Rezension: Grenzen der Aufklärung
Über sechzig Jahre nach der Ermordung von etwa sechs Millionen europäischen
Jüdinnen und Juden ist der Antisemitismus noch lange nicht von der Bildfläche
verschwunden. Im Gegenteil, die antijüdischen Klischees leben weiter und
tauchen sogar in neuen Kontexten auf, etwa wenn sich arabische Medien Bildern
wie dem des "Ritualmordes" bedienen, die eigentlich dem christlichen
Antijudaismus entstammen.
Derartige Vorurteile zu widerlegen und ihre Hintergründe aufzuzeigen, hat
sich Peter Waldbauer in seinem Lexikon der antisemitischen Klischees zur Aufgabe
gemacht. Dabei gelingt es dem ehemaligen Börsenmakler einerseits überzeugend,
viele antisemitische Gedankengebäude zum Einsturz zu bringen und Vorurteile
gezielt und sachlich mit statistischen Werten zu widerlegen - insbesondere in
Bezug auf die Zwangssituation der Jüdinnen und Juden in den mittelalterlichen
Herrschaftsverhältnissen.
Andererseits greifen manche seiner Erklärungen zu kurz oder reproduzieren
Klischees. Die Behauptung, Karikaturen hässlicher Juden mit "breiter
Nase, großen Ohrläppchen [...], fleischigen Lippen und dunklen, lockigen
Haaren" hätten in der Regel aschkenasische Juden "zum Vorbild",
wohingegen sephardische Juden "schlanker, eleganter, feingliedrig"
seien, ist das genaue Gegenteil einer Demontage der Rassenlehre. Hier zeigen
sich deutlich die Grenzen des Ansatzes, einer durch und durch vernunftwidrigen
Ideologie mit vernünftigen' Argumenten beizukommen.
Waldbauer setzt oftmals neue, positive Vorurteile den alten negativen entgegen.
Formulierungen wie "Söhne jüdischer Eltern strebten mehr als
andere danach zu studieren" oder sie seien "viel fleißiger"
gewesen, sind jedoch alles andere als unproblematisch und viel zu verallgemeinernd.
Und ob sich die von einer "jüdischen Weltverschwörung" überzeugten
AntisemitInnen durch die heute noch zu besichtigenden Konzentrationslager von
der Existenz der Shoah überzeugen lässt, wie Waldbauer zu hoffen scheint,
darf bezweifelt werden. Für AntisemitInnen stellen diese historischen Zeugnisse
nicht mehr als die potemkinschen Dörfer der Besatzungsmächte dar.
Aber um die "klassischen" AntisemitInnen in Form von Neonazis oder
um IslamistInnen scheint es Waldbauer auch weniger zu gehen. Das Buch, so liest
man zwischen den Zeilen, will vor allem auch einige Vorstellungen der Globalisierungskritik,
etwa über Börsenspekulanten, widerlegen. Bei diesem sehr berechtigten
Vorhaben lässt Waldbauer sich allerdings gelegentlich zu Aussagen hinreißen,
die eher eine Rechtfertigung kapitalistischer Strukturen als eine Kritik des
Antisemitismus darstellen.
Trotz aller Kritikpunkte ist das "Lexikon der antisemitischen Klischees"
ein informatives Nachschlagewerk - nicht nur für SozialarbeiterInnen.
Philip Aubreville
Peter Waldbauer: Lexikon der antisemitischen Klischees. Antijüdische
Vorurteile und ihre historische Entstehung. Mankau Verlag, Murnau 2007. 193
Seiten, 12,95 Euro