Rezension: Die deutsche Identität macht Karriere
"Die Rede von einem kulturellen Konsens, der angeblich identitätsbestimmend
ist, widerspricht (...) der alltäglichen Erfahrung, nach der die suggerierte
Verbindlichkeit 'deutscher Sitten und Gewohnheiten' nicht existiert. (...) Ist
die 'kulturelle Identität' demnach reine Fiktion? Oder eine rationale Konstruktion,
mit der sich in einer bestimmten Situation Politik machen lässt?"
Diese
spannenden Fragen, die in der Einleitung aufgeworfen werden, beantwortet Siebo
Siems in seinem Buch leider nicht alle in derselben Deutlichkeit. Zwar bietet
er in seiner Dissertation einen umfassenden Überblick über Die deutsche
Karriere kollektiver Identität und über die Entwicklung des Identitätskonzepts
"vom wissenschaftlichen Begriff zum massenmedialen Jargon" (Untertitel).
Allerdings merkt man der Schrift deutlich an, dass sie für wissenschaftliche
Zwecke verfasst wurde. Insofern ist das Buch eher für LeserInnen geeignet,
die sich vertiefte Kenntnisse wünschen.
Siems zeigt, wie sich die
Idee einer "kulturellen Identität" zwischen Anfang und Mitte des
20. Jahrhunderts als wissenschaftlicher Begriff etablierte und heute zu einem
so verbreiteten Konzept geworden ist, dass es sich selbst bei KritikerInnen einer
deutschen Leitkultur wieder findet. Er stellt fest, dass die Idee einer durch
Herkunft und Kultur bedingten "Identität" mittlerweile den Status
einer wissenschaftlich neutralen Gegebenheit erlangt hat.
Ausführlich
geht Siems auf den "Vater" des Identitätskonzepts, Erik H. Erikson,
ein, der in den USA der 1940er Jahre als Einwanderer Erfahrungen im melting pot
machte. Erikson beobachtete dort die Erfindung der amerikanischen "Super-Identität",
durch die Herkunft und Kultur wichtig und unwichtig zugleich wurden, und erklärte
sich diese mit der "assimilatorische[n] Kraft fortschreitender Mechanisierung
und Technisierung" - eine These, die heute mit einem Fragezeichen versehen
werden müsste, spielen doch in hochindustrialisierten Ländern wie Frankreich
Konflikte mit EinwandererInnen der zweiten und dritten Generation eine große
Rolle.
In der Bundesrepublik wurde in den 1960er und 70er Jahren die US-amerikanische
Identitätsterminologie wissenschaftlich rezipiert - vor allem durch Jürgen
Habermas - und gleichzeitig popularisiert. Die zentrale Rolle kollektiver Identität
für Habermas' Theoriearbeit ist laut Siems oft übersehen worden; er
widmet dem Thema daher zwei ausführliche Kapitel.
In den 1980er und
90er Jahren lassen sich zwei Entwicklungen beobachten: Zum einen eine kulturalisierte
Interpretation gesellschaftlicher Realität, die Kultur und Herkunft als Ursachen
für Kriege und soziale Konflikte versteht. Zum anderen eine Verschärfung
sozialer Ungleichheit, die zu einem höheren Bedarf an Erklärungsmustern
führt. Dies begünstigt womöglich weiter die Popularisierung des
Identitätskonzepts und zeigt sich auch an Kontroversen wie dem "Historikerstreit"
oder der Leitkulturdebatte, die die Frage nach der nationalen Identität
der Deutschen' thematisierten.
Siems macht deutlich: Das Konzept einer
kulturell definierten Identität ist "ein Wahrnehmungsmuster gesellschaftlicher
Wirklichkeit (...), in dem massenhaft vorhandene unbewusste Bedürfnisse konformistisch
organisiert werden".
Sarah Lempp
Siebo Siems: Die
deutsche Karriere kollektiver Identität. Vom wissenschaftlichen Begriff zum
massenmedialen Jargon. Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2007.
283 S., 29,90 Euro.