Soziologie des Kriegers: Täterforschung zum Vietnamkrieg
Spätestens mit dem Vietnamkrieg mutierten die USA vom "guten" zum
"bösen" Weltpolizisten. Gut 25 Jahre, nachdem die Amerikaner maßgeblich
Europa von den Nazis befreit, und rund 15 Jahre, nachdem sie Großbritannien
und Frankreich für deren kriegerisches, koloniales Abenteuer am Suezkanal
verurteilt hatten, wurden sie selbst zur Zielscheibe weltweiter Proteste gegen
einen "neokolonialen" Krieg. Das militärische Engagement in Vietnam
war das entscheidende Ereignis des weltweiten Antiimperialismus der 1970er Jahre
- wenngleich der europäische Antiamerikanismus viel älteren Datums ist.
Die Massaker von My Lay und die Agent Orange-Einsätze wurden zu Ikonen des
Endes des amerikanischen Traumes und der Anklage der fortdauernden Herrschaft
des "weißen Mannes", nun unter dem Kommando der "Yankees".
Gleichwohl gibt es in Deutschland nur wenig Literatur über diesen Krieg.
Marc Freys Geschichte des Vietnamkrieges beispielsweise, ein instruktives, aber
schmales Bändchen, ist bald zehn Jahre alt.
In der Hamburger Edition,
dem Verlag des Reemtsma'schen Hamburger Instituts für Sozialforschung, ist
nun mit Krieg ohne Fronten ein opulentes Werk über die "entgrenzte Gewalt"
des Vietnamkrieges erschienen. Es ist keine Gesamtgeschichte, sondern beschäftigt
sich mit den Jahren zwischen 1967 und 1971, mit den Todesschwadronen, Massakern
und dem Abnutzungskrieg. Geschrieben hat es mit Bernd Greiner der Leiter des Arbeitsschwerpunktes
"Theorie und Geschichte der Gewalt", aus dessen Kreis unter anderem
die Wehrmachtsausstellungen konzipiert wurden.
Das Buch folgt daher den
Erkenntnissen und Vorgaben der NS-Täterforschung. Es ist zunächst irritierend,
den Vietnamkrieg mit einem Instrumentarium analysiert zu sehen, das auf den NS-Vernichtungskrieg
mit dem Judenmord im Mittelpunkt angewendet wurde. Da es jedoch nicht um einen
Vergleich des Gesamtgeschehens geht, sondern um die begrenzte Frage, warum normale
Soldaten Kriegsverbrechen begehen, also Dinge tun, die sie sich vorher sicherlich
nicht hätten vorstellen können, ist die Anlage des Buches nachvollziehbar
und letztlich überzeugend. Greiner fragt nach den Voraussetzungen und Erscheinungsformen
einer Gewalt, die mit der Bemerkung "so ist halt Krieg" nicht zu verstehen
ist. Er ist in seiner Analyse immer auf der Suche nach Strukturen, die Handlungen
bestimmen und verständlich machen, aber er ist nie deterministisch. Eine
Struktur macht eine Handlung wahrscheinlich, erzwingt sie aber nicht. Jeder Akteur
könnte immer anders handeln.
Auf der Täterebene unterscheidet
Greiner zwischen Kriegsherren, Generälen, Offizieren und Kriegern. Die amerikanische
Kriegsführung war demnach bestimmt durch Selbstlegitimierung auf unterster
Ebene, "Body Count"-Manie in den mittleren Führungskadern, Kampf
um politische Glaubwürdigkeit und militärisches Prestige auf Seiten
des Oberkommandos in Washington und Saigon. Das Ergebnis sind in jedem Fall Kriegsverbrechen.
Wie
kam es zur Politik des "Nicht-aufhören-Könnens"? Hier sieht
Greiner vor allem die Imperative des Kalten Krieges am Wirken. Die politischen
Weichenstellungen waren bestimmt von "Dominotheorie" und Antikommunismus,
von "imperialer Präsidentschaft" und "Verwaltung des Ausnahmezustandes".
Die Generäle übertrugen mit dem Prinzip, die Infrastruktur des Feindes
zu zerstören, eine Abnutzungsstrategie des totalen Krieges auf den Schauplatz
eines "kleinen Krieges" und brachten somit die "Blutpumpe"
in Funktion, weil sich die kriegerische Gewalt stetig radikalisierte und die Kampfzone
auf das Zivile ausweitet wurde. Die Offiziere schließlich brutalisierten
die eigenen Streitkräfte und luden sie zu Kriegsverbrechen ein.
Bestechend
ist Greiners Soziologie des Kriegers. Er zeigt, wie soziale Zugehörigkeit
über die Wahrscheinlichkeit entschied, kämpfen und womöglich töten
oder sterben zu müssen. Er verdeutlicht, wie bei den "Dschungelkriegern"
das Heroische im Zeitalter seiner Entwertung wiederbelebt wurde. Er berichtet
davon, wie sehr Fragen von Selbstachtung, Verachtung, Selbsthass und Hass miteinander
verbunden waren, wie das Gerechtigkeitsgefühl und der Stolz dieser Männer
in diesem Krieg verletzt wurden. Und wie daraus die Selbstermächtigung zur
exzessiven Gewalt und die Transformation vom teils indifferenten, teils stolzen
und teils widerwilligen Soldaten zum wütenden Krieger erfolgte. Denn Gewalt
barg das Versprechen wiedergewonnener Kontrolle, sie schuf klare Verhältnisse
und verwandelte Unsicherheit in Macht. Nicht zufällig richtete sich Gewalt
oft gegen Frauen. Greiner veranschaulicht, wie das Vertuschen der Verbrechen funktionierte:
Manche schwiegen aus Loyalität, manche aus Scham, manche aus Resignation.
Schwer
zu ertragen ist die konkrete Schilderung des Krieges gegen die Bevölkerung,
der an Grausamkeit kaum zu überbieten war. Man liest das fassungslos und
ist geneigt zu verstehen, warum die USA so viel Hass auf sich zogen. Der Autor
deutet dabei durchaus den Terror des Vietcong an und bezieht ihn in die Ursachenanalyse
der entgrenzten Gewalt mit ein. Sein Thema ist er aber nicht.
Greiner
geht es um eine mit juristischen Mitteln betriebene Aufklärung, nicht um
den Krieg an sich, und schon gar nicht um den "imperialistischen Krieg"
eines "Systems", das sich auf eine "rassistische Gesellschaft"
stützt und durch "Klassenjustiz" vergiftet ist, wie linke AktivistInnen
in den USA seinerzeit behaupteten. Greiner will die konkreten Kriegsverbrechen
beleuchten, die in der Art der Kriegsführung zwar angelegt, aber gleichwohl
nicht unvermeidlich waren.
Das Buch hat neben der NS-Forschung einen weiteren
doppelten Boden: Man kann es nicht lesen, ohne an das gegenwärtige Desaster
der USA im Irak zu denken. So etwa bei der These, dass die amerikanischen Kriegsstrategen
in der Glaubwürdigkeitsfalle steckten. Sie konnten nicht aufhören, ohne
das Gesicht zu verlieren, und beraubten sich somit aller Handlungsfähigkeit.
Ebenso ist die strukturelle Erklärung von den "asymmetrischen Kriegen",
die den Terror beider Seiten begünstigten, angesichts der Schreckensmeldungen
aus Bagdad zum geflügelten Wort geworden. "Shock and awe" sei aber
schon damals das Prinzip der Abnutzungsstrategie gewesen, meint Greiner.
Sein
Tribunal gegen den Vietnamkrieg folgt keineswegs antiamerikanischen Motiven, nach
dem Motto: "Die Amis sind auch nicht besser...". Eine Reflexion über
die Anleihen aus der NS-Forschung und die Parallelen zum "Krieg gegen den
Terror" wäre allerdings wünschenswert gewesen und hätte einer
unangenehmen Instrumentalisierung von Greiners Ermittlungen vorgebeugt.
Jörg
Später
Bernd Greiner: Krieg ohne Fronten. Die USA in Vietnam.
Hamburger Edition, Hamburg 2007. 595 Seiten, 35 Euro