Standardwerk zu Migration in Europa
Vor
zwei Jahren warf die Publizistin Necla Kelek der "öffentlich finanzierten"
Migrationsforschung Versagen vor: Diese habe nicht erkannt, dass sich inmitten
der freien und offenen Gesellschaft unter muslimischen MigrantInnen repressive,
vor allem frauenfeindliche Parallelgesellschaften herausgebildet hätten.
Zwangsehen, Ehrenmorde und ethnische Segregation seien den WissenschaftlerInnen
verborgen geblieben, weil sie vom Multikulturalismus träumten. Kurzum, die
Migrationsforschung habe das "Problem Islam" in Europa ignoriert.
In
der Tat hat die wissenschaftliche Beschäftigung mit Migration lange Zeit
andere Probleme gehabt. Angesichts der gefühlten Natürlichkeit von Nationen
und Nationalstaaten, der hässlichen Fratze von Rassismus und Xenophobie und
der nationalistischen Lebenslüge, Deutschland sei kein Einwanderungsland,
haben MigrationsforscherInnen die historische Normalität der Wanderungen
von Menschen über Grenzen und zuweilen auch von Grenzen über Menschen
betont. Migration gehöre zur Conditio humana wie Essen und Schlafen, Lieben
und Leiden, denn der Homo sapiens habe sich als Homo migrans über die Welt
ausgebreitet.
Gleichwohl ist Keleks Kritik unbegründet und allein
politisch zu erklären. Denn zum einen wird durch ein neues Problem nicht
alles hinfällig, was zuvor wichtig war; zum anderen ist die Frage von Integration
seit jeher eine der zentralen der Migrationsforschung gewesen. Wie beides zusammengeht,
ist zu bewundern in der Enzyklopädie Migration in Europa, herausgegeben von
einem deutsch-niederländischem Herausgebergremium um Klaus J. Bade. An ihm
beteiligten sich weit über 200 HistorikerInnen aus ganz Europa. Die Enzyklopädie
ist nicht nur ein gut handhabbares Nachschlagewerk über Wanderungsbewegungen
seit dem 17. Jahrhundert, es bietet auch einen glänzenden, fast synthetisierenden
Überblick über die europäische Migrationsgeschichte. Schließlich
stellt es das öffentliche Sorgenthema Integration in den Mittelpunkt fast
jeden Beitrags, ohne sich jedoch von einer normativen Assimilierungserwartung
leiten zu lassen.
Die Konzeption ist bestechend klar: Der relativ kurze
erste Teil erläutert kompakt und strukturiert die Idee des Projektes bis
zu seiner Realisierung und stellt die Terminologien und Konzepte der Migrationsforschung
vor. Er analysiert Wanderungssysteme, stellt Typologien der Migrationen vor und
untersucht Migrationsregime von der Frühen Neