Vernichtung als Gnadenakt
Der Kolonialkrieg in Deutsch-Südwestafrika von 1904 bis 1908 ist bis heute
Gegenstand heftiger öffentlicher Auseinandersetzungen, ob in Namibia oder
hierzulande. Der "Herero-Krieg" wurde bereits im damaligen deutschen
Kaiserreich ausgiebig debattiert und kann als regelrechtes Diskursereignis betrachtet
werden. Es erschien damals eine Flut von populär-historischen Darstellungen,
Memoiren und Tagebüchern, Editionen von Feldpostbriefen bis hin zu belletristischen
Texten, darunter Romane und Erzählungen, Gedichte, Jugend- und Kinderbücher,
Zeitungsberichte oder Bühnenstücke. In seiner nun als Buch vorliegenden
Dissertation untersucht der Literaturwissenschaftler Medardus Brehl die sprachlichen
Strategien, mit denen die Vernichtung der Herero - die Nama bleiben weitgehend
außen vor - in den öffentlichen Diskussionen thematisiert wurde.
Brehl
befasst sich in seiner Studie nicht nur mit bekannten Werken wie dem von Gustav
Frenssen (Peter Moors Fahrt nach Südwest. Ein Feldzugsbericht) oder dem Jugendbuch
von Friedrich Meister (MuHérero riKárera [Nimm Dich in acht, Herero!]),
sondern er hat auch viele weniger bekannte Texte aus den Jahren nach 1904 ausgegraben.
Von VertreterInnen der "Tätergesellschaft" für die Mitglieder
derselben aufgeschrieben, sind es Geschichtserzählungen aus der Perspektive
der Sieger, die die Stimme der Opfer nicht zu Wort kommen lassen. Eine grundsätzliche
Verschiedenheit von Europäern und Afrikanern konstruierend, sind die Aggressoren
stets die "Anderen", die Herero. Sie werden als "wilde Bestien"
dämonisiert, wohingegen die deutschen Kolonisten implizit eine defensive
Position zugewiesen bekommen.
Bei der Darstellung des Krieges zwischen
den deutschen Kolonialherren und den Herero wird die Vernichtung letzterer keineswegs
ausgeblendet. Ganz im Gegenteil wird sie mit Argumenten legitimiert, die eine
Gesetzmäßigkeit des historischen Prozesses nahe legen. Und so wird
das "Verschwinden" der "Schwarzen" im Zuge solcher Kolonialkriege
als Beschleunigung eines ohnehin unabwendbaren Sterbens der "Wilden",
der "Völker am Rande der Geschichte" aufgefasst. Brehls Analyse
der (Kolonial-)Literatur gipfelt in der erschreckenden Erkenntnis, dass wahrhaft
philanthropisches Verhalten darin gesehen wurde, die Ausrottung der von der Evolution
zum Untergang geweihten Völker aktiv zu betreiben. Völkermord wurde
in dieser Perspektive zu moralischem Handeln stilisiert. Die Texte spiegeln aber
auch den Kampf um die Etablierung und Bewahrung deutscher Identität in der
Siedlungskolonie "Deutsch-Südwest" wider. Es ging darum, den Weg
frei zu machen für einen "homogenen Volkskörper" in einem
Territorium, das die Deutschen sich zu ihrem neuen "Lebensraum" machen
wollten.
Die brillante Untersuchung von Brehl ist nicht zuletzt deshalb
aktuell, weil die freigelegten Argumentationsmuster auf andere im 20. Jahrhundert
begangene Genozide verweisen, etwa den Völkermord an den Armeniern oder den
Holocaust. So ist das Buch ein wichtiger Beitrag zur gegenwärtig geführten
Diskussion über die Frage, was der deutsche Kolonialismus mit der NS-Herrschaft
und seiner Vernichtungspolitik zu tun hat.
Joachim Zeller
Medardus
Brehl: Vernichtung der Herero. Diskurse der Gewalt in der deutschen Kolonialliteratur.
Wilhelm Fink Verlag, München 2007. 256 Seiten, 28,80 Euro