Rezension: Massenmord vor aller Augen
Fand und findet in Darfur, wie die New York Times am 31. März 2004 verkündete,
der "erste Genozid des 21. Jahrhunderts" statt? Debatten um das große
G-Wort sind für die westliche politische Kultur von Bedeutung, wegen Auschwitz,
aber auch wegen des Aufmerksamkeits- und Skandaleffekts, der von ihm ausgeht.
Nicht von ungefähr interessierte sich die Weltöffentlichkeit erst
für das Massenmorden in Darfur (Westsudan), als von einem Genozid die Rede
war. Zuvor galt Darfur als typisch "afrikanische Krise": weit weg,
abseitig, äußerst gewalttätig, in ethnische Probleme verwickelt
und von keinem erkennbaren praktischen Interesse für die reichen Länder.
Doch gerade die moralische Empörung über den nun festgestellten Genozid
habe dazu beigetragen, den politischen Charakter des Problems zu verschleiern
- glaubt Gérard Prunier, Historiker, Ostafrikaspezialist und Direktor
des Centre Français d'Études Éthiopennes in Addis Abeba.
Prunier hat bereits 1995 ein frühes Standardwerk über die Vorkommnisse
in Ruanda geschrieben. In seinem neuen Buch Darfur findet er die Diskussionen
darüber, wie "genozidal" gemordet wurde, allerdings einigermaßen
unwichtig. Er verweigert sich nicht der Debatte, aber betrachtet sie als Definitionsproblem
der Außenwelt. Die DarfurerInnen erlebten das "genozidale Morden"
als plötzliche Häufung dessen, was sie schon seit 20 Jahren erleiden
mussten - von ethnischen "Säuberungen" auf Raten bis zum vollen
Programm von Vertreibung und Mord. In diesem Sinne interpretiert Prunier auch
die Eskalation der Gewalt: als Werkzeug, um den Sudan zusammenzuhalten, der
von einer arabischen Minderheit beherrscht wird und eines der letzten multinationalen
Reiche ist. Die massenmörderische Aufstandsbekämpfung geriet durch
eine tödliche Mischung lokaler Begebenheiten wie dem Landproblem und dem
Hunger und eben durch ethnische Instrumentalisierungen zu einer gewaltigen Explosion.
Nicht zum ersten Mal ist ein Ortskundiger entsetzt über die Ignoranz und
Unwissenheit des Westens und den Unwillen, daran etwas zu ändern. Prunier
schließt sich der Schilderung von Menschenrechtsorganisationen an, wonach
die sudanesische Regierung zur Aufstandsbekämpfung die Reitermilizen der
Dschandschawid im Sommer 2003 von der Leine gelassen hat. Die folgenden Gewaltexzesse
sahen in den schlimmen Fällen so aus: Sie riegelten den Ort ab, plünderten
die Habe der BewohnerInnen, vergewaltigten Mädchen und Frauen, stahlen
die Rinder und töteten die Esel. Danach brannten sie die Häuser nieder
und erschossen alle, die nicht weglaufen konnten. Kleine Kinder wurden oft einfach
in die brennenden Häuser geworfen. Prunier schätzt, dass auf diese
und ähnliche Weise bis Jahresanfang 2005 rund 300.000 Menschen ums Leben
gekommen sind.
Obwohl er die Benennung von Taten, Tätern und Tatorten akademischen Diskussionen
um Begriffe vorzieht, ist Pruniers Buch theoretisch durchaus beschlagen. Man
lernt, wie ethnische Konflikte entstehen, besser: gemacht werden, und wann und
warum sie eskalieren können. Bereits in der historischen Perspektive ist
der Darfur-Konflikt komplexer als die Formel "AraberInnen" gegen "Schwarze"
suggeriert. Zudem, so Prunier, gäbe es diesen Konflikt in dieser Form nicht
ohne die Einmischung von außen - Khartum, Libyen, Tschad. Das Bild, in
Darfur ständen sich "AraberInnen" und "Schwarze" gegenüber,
ist somit zwar ein Klischee, aber es hat einen wahren Kern. In einem materiell,
kulturell und politisch zerrütteten Land werden solche Mythen gerne geglaubt.
Dabei spielen Schlüsselbegriffe wie "moralische Geographie" eine
wichtige Rolle - ein Erklärungsansatz, der zeigt, wie etwa die Dürre
eine Gesellschaft ethnisch spalten kann.
Prunier hat eine erfrischende Art, auf die materiell-profane Basis von kulturellen
und kulturalistisch gedeuteten Konflikten hinzudeuten. Massive Steuererhöhungen
und schlechte Ernten erklären für ihn mehr als die schiere Präsenz
von verschiedenen Ethnien mit unterschiedlichen Kulturen. Das bedeutet nicht,
dass er die Wirkungskraft einer rassisch-kulturellen Rhetorik anzweifeln würde,
bloß, dass er nicht ethnische Differenzen als substantiell betrachtet,
sondern vielmehr die Ethnisierung von Konflikten. Prunier bleibt allerdings
nicht dabei stehen, Rassen, Ethnien etc. zu dekonstruieren, sondern er zeigt,
warum das "Rassenspiel" in Darfur und der "Krieg der Vorstellungen"
zwischen "AraberInnen" und "AfrikanerInnen" erfolgreich
sein konnte. Er verweist auf den Zusammenbruch einer Gesellschaft als Ursache
und Folge von Gewalt zugleich. Und er führt die Komplexität eines
Landes vor, das nicht nur aus Tätern und Opfern besteht, die bedenkenlos
bestimmten Ethnien zugeordnet werden können, wenngleich das Entsetzen und
die Empörung über den Umfang und die Grausamkeit der Massaker an dem
Kollektiv der "AfrikanerInnen" in jeder Zeile zu spüren ist.
Dieses Buch ist in analytischer wie in politischer Hinsicht äußerst
wertvoll. Es ist in der Tat erschütternd, dass - wie Prunier anklagt -
während des Jahres 2004 die genozidale Gewalt vor aller Augen stattfand,
auf Befehl von Leuten, die namentlich bekannt waren und immer noch auf der internationalen
Bühne empfangen wurden. Immerhin ermittelt seit 2005 der Internationale
Strafgerichtshof gegen die HaupttäterInnen und Hintermänner der schlimmsten
Massaker. Inzwischen ist in Den Haag sogar gegen den früheren Innenstaatssekretär
und einen Milizenführer Anklage wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen
die Menschlichkeit erhoben worden. Vielleicht wird die Katastrophe von Dafur,
der "'uneindeutige' Genozid", wie es im Untertitel heißt, nun
wenigstens juristisch beleuchtet - während er noch vonstatten geht. Denn
dass das Darfur-Friedensabkommen vom Mai 2005 das Papier nicht wert ist, auf
dem es geschrieben wurde, und es das Morden nicht beendet hat und beenden wird,
daran lässt Prunier keinen Zweifel.
Jörg Später
Gérard Prunier: Darfur. Der "uneindeutige" Genozid. Hamburger
Edition, Hamburg 2006. 274 Seiten, 25.- Euro.