Rezension: Der siebte Tag | Zwei Bücher über den Sechstagekrieg und die Folgen für Israel und Palästina
Vor gut vierzig Jahren, im Sommer 1967, besiegte die israelische Armee die Streitkräfte
Ägyptens, Jordaniens und Syriens in nur sechs Tagen. In der Folge besetzte
Israel das Westjordanland, Ostjerusalem, den Golan und für lange Zeit auch
den Sinai und den Gazastreifen. Der so genannte Sechstagekrieg hat die Region
grundlegend verändert: In seinem Windschatten wurden unter anderem der Islamismus
als Erbe des panarabischen Nationalismus und die nationalreligiöse jüdische
Siedlerbewegung feste Größen. Kritische Stimmen befürchten deshalb,
Israel habe den Krieg am siebten Tag verloren. Dazu gehören der bekannte
Publizist Tom Segev, die Historikerin Idith Zertal und der Journalist Akiva Eldar.
Segev
erzählt in seinem Buch 1967 die Geschichte der zweiten Geburt Israels im
und durch den Krieg, die militärischen und diplomatischen Hintergründe,
vor allem aber das emotionale, politische und moralische Erdbeben, das die israelische
Gesellschaft zuvor heimgesucht hatte und das den Krieg als einen Akt der Befreiung
und des Neuanfangs erscheinen ließ. Eine tiefe wirtschaftliche Rezession
und eine schmerzhafte Identitätskrise infolge des Zustroms jüdischer
ImmigrantInnen aus arabischen Ländern, den Misrachim, und der Fremdheit zwischen
ihnen und den etablierten Jüdinnen und Juden aus Europa, den Aschkenasim,
hatten das Land erschüttert.
Sakralisierung des Zionismus
In Erwartung der Apokalypse begann im Juni 1967 die Kriegswoche, und voller Dankbarkeit
und Euphorie endete sie. Die meisten Israelis glaubten, ein Wunder und die Armee
hätten sie vor der Vernichtung gerettet. Was der Angst folgte, waren emotionaler
Überschwang und Siegesrausch pur. Der siebte Tag begann. Die Mapai, die Arbeiterpartei,
verlor ihr Machtmonopol, die Nationalreligiösen und die Unterprivilegierten
revoltierten gegen das aschkenasische Establishment. Das aktivistische, eifernde,
tatkräftige Israel schaffte sich Raum gegenüber Selbstbeherrschung und
realistischem Pragmatismus der alten Eliten. Vor allem die Siedlerbewegung sakralisierte
fortan den Zionismus.
Neben alltags- und sozialgeschichtlichen Perspektiven
spielt die politik- und diplomatiegeschichtliche Ebene in Segevs ambitioniertem
Werk eine tragende Rolle. Segev hat die Akten gekaut und zeigt, dass die Politiker
und Militärs jederzeit darüber im Bilde waren, dass Israel den Krieg
gewinnen würde. Ebenso deutlich werden die strukturellen, auf Interessensgegensätzen
beruhenden Probleme herausgestellt, etwa zwischen Israel und Syrien der Streit
ums Wasser, die entmilitarisierte Zone auf dem Golan und die Sabotageakte, gegen
die Israel kein bewährtes Mittel fand. Außerdem kommen auch im Kabinett
und in der Truppe ein Hexenkessel von Eitelkeiten und Nervositäten zum Vorschein.
Entgegen den Legenden erweist sich der eine populäre Kriegsheld, Moshe Dayan,
als ein rücksichtsloser und machtgieriger Egozentriker und der andere, Yitzchak
Rabin, zuweilen als ein Nervenbündel.
Segev will zeigen, dass der
Krieg vermeidbar war. Die Verletzlichkeit und Niedergeschlagenheit der Israelis,
die allgemeine Depression, die psychische Krise der Gesellschaft entladen sich
letztendlich in der befreienden aggressiven Flucht nach vorne. Dem politischen
Establishment fehlte, so Segevs These, angesichts der gesellschaftlichen psychischen
Krise die notwendige Stärke, um die Israelis von einer Entscheidung zum Krieg
abzubringen. Israel war zu schwach, um den Krieg zu vermeiden, und hat bis heute
unter dem großartigen Sieg zu leiden, vor allem unter dem sakralen Überschnappen,
der korrumpierenden Besatzung und der Verherrlichung des Militärischen. Heute
ist der Israeli in Segevs Augen ein Herr, der entweder darunter leidet, dass ihn
sein Knecht nicht liebt, oder der nicht mehr in der Lage ist, sich in die Situation
des Knechtes einzufühlen. Seinen hohen Ansprüchen sind im Besatzungsalltag
niedere Praktiken gefolgt.
Keine Nachsicht gegen Siedler
Zertal und Eldar sehen das genauso wie Segev: In der Euphorie des Triumphes besetzte
Israel nicht nur die Palästinensergebiete, sondern besiedelte, ja, kolonisierte
sie. Dabei droht die Besetzung die israelische Demokratie zu zerstören und
das säkulare Land in ein national-religiöses zu transformieren. Die
treibende Kraft dieses unheilvollen Prozesses sind die SiedlerInnen - die Herren
des Landes. Sie haben Regierungen stürzen lassen und die Fundamente der Gesellschaft
mit ihrem messianischen Energieausbruch verändert.
Die blutige zweite
Intifada und der Zusammenbruch des Friedensprozesses sind demnach der Preis, den
BesatzerInnen und Besetzte zu zahlen haben. Der Verhandlungsprozess von Oslo ist
in den Augen von Zertal und Eldar an nichts anderem mehr gescheitert als an den
Siedlungen: Das Kernproblem, warum die SiedlerInnen immer wieder den Staat für
ihre Belange einspannen und selbst mit einem "Siedlerhasser" wie dem
"säkularen Superrationalisten" Rabin teilweise kooperieren konnten,
lag in der demonstrativen Unterscheidung des Staates zwischen "sicherheitsrelevanten"
Siedlungen und "illegalen" Außenposten. Mit dem Sicherheitsargument
im Tornister verfolgten die Avantgarde der SiedlerInnen, der Gush Emunim, und
andere Organisationen der Siedler ihre religiös-nationale Mission. Darüber
hinaus fanden sie durch das Siedlerethos sogar SympathisantInnen im alten Arbeiterzionismus.
Dies alles verweist auf die Grundüberlegung der AutorInnen, dass die Besatzung,
nicht die Siedlungen, das eigentliche Problem darstelle, denn ohne Besatzung gäbe
es auch keine Siedlungen.
Zertal und Eldar beleuchten Konflikt und Kooperation
zwischen Staat und SiedlerInnen, die ineinander verschränkte Geschichte beider
in den vergangenen 40 Jahren, wobei die Komplizenschaft im Landraub deutlich überwiegt.
Ein historisch begründetes Anrecht auf Orte, Plätze, Gebiete einerseits
und Sicherheitserfordernisse andererseits waren bereits zwei Grundsäulen
des alten Zionismus, und an sie konnte die neue Bewegung immer wieder appellieren.
Ihre Feindschaft, ihre Intrigen, ja ihren Krieg gegen das säkulare Israel
und die PalästinenserInnen wurde dabei bereitwillig und naiv übersehen.
Die politische Botschaft Zertals und Eldars ist deutlich: Mit Nachsicht kommt
man gegen die Siedlerbewegung nicht an, nicht einmal mit Raffinesse und Winkelzügen.
Israel muss ihnen mit Härte entgegentreten, einer Härte, die nicht einmal
Rabin an den Tag legte - am Ende wurde er Opfer des jüdischen Terrorismus.
Eine solche Härte wäre gleichzeitig auch eine Härte gegen sich
selbst, gegen den alten zionistischen Traum der Besiedelung des ganzen historischen
Israels.
Dämon der Israelis
Zertal/ Eldar geht es
also vor allem darum zu zeigen, dass die SiedlerInnen der Dämon der israelischen
Gesellschaft sind, das Freud'sche Unheimliche, das von Zeit zu Zeit aus dem Dunkel
des Unterbewussten tritt, um der Gesellschaft die eigenen Irrationalitäten
vor Augen zu führen. Gleichzeitig zeichnen die AutorInnen ein deutlich konturiertes
Bild der Siedlerbewegung selbst, ihrer Organisationsstrukturen, Mentalität
und Ideologie, der Praxis und Politik. Diese Passagen über die "Soldaten
des Messias" sind die stärksten des Buches.
