoren besuchten Plätze, an denen sich die Wege
der MigrantInnen und TouristInnen kreuzen und wo sie zumindest teilweise die
gleiche Infrastruktur nutzen - etwa Hotels, die von Kriegsflüchtlingen
bewohnt werden. Es geht um die Orte des Aufenthaltes, der Durchreise, des Wartens
und Abwartens, des Zeitvertreibs und des Aufbruchs. Sie sind allesamt Ausdruck
eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels rund um die Kontrolle der Mobilität.
Migration und Tourismus betrachten die Autoren als "Figuren", mit
deren Hilfe sie gesellschaftliche Veränderungen aufspüren wollen.
Ohne zu wissen, wohin die Reise geht, folgt man gespannt den Routen der MigrantInnen,
besucht Feriendörfer, in denen RückkehrerInnen isoliert von ihrer
Heimat leben, streift die zum Symbol der touristischen Konsumierbarkeit europäischer
Städte gewordenen "Strände" an Spree und Seine, verharrt
in provisorischen Unterkünften in Kroatien, in denen heimgekehrte GastarbeiterInnen
festsitzen, besucht Asylunterkünfte, in denen Zeit und Bewegung eingefroren
werden.
Auf der Lesereise über Marokko, Algerien und Melilla nach Europa, nach
Frankreich, Italien und Albanien, durch Kroatien und Israel, wird mehr und mehr
deutlich, dass es gar nicht so sehr um das Unterwegssein geht, sondern vielmehr
um die gegenteilige Perspektive, nämlich die des Ortes. "Provisorien
erstarrter Bewegung" und "Räume des Abwartens" werden als
machtvolle "Instrumente der Zermürbung" deutlich. Die hier zum
Warten Verdammten sind weithin ohne Bürgerrechte. Andernorts entstehen
gewaltige Infrastrukturen für Personen, die ohne jeglichen Bezug zum Ort
in einer Ferienanlage den Winter oder ihren Lebensabend verbringen. Oder für
BürgerInnen, die gar nicht präsent sind, wie im Falle eines Stadtviertels
in Tanger, das aus Zweitwohnungen der in Europa lebenden MarokkanerInnen besteht.
Was, wenn dem Ort vor lauter Mobilität - sei es der eigenen BewohnerInnen
oder der zur provisorischen Bleibe verurteilten MigrantInnen - die politischen
Subjekte abhanden kommen? Je weniger ein Ort von sich behaupten kann, gesellschaftlich-politisch
aktive und mit entsprechenden Rechten ausgestattete Subjekte aufzuweisen, desto
eher wird die Kontrolle über diesen Raum, über Investitionen und die
Auslese von finanzkräftigen KonsumentInnen durch Staat und Wirtschaft ausgeübt.
Insofern lenken die politischen Alltagsdebatten der staatlichen Souveräne,
wenn erwünschte und unerwünschte Formen der Migration und des Tourismus
unterschieden werden, in ihrem eigennützigen Pragmatismus davon ab, was
es bedeutet, "wenn keine sesshafte Bevölkerung mehr den Interessen
der Wirtschaft und der Politik im Wege steht". So besehen hat jede Bewegung
von Individuen, ob im Rahmen privilegierter oder illegalisierter Mobilität,
tatsächlich einen vergleichbaren Effekt. Aufgrund der Tatsache, dass Rechte
an nationale Zugehörigkeit gebunden sind, erwächst aus der Mobilität
der Gesellschaft ein "Verfall von Öffentlichkeit" am Ort.
Rechtlosigkeit und soziale (Un-)Sicherheit sind aus dieser Perspektive nicht
mehr nur das Los von MigrantInnen in Europa. Rechte an den Wohnort und nicht
an die Staatsangehörigkeit zu koppeln, sehen Holert und Terkessidis dann
auch als entscheidend für die mobile Gesellschaft an, um dem "Ruin
von Zivilität" entgegenzutreten. Das Recht auf einen Ort und auf dessen
politische und kulturelle Gestaltung taucht so am Ende der Reise als das notwendige
Gegenstück zur sonst geforderten Freiheit der Bewegung auf.
Martina Backes
Tom Holert, Mark Terkessidis: Fliehkraft. Gesellschaft in Bewegung - von
Migranten und Touristen. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2006, 288 Seiten,
8,95 Euro.