Rezension: Bomben ins Bewusstsein
Es scheint schon Normalität geworden zu sein: Jeden Tag vermelden die Nachrichten
aus Bagdad einen verheerenden Anschlag mit mehreren Toten. Die Todestechnik,
die mal Reservisten, mal Gläubige, mal einfache MarktbesucherInnen in den
Tod reißt oder für immer verstümmelt, ist einfach, die Herstellung
simpel und im Internet abrufbar. Die Autobombe gehört genauso zu den neuen
asymmetrischen Kriegen wie der Begriff "Kollateralschaden", der andeutet,
dass die Herren über die großen, komplizierten Waffensysteme längst
den Tod der Zivilbevölkerung einkalkulieren.
Die Autobombe ist die "Luftwaffe des kleinen Mannes". Diese Technik
verdient wie jede erfolgreiche moderne Technik eine angemessene Geschichtsschreibung,
meint der US-amerikanische Historiker und Soziologe Mike Davis. Auch wenn man
es nicht auf den ersten Blick merkt, die Geschichte der Autobombe ist eine Fortführung
seiner Bücher über die großen segregierten Städte und die
Entwicklung von Slumgegenden meist an der Peripherie von großen Metropolen.
Das Buch erforscht einen nicht unwichtigen Strang moderner Stadtentwicklung.
Denn in von Bürgerkrieg, Besatzung, Terror und Guerillaaktivitäten
betroffenen Städten verändern die Autobomben und die tatsächliche
oder vermeintliche Bedrohung die Stadtlandschaft erheblich.
Wann begann der ganze Spuk? Davis geht zurück ins Jahr 1920, in dem ein
Anarchist namens Buda die Verhaftung seiner Genossen Sacco und Vanzetti mit
ein wenig gestohlenem Dynamit, einem Haufen Eisenschrott und einem alten Pferd
rächte. Er platzierte eine Dynamitkutsche vor der Wall Street. Das Ergebnis:
40 Tote und das historisch erstmalige Aussetzen der Aktienbörse.
Dieser erste Einsatz einer unauffälligen und anonymen Wagenbombe in städtischer
Umgebung war noch Kulminationspunkt der anarchistischen direkten Aktion, mittels
einer "Höllenmaschine" Könige und Plutokraten in die Luft
zu jagen. Und gleichzeitig überschritt der Anschlag in seiner terroristischen
Wahllosigkeit und Brutalität auch diese Tradition.
In den nächsten Jahrzehnten sollte die Wagen- oder Autobombe nicht mehr
zum Einsatz kommen. Erst im Jahr 1947 benutzte die rechtszionistische "Stern-Gruppe"
eine solche und steuerte eine Wagenladung Sprengstoff in eine britische Polizeistation
im palästinensischen Haifa. Nach Davis' Darstellung folgte dem auch eine
wechselseitige Bombenkampagne, in der Palästinenser und rechtszionistische
Gruppen sich vor der Staatsgründung Israels gegenseitig bekämpften
und darauf sinnten, möglichst viele Opfer auf der Gegenseite zu produzieren.
Die Autobombe fand dann Einzug in den zweiten Indochinakrieg der USA gegen den
Vietcong - aber sie erreichte auch das "ruhige Hinterland". Zwischen
1963 und 1966 startete der Vietcong eine heftige Bombenkampagne in amerikanischen
Quartieren und gegen die US-Botschaft. Die Ted-Offensive, in der die Kämpfer
der Nationalen Befreiungsarmee hohe Verluste eigener Menschenleben einkalkulierten,
überblendet diese heftige Phase der Autobombenanschläge im historischen
Bewusstsein. Die Offensive des Vietcong, aber vor allem der sich zum Vernichtungskrieg
steigernde Feldzug der USA gegen die Befreiungsarmee, provozierte schließlich
radikale US-AmerikanerInnenaus der Antikriegsbewegung, den Krieg "nach
Hause zu holen".