Der Gush Emunim
war radikal, jung, messianisch, charismatisch, mythisch und modern zugleich, strategisch
denkend und der "direkten Aktion" verpflichtet. Die SiedlerInnen präsentierten
sich als die "wahren Zionisten", als mutige Antwort auf die schwierige
internationale Lage, in der sich Israel nach dem Yom-Kippur-Krieg befand. Immer
dann, wenn Einbußen bei den im Sechstagekrieg eingestrichenen Landgewinnen
drohten, dann erwachte der Gush wie Phönix zu neuem Leben. In diesen Tagen
von existentieller Bedeutung bedurfte der Messias der besonderen aktiven Hilfe
seiner Gesandten. Die politische Theologie dieser religiös-politischen Sekte,
das zeigen die AutorInnen, ist durchdrungen von apokalyptischen Endzeitvorstellungen.
Trotz
ähnlicher politischer Stoßrichtung ist die literarische Qualität
der Bücher von Segev und Zertal/Eldar unterschiedlich. Segev hat ein perspektiven-
und facettenreiches, vor allem aber dramaturgisch hoch spannendes Buch über
den glorreichen Pyrrhussieg von 1967 vorgelegt. Obwohl man weiß, was passieren
und wie die Geschichte ausgehen wird, ist man gefesselt und möchte keine
Sekunde wegschauen. Die politische, diplomatische und militärische Geschichte
ist immer verzahnt mit Alltagsgeschichte(n). In einzelnen Personen und Geschichten
verdichtet und exemplifiziert Segev Geschichte, und zwar nicht bemüht und
konstruiert oder um der Anekdote willen, sondern unprätentiös und selbstverständlich,
so dass ein größerer Zusammenhang anhand eines Erlebnisses oder einer
Erfahrung verdeutlicht wird und verstanden werden kann.
Zertal und Eldar
haben im Grunde zwei Bücher geschrieben, eines mit diachronen und eines mit
analytischem Zugriff auf die Geschichte der Siedlerbewegung. Jedes ist informativ,
detailliert und lesenswert, doch eines hätte genügt. Wiederholungen
und Schleifen sind bei einer solchen Doppelstruktur unvermeidlich. Auch die Vorliebe
der AutorInnen (oder des Übersetzers) für lange und verschachtelte Sätze
erleichtert die Lektüre nicht gerade.
Schonungslos offen und kritisch
Auch wenn die Geschichte der Siedlerbewegung bislang unerforscht war, können
die Befunde von Zertal und Eldar nicht wirklich überraschen: Die ganze Welt,
mit Ausnahme einiger HardcorezionistInnen in den USA und großer Teile der
israelischen Gesellschaft, ist davon überzeugt, dass die SiedlerInnen eine
Last für den Frieden sind. Das Buch verleiht diesem Urteil eine seriöse
Grundlage. Für Irritationen wird es allerdings nicht sorgen. Es reiht sich
ein in die Phalanx israelkritischer Bücher von kritischen Israelis oder Juden,
des "anderen", des guten Israels, die nicht nur in Deutschland so gerne
verlegt, gelesen und gepriesen werden. Welches Unheimliche äußert sich
eigentlich in der Popularität von Felicitas Langer, Amira Hass, Moshe Zuckermann
oder nun Zertal, Eldar und Segev?
Es scheint so etwas wie einen israelischen
Stil zu geben - schonungslos offen und kritisch gegenüber nationalen Mythen,
und das, obwohl Legionen von AntisemitInnen nur darauf warten, neue Munition für
ihre Ressentiments geliefert zu bekommen, am besten von Juden und Jüdinnen
selbst. Das ist erstaunlich und bewundernswert. Hoffentlich tragen diese Bücher
eher dazu bei, die Lage und das Los dieses Landes einer oft verständnislosen
oder gar feindlich eingestellten Welt verständlicher zu machen. Damit der
Frieden im Nahen Osten eine Chance hat, bräuchte es ägyptische oder
syrische Segevs oder Zertals, die ebenso selbstkritisch darstellen, wie die arabischen
Länder in diesen vermeidbaren Krieg verwickelt wurden, welche gesellschaftlichen
Stimmungen ihm zugrunde lagen und welche Folgen er am siebten Tag gezeitigt hat.
Tom
Segev: 1967. Israels zweite Geburt. Siedler. München 2007. 800 Seiten, 28,80
Euro.
Idith Zertal/Akiva Eldar: Die Herren des Landes. Israel und die Siedlerbewegung
seit 1967. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2007. 572 Seiten, 28.- Euro.
Jörg
Später ist freier Autor und Lektor.