Rezension: Bewegte Kritik
Einen kritischen Zwischenbericht zur Antiglobalisierungsbewegung legen Oliver
Marchart und Rupert Weinzierl mit ihrem neuen Sammelband Stand der Bewegung?
vor. Sie knüpfen damit bei Kritiken an der Bewegung an, wie sie etwa im
Tagungsband des Kongresses "Spiel ohne Grenzen" 2004 veröffentlicht
wurden. Im Gegensatz dazu stellen sich die AutorInnen des Bandes von Marchart/
Weinzierl aber nicht außerhalb der Bewegung, sondern versuchen immer wieder,
die Kritik als Selbstkritik zu formulieren.
Einzelne Beiträge, wie etwa Nora Sternfelds Kritik des Antisemitismus in
der Antiglobalisierungsbewegung, fallen deswegen jedoch nicht weniger deutlich
aus. Andere AutorInnen wie etwa Dario Azzellini, die sich voll und ganz mit
der Bewegungslinken identifizieren, bringen jedoch nicht so viel kritische Distanz
auf. Irgendwo dazwischen - oder darüber schwebend - argumentiert aus einer
demokratietheoretischen Perspektive der Text von Joachim Hirsch über soziale
Bewegungen.
Im Spannungsfeld zwischen linken KritikerInnen der Antiglobalisierungsbewegung
und ihren AnhängerInnen bildet der Band die Debatten und Differenzen der
deutschsprachigen Linken deutlich ab. Theorie-Rezeptionen wie etwa von Jens
Kastner zu den Staatskonzeptionen bei Zygmunt Bauman, Pierre Bourdieu, Noam
Chomsky und Subcommandante Marcos oder von Oliver Marchart zur Protestsubjektivierung
zwischen Aktivismus und Passivismus runden das Spektrum des lesenswerten Buches
ab.
Thomas Schmidinger
Oliver Marchart / Rupert Weinzierl (Hg.): Stand der Bewegung? Protest - Globalisierung
- Demokratie - eine Bestandsaufnahme. Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster
2006. 211 Seiten, 24,90 Euro.