Aus der Madisoner Antikriegsbewegung entstand die "New Year's Gang",
die im August 1970 eine Ammonium-Nitrat-Benzin-Lösung benutzte, um das
Army Mathemetics Research Center auf dem Campus zu sprengen. Der Anschlag gelang,
sorgte für gigantischen Sachschaden und riss einen anwesenden, tragischerweise
antikriegsbewegten Physikstudenten in den Tod. Der Terroranschlag isolierte
die Gruppe sofort von dem breiten Anti-War-Movement in Madison.
Traurige Berühmtheit erlangte die Autobombe im libanesischen Konfessionskrieg.
Beirut ist dabei vor allem zu Beginn der 1980er Jahre die Stadt, die wohl am
meisten von Autobombenattentaten heimgesucht wurde. Hier bombte der israelische
Mossad gegen die im Libanon operierende palästinensische PLO, aber auch
Nachrichtendienste anderer Länder, vor allem gegen den syrischen Geheimdienst.
Schließlich sprengten sich die aus den Slums kommenden Gotteskrieger der
Hizbullah empor und vermochten die säkularen Kräfte im Kampf gegen
die Besatzungsmacht Israel in den Hintergrund zu drängen.
Die weltweite Vorherrschaft islamistischer Terroristen hätte sich jedoch
nicht ohne westliche Hilfe im Kalten Krieg durchsetzen können. Davis beschreibt
detailliert, wie durch die CIA und den pakistanischen Geheimdienst ISI Zehntausende
von islamistischen Terroristen der Mudschaheddin und anderer Dschihadisten ausgebildet
wurden, um gegen das sowjetische "Reich des Bösen" (Ronald Reagan)
zu kämpfen - und diese bereits darauf warteten, gegen den "dekadenten
Westen" loszuziehen. Davis' Buch geht hier wohltuend über sein eigentliches
Thema hinaus und gerät zu einer lehrreichen Darstellung der Folgen der
Systemkonfrontation und der Stellvertreterkämpfe im Kalten Krieg.
Ein ebenfalls aufschlussreiches Kapitel widmet Davis den Bombenanschlägen
ab 2003 im Irak, hinter denen er eine dreistufige Logik entdeckt: In der ersten
Phase Ende 2003/ Anfang 2004 ging es um die Delegitimierung der Besatzung, indem
Botschaften und das UN-Hauptquartier angegriffen wurden. In der zweiten Phase
sollte der Aufbau von Einheiten eigener Sicherheitskräfte unterbunden werden
- mittels Morden an zu rekrutierenden Polizisten. Schließlich zeigen Anschläge
auf Schiiten-Moscheen an, dass die Protagonisten des Terrors zum konfessionellen
Bürgerkrieg aufhetzen wollen.
Der auf technische Raffinesse setzende, ewig sich überflügeln wollende
Sicherheitsdiskurs der Herrschenden bekommt durch Davis eine schroffe Abfuhr.
Der Historiker setzt auf "soziale und ökonomische Reformen oder erweiterte
Selbstbestimmung, die zu einer Abrüstung in den Köpfen führen
könnte". Er zeigt jedoch auch, dass besonders die Politik der USA
in eine ganz andere Richtung weist.
Davis lässt keinen Zweifel aufkommen, wie er den Einsatz von Autobomben
bewertet. Für ihn ist das Töten mittels dieser Technik tendenziell
ein faschistischer Akt. Nun mag man erstaunt sein über diese Generalisierung
und dem Autoren eine Inflationierung des Faschismus-Begriffs vorwerfen. Doch
wer sich die konstitutive Rolle der Gewalt als Mittel und Selbstzweck in der
Entwicklung des italienischen Frühfaschismus vor Augen führt, dem
erscheint diese Etikettierung als durchaus korrekt. Davis' Buch sollte nicht
nur die antiimperialistischen VerteidigerInnen des ominösen "Widerstands"
im Irak, sondern auch die linken UnterstützerInnen von Gruppierungen wie
der ETA und der IRA, deren Autobomben-Einsätze Davis detailliert schildert,
gehörig irritieren.
Gerhard Hanloser
Mike Davis: Eine Geschichte der Autobombe. Aus dem Englischen von Klaus Viehmann,
Verlag Assoziation A, Berlin/Hamburg 2007. 232 S., 20,00 Euro