Rezension: Gegenpol zu Al-Qaida?
"Eine Mischung aus Abitur, HipHop und Islam, aus H&M und Geschlechtertrennung",
so beschreibt Julia Gerlach in ihrem Buch Zwischen Pop und Dschihad die Erkennungszeichen
einer neuen, unter jungen Muslimen weltweit verbreiteten Bewegung. "Pop-Islam"
nennt sich das Phänomen, das das Schubladendenken einer jeden Gesellschaft
auf den Kopf stellt. Als westliche oder europäische Muslime schaffen sich
meist junge Menschen eine neue, eigene Identität. In ihr spielen Bildung
und Integration eine ebenso wichtige Rolle wie das Studium des Korans und die
Ausrichtung des Lebens nach dem rechten Glauben.
Die Idole der Pop-Muslime sind arabische TV-Prediger und hiesige islamische
Popstars, die dazu auffordern, eine konservative Auslegung des Islam zu vertreten
und sich dabei trotzdem in die westlichen Heimatländer zu integrieren.
So sind die jungen Muslime auch in Deutschland zum einen auf der Suche nach
einem tieferen Verständnis ihres Glaubens. Zum anderen engagieren sie sich
für sozial Benachteiligte, treten Parteien bei oder gründen Hochschulinitiativen.
Integration in die Gesellschaften des Westens sowie positive Werbung für
eine keinesfalls liberale, jedoch gewaltfreie Interpretation des Islam sind
die wesentlichen Ziele der Anhänger des Pop-Islam, die sich als eine Art
"Gegenpol zu Al-Qaida" sehen.
In zahlreichen Gesprächen mit in Deutschland lebenden Jugendlichen und
jungen Erwachsenen widmet sich die Islamwissenschaftlerin Julia Gerlach neben
ganz alltäglichen Themen wie der spärlichen Akzeptanz des Kopftuchs
in der deutschen Öffentlichkeit und den Popstar-Schwärmereien junger
Mädchen auch großen Problemen wie Terrorismus und Diskriminierung.
Ergänzend zeichnet ein Dokumentationsteil Ursprünge und Verbreitung
des Pop-Islam nach.
Die Auswahl der Gesprächspartner wirkt zwar recht einseitig, da es sich
fast ausschließlich um GymnasiastInnen oder StudentInnen handelt, deren
Kernaussagen sich nur marginal voneinander unterscheiden. Doch es gelingt der
Autorin, viele Gespräche, die zu langatmigen Selbstdarstellungen zu geraten
drohen, durch kritisches Nachfragen zu retten. Zudem traut sie sich, auch "heiße
Eisen" wie den Karikaturenstreit, den 11. September und die Terroranschläge
von London anzusprechen. Das allzu harsche Vorgehen von Polizei und Verfassungsschutz
wird ebenso von allen Seiten beleuchtet wie die Problematik von Integration
und die viel diskutierte "Leitkultur". Auch der weit verbreitete Unmut
vieler Muslime über die Berichterstattung westlicher Medien und die Aktivitäten
einiger umstrittener islamischer Vereinigungen wie etwa der Muslimbruderschaft
ist Thema der Gespräche.
Der resümierende Wunsch nach einer "Deeskalation im Kampf der Kulturen"
wird jedoch auf eine recht schmale Basis gestellt. Schließlich betont
Gerlach selbst, dass es sich bei den Pop-Muslimen gerade in Deutschland um eine
Minderheitenbewegung handelt, die nur von Menschen mit höherem Bildungsstand
getragen wird, und dass diese Bewegung nicht voreilig in den Himmel gelobt werden
sollte. Denn auch wenn ihre Absichten so edel sind wie sie scheinen, reicht
dies nicht aus, um einen grundlegenden Abbau von Ängsten und Vorurteilen
zu ermöglichen. Eine erste Grundlage zum Dialog zwischen westlicher und
islamischer Welt könnten die "Pop-Muslime" allerdings geschaffen
haben.
Isabel Flory
Julia Gerlach: Zwischen Pop und Dschihad. Muslimische Jugendliche in Deutschland.
Ch. Links Verlag, Berlin 2006. 256 Seiten, 16,90 Euro.