Rezension: Zwischen Asmara und Diaspora
Der weltweit verstreuten eritreischen Diaspora widmet sich eine Ausgabe der
Eritrean Studies Review. Eritrea abroad: Critical perspectives on the global
diaspora unternimmt den Versuch, verschiedene Ansätze zu den unterschiedlichen
Communities, ihren politischen Selbstverständnissen sowie ihren Migrationsrouten,
Erwartungen und Enttäuschungen in den Ankunfts- und Transitländern
vorzustellen. Die von den AuswanderInnen vorgefundenen Verhältnisse in
Deutschland, den USA, Sudan und Kanada könnten unterschiedlicher nicht
sein.
Gaim Kibreab stellt die Frage nach eritreischem Flüchtlingsalltag in sudanesischen
Großstädten. Ihm zufolge waren es ethnifizierte Netzwerke, die das
Überleben in städtischen Gebieten erst ermöglichten. Denn ein
Teilaspekt der sudanesischen Flüchtlingspolitik war es, die eritreischen
MigrantInnen durch strikte Zuwanderungsregelungen in ihrer Bewegungsfreiheit
einzuschränken und in ländlichen Gebieten als billiges Arbeitskräftereservoir
einzusetzen.
Bettina Conrad gibt Auskunft über das Innenleben der eritreischen Community
in Deutschland. Angelehnt an Albert O. Hirschmans Theorie von "Exit, Voice
and Loyalty" erläutert sie Bandbreite und Komplexität der politischen
Aktivitäten. Vor allem die nach wie vor breite Unterstützung der regierenden
Einheitspartei PFDJ durch breite Teile der Diaspora in Deutschland trotz der
offensichtlichen Repressionen für die Zurückgebliebenen beschäftigt
Conrad. Aber sie erkennt in den Umständen in der alten Heimat auch genügend
Auslöser für oppositionelle Bewegungen hierzulande.
Victoria Bernal nähert sich den landläufigen Assoziationen beim Begriff
Diaspora auf originelle Weise, indem sie "Konflikte, Community und Celebrity
im virtuellen Eritrea" skizziert. Es sind die theoretischen wie historischen
Ungleichzeitigkeiten und Differenzen, die die Stärke dieses Bandes ausmachen.
Damit wird er zum gut lesbaren Infopool auch für jene, die sich bisher
nicht mit den Gegebenheiten am Horn von Afrika befasst haben.
Der eritreischen "warsay-Generation im Asmara der zweiten Nachkriegszeit"
widmet sich Magnus Treiber in seinem Buch Der Traum vom guten Leben. Treiber
erkundet die Lebensbedingungen von jungen Männern und Frauen im urbanen
Raum Asmara. Ihn beschäftigen die in der eritreischen Hauptstadt vorgefundenen
Hoffnungen und Träume nach einer anderen, besseren Zukunft. Mit den Husseins,
Robertas, Gebremeskels und Yordanos als Informanten durchforscht der Autor die
Stadt und vollzieht die Schaffung ihrer sozialen Räume nach. Seine Akteure
bewegen sich trotz aller widrigen Umstände selbstbewusst zwischen den zahlreichen
Bars, Cafés, Restaurants und Hotels der relativ jungen Stadt - Asmara
wurde in den Jahren zwischen 1920 bis 1940 von italienischen Kolonialisten als
urbanes Zentrum konstruiert.
Der Autor versteht es, die Grenzen seiner ethnographischen Studie selbstkritisch
einzuzeichnen. Er fragt immer wieder nach der eigenen Positionierung als weißer
europäischer Wissenschaftler, ohne sich dabei selbst als bedeutend zu wähnen.
Diesem Umstand ist nicht nur die Detailfreude dieser Arbeit zu verdanken, sondern
auch ihr politisierter Charakter. Beispielsweise wenn Treiber den Grenzkrieg
mit Äthiopien, Fluchtpläne oder städtische Prostitution junger
Frauen beschreibt. Treiber verknüpft sein umfangreiches Insiderwissen mit
den lebhaften Aussagen seiner InterviewpartnerInnen.
Bedingt durch den letzten Krieg mit Äthiopien (1998 - 2000), enorme staatliche
Repression und verbreitete Armut liegt der Schluss nahe, dass die jungen Leute
in Eritrea nicht anders können als zu verzweifeln. Doch Treiber glaubt,
dass "die paradoxe Verbindung von abwechslungsarmer Eintönigkeit einerseits
und Unsicherheit wie Gewalterfahrung andererseits, junge Erwachsene zu Wartenden,
in ihrem Überlebenswillen jedoch nicht notwendigerweise zu Verzweifelnden"
macht. Sie entwickelten stattdessen "eine fatalistische, doch unbeugsame
Gelassenheit".
Jonas Berhe
Tricia Redeker Hepner and Bettina Conrad (Ed.): Eritrean Studies Review,
Eritrea Abroad: Critical perspectives on the global diaspora. Vol. 4, Number
2, The Red Sea Press, Inc. Trenton, (NJ) USA 2005, 267 Seiten, 25,00 US-Dollar.
Magnus Treiber: Der Traum vom guten Leben. Die eritreische "warsay"-Generation
im Asmara der zweiten Nachkriegszeit. LIT Verlag, Münster, 2005, 312 Seiten,
29,90 Euro.