Rezension: Reise nach Zentralasien
Obwohl
sie ökonomisch aufgrund der enormen Erdöl- und Erdgasvorkommen immer
wichtiger wird, ist Zentralasien keine Region, der hierzulande großes publizistisches
Interesse entgegengebracht wird. Daran ändert auch der Band Zentralasien.
Politische Reisereportagen von Elke Windisch nichts. Aber er zeigt, was es hier
noch alles zu beschreiben gäbe. Die im besten Sinne einfach, aber schön
geschriebenen journalistischen Texte machen Lust auf mehr. Man erfährt viel
über die Geschichte und Politik, aber auch das Alltagsleben etwa in der neuen
kasachischen Hauptstadt Astana.
Der Tod des größenwahnsinnigen
Diktators Türkmenbas¸i steht am Beginn des Buches. Die Autorin freut
sich sichtlich darüber, schließlich ist es der Präsident Turkmenistans,
den sie für die Ermordung ihrer Freundin und Kollegin Ogulsapar Muradowa
verantwortlich macht. Als Gründungsmitglied der nichtstaatlichen Menschenrechtsorganisation
Turkmenistan Helsinki Foundation (THF) und Korrespondentin des US-Rundfunksenders
Radio Liberty war sie am 18. Juni 2006 in ihrer Wohnung von zwei Polizeibeamten
ohne Haftbefehl festgenommen worden. Drei Monate später war sie tot.
Turkmenistan
leidet heute nicht nur unter autoritären Strukturen, die vom Personenkult
und der totalitären Diktatur des Türkmenbas¸i und seiner Nachfolger
geprägt sind, sondern auch unter den Folgen des sowjetischen und heute russischen
Imperialismus. Ähnliches zeigen auch die Reportagen aus Kasachstan, Kirgisien,
Tajikistan, Usbekistan und der zu Usbekistan gehörenden autonomen Republik
Karakalpakistan. Dabei beschränkt sich Windischs Sicht auf diesen trostlosen
Winkel Zentralasiens nicht allein auf die von Menschenhand verursachte ökologische
Katastrophe der Austrocknung des Aral-Sees. Sie spricht auch separatistische Bestrebungen,
wie sie von der "Befreiungsfront Karakalpakistan" betrieben werden,
oder die Funktion der lebensfeindlichen Wüste für die Straflager des
autoritären usbekischen Präsidenten Karimow an.
Ihre Reportagen
aus Afghanistan passen auf den ersten Blick nicht ganz in dieses Panorama der
exsowjetischen Republiken Zentralasiens. Allerdings ist es nicht nur die räumliche
Nähe Afghanistans, sondern auch die historische Bedeutung des Afghanistankriegs
für das Ende der sowjetischen Dominanz über Zentralasien und später
für das Erstarken islamistischer Kräfte in der Region, die dann doch
eine gewisse Konsistenz herstellen.
Dem kleinen, aber feinen Dagag?yeli-Verlag,
der sich auf die Literaturen der Türkvölker von der Ägäis
bis Sibirien spezialisiert hat, ist mit diesem Buch ein wunderbarer Einstieg in
eine zu Unrecht unbeachtete Region gelungen.
Thomas Schmidinger
Elke
Windisch: Zentralasien. Politische Reisereportagen. Dag?yeli-Verlag, Berlin 2007.
308 S., 18,80 Euro.