Rezension: Kriegerischer Kolonialismus
In der Vorstellung vieler ZeitgenossInnen gehören Kolonialkriege der Vergangenheit
an. Doch schaut man genauer hin, handelt es sich keineswegs um ein überholtes
Phänomen. Auch über das Ende der formalen Dekolonisationsphase in
den 1980er Jahren hinaus lassen sich Kriege als "kolonial" klassifizieren.
Dazu gehört etwa der Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan (1978),
wie es auch gute Gründe dafür gibt, den seit Frühjahr 2003 im
Irak geführten Krieg als einen kolonialen Krieg zu betrachten. Wurde früher
die Gewaltausübung an der Peripherie als Pazifizierungsmaßnahme gegen
"aufständische Eingeborene" legiti-miert, denen westliche Zivilisation
und rechter Glaube gebracht werden müsse, sind es heute - im postkolonialen
Zeitalter - Demokratie und Menschenrechte, die die Rechtfertigungsdiskurse bestimmen.
Thoralf Klein und Frank Schumacher unternehmen in ihrem Sammelband Kolonialkriege
den Versuch, die militärische Gewalt im Zeichen des Imperialismus in einer
vergleichenden Kulturgeschichte näher unter die Lupe zu nehmen. Zeitlich
fokussiert auf das 19. und 20. Jahrhundert, werden anhand von zehn Fallbeispielen
die Bedingungen und der Verlauf von Kolonialkriegen, das militä-rische
Vorgehen, die Diskurse über die Kriege wie die Sprachregelungen und Erinnerungspolitiken
untersucht. Historisch reicht der Bogen von den Indianer-kriegen in den USA
(1840-1890), dem Boxerkrieg in China (1900/1901), den deutschen Kolonialkriegen
in Ostafrika und Südwestafrika vor und nach 1900, dem Krieg der USA auf
den Philippinen (1899-1913), dem Krieg Spaniens in Marokko (1921-1927), dem
italienisch-äthiopischen Krieg in Ostafrika (1935/36), der japanischen
Aggression in China (1931-1945) bis hin zum französischen Algerien-krieg
(1954-1962). Sicherlich zur Überraschung mancher Leser findet sich in dem
Buch auch ein Beitrag über den Burenkrieg in Südafrika (1899-1902),
obwohl doch auf beiden Seiten Weiße kämpften.
Die Frage, wie ein Kolonialkrieg definitorisch gefasst werden kann, wirft Dirk
Walter in seinem erhellenden Essay auf. Darunter versteht er die an der kolonia-len
Peripherie ausgeübte physische Gewalt, die in der Regel in den Formen des
kleinen und asymmetrischen Krieges auftritt. Unabhängig davon, ob es sich
um eine formelle Kolonialherrschaft oder um eine informelle Einflussnahme handelt,
zielt die Gewalt darauf ab, Gebiete in ein expandierendes Wirtschaftssystem
einzugliedern oder dies als status quo aufrechtzuerhalten. Der Kolonialismus
ist dabei durch Disziplinierung, Arbeitszwang, Segregation, Enteignung und (genozi-dalen)
Massenmord charakterisiert. Der Kolonialkrieg stellt nur die Spitze einer latenten
Gewaltkultur dar, was insbesondere für Siedlungskolonien kennzeichnend
ist. Der niemals endende Kolonialkrieg konterkariert die althergebrachte Vor-stellung,
die Europäisierung der Erde sei ein Projekt des Fortschritts gewesen, das
Frieden, Zivilisation, Gerechtigkeit und Wohlstand gebracht habe.
Den Kolonialkrieg als radikalste Form von Gewaltanwendung expandierender Staaten
systematisch zu untersuchen, ist überfällig gewesen. Wie in dem Band
zutreffend angemerkt wird, harren weitere Aspekte des Kolonialkrieges ihrer
Aufarbeitung, so zum Beispiel Genderfragen, Umweltaspekte, die Militärtechnologie
oder medizinhistorische Fragestellungen.
Joachim Zeller
Thoralf Klein / Frank Schumacher (Hg.): Kolonialkriege. Militärische
Gewalt im Zeichen des Imperialismus, Hamburger Edition, Hamburg 2006. 369 Seiten,
35 Euro