Rezension: Gegen die Macht des Vernichtens
Die organisierte Vernichtung von Menschen hat viele Namen: Genozid, Massaker,
ethnische Säuberung. Das beklemmende Entsetzen über die "Verbrechen
an der Menschlichkeit" macht es schwierig, das Geschehene zu begreifen. Erinnerungsarbeit
konzentriert sich primär darauf, die Leiden der Opfer unvergessen zu machen.
Den Erinnenden gleitet ein phrasenhaftes "Wie-konnte-das-geschehen?"
über die Lippen, das Betroffenheit und Abscheu signalisiert, jedoch nur selten
wirkliches Nachfragen impliziert. Viel eher als nach einer "Erklärung"
für das von den Tätern praktizierte Massakrieren von ZivilistInnen zu
suchen, wird ihr mörderisches Tun als irrational und barbarisch abgeurteilt,
als Unfassbares in ein scheinbar jenseitiges Reich der Abgründe wegdefiniert.
Das ist in Anbetracht der Gräuel und des Schreckens verständlich. Hilfreich
ist es nicht.
Um das "Unbegreifliche" zu ergründen, lohnt
es sich durchaus, die Logik der Täter einmal in den Mittelpunkt zu stellen.
Genau diesen Schritt unternimmt der Historiker Jacques Sémelin in seinem
Buch Säubern und Vernichten. Insbesondere wendet er sich gegen die Behauptung,
dass Völkermord und auf Vernichtung zielende Massaker unbegreiflich und irrational
seien. Doch welchen Sinn und welche Bedeutung verleihen die Schlächter ihrem
Handeln?
Die Frage mag irritieren. Warum sollte man sich mit der Logik
der Schlächter überhaupt befassen? Sémelins überzeugendste
Antwort ist eine, die sich gegen die Zwangsläufigkeit von Vernichtungseskalationen
richtet: weil zu jedem beliebigen Zeitpunkt der massenhaften Vernichtung, deren
Dynamik schon lange vor dem ersten Morden beginnt, jeder einzelne Schlächter,
Befehlsgeber, Mitwisser und Befehlsausführer auch hätte ganz anders
entscheiden können.
Beispiele dafür gibt es genügend. Und
dennoch wurde diese Option von nur wenigen, zu wenigen gewählt. Von Unwissenheit
kann nie die Rede sein - auch das zeigt Sémelin. Warum also ließen
so viele die eigene Angst reifen, bekamen ihre Feigheit nicht in den Griff, warum
legitimierten sie wider besseren Wissens durch verleumderische Selbstlügen
ihr Tun? Sémelin hat sich vorgenommen, die Entstehung und Erzeugung der
entschuldigend vorgebrachten Angst der Mörder, Befehlsausführer und
MitwisserInnen systematisch zu durchleuchten. Er will der vermeintlichen Irrationalität
ihres Handelns psychologisch auf den Grund gehen und die Erkenntnisse mit politischen
und soziohistorischen Ursachenanalysen verknüpfen.
Dabei will Sémelin
das Grauen nicht vollständig erklären, schon gar nicht verständnisvoll
entschuldigen. Entsetzen bleibt Entsetzen, Morden bleibt grauenvoll. Dennoch überzeugt
der Gedanke, mit Hilfe verschiedener historischer, politischer, sozialwissenschaftlicher
und psychologischer Perspektiven die Dynamik der Entstehung von Massakern zu erkennen
und möglicherweise vor ihrer Eskalation zu durchbrechen.
Sémelin
wagt es, zum Zwecke der Erforschung der dem Massaker vorausgehenden Entwicklungen
drei Vernichtungsdynamiken gegenüberzustellen - den Holocaust, den Genozid
an den Tutsi und die Massaker im ehemaligen Jugoslawien. Immer auf der Suche nach
der jeweiligen wahnhaften Rationalität werden in dem sehr bedachtsam angestellten
"Vergleich" gelegentlich konvergierende, meist jedoch differierende
Verläufe beschrieben.
In jedem Fall steht am Anfang die Essentialisierung
eines Fremden, dessen Anderssein verabsolutiert wird. Er wird für irgendwelche
Missstände verantwortlich und durch gezielte Propaganda zum Feind gemacht.
Als Reaktion auf die eigene Angst vor dem Feinde, die oft von nur einer Handvoll
Kampflustiger bewusst provoziert wird, entsteht Hass. Ein Sicherheitsdilemma wird
inszeniert, schließlich ein ultimatives "Wir-oder-Die" beschwört.
Das aus dem oft über Jahre produzierten Reinheitsbedürfnis einer "Volkgemeinschaft"
abgeleitete Säuberungsgebot kulminiert in einer in jedem Falle alternativlosen
"Lösung".
Mit den Ideologien, die den Massenmorden vorausgingen,
haben sich viele beschäftigt. Der Verdienst von Sémelin liegt hauptsächlich
darin, ständig den Einzelnen in seinen Möglichkeiten und seinem Denken
gegenüber den kollektiven Prozessen der Erzeugung von Angst, Hass, "wahnsinniger"
Rationalität und dem Handeln gegen besseres Wissen abzugrenzen. Er fragt
danach, wie das individuelle Denken und das gesellschaftliche Handeln jeweils
"funktionierten", wie Irritationen ausgeräumt, KomplizInnen geschaffen
und Gruppendynamiken in Gang gesetzt wurden. Weder Gruppenzwang noch diktatorische
Befehlsmacht reichen alleine aus, um den Mechanismus des Mordens in Gang zu setzten.
Die massenförmige Gewaltdynamik ist komplexer. Sémelin fragt danach,
welche Form der Mobilmachung dazu beitrug, den Massenmord vorzubereiten, welche
Rolle der internationalen Politik zukommt, wie kollektive Gleichgültigkeit
entsteht und in aktive Mitwirkung mündet, unter welchen politischen und sozialen
Konstellationen eine abstrakte Idee in die grausame Tat umschlägt.
Wie
Darfur gezeigt hat, ist das von der internationalen Gemeinschaft gefällte
Urteil, ob es sich im konkreten Fall um einen "Genozid" handelt oder
nicht, eine politische und eine juristische Entscheidung. Ein Genozid verpflichtet
völkerrechtlich zum Einschreiten, insofern ist dieser juristische Begriff
immer auch Spielball und Konfliktgegenstand der Politik. Aus diesem Grunde plädiert
Sémelin dafür, zu rechtlichen und normativen Definitionen auf Distanz
zu gehen - und konzentriert sich stattdessen auf den Begriff des Massakers. Sein
Versuch einer Morphologie der Massaker, die er in unterwerfende, ausrottende und
aufständische Vernichtungspraktiken unterscheidet, sind jedoch einem wissenschaftlichen
Erkenntnis- und Ergebniszwang verpflichtet, der fehl am Platze scheint.
Zwar
will Sémelin mit seiner Morphologie verhindern, dass so genannte genozidale
Kriege oder ethnische Säuberungen aus dem Blick geraten. Doch wird er dem
eigenen Komplexitätsanspruch nicht mehr gerecht, wenn inflationär nur
noch einzelne Gewaltdynamiken herangezogen werden. Von Pol Pot über den Gulag,
vom Holocaust über die Ukraine bis zum Dschihad, dienen die Beispiele immer
nur zur Einordnung in eine der drei Vernichtungskategorien. Insofern bleibt abzuwarten,
ob die von Sémelin geplante digitale Enzyklopädie der Massengewalt
(www.massviolence.org) es vermeidet, die einzelnen Orte und Geschehnisse zu bloßen
Versatzstücken auseinander zu definieren.
Martina Backes
Jacques
Sémelin: Säubern und Vernichten. Die politische Dimension von Massakern
und Völkermorden. Aus dem Französischen von Thomas Laugstien. Hamburger
Edition, Hamburg 2007. 456 S., 40 Euro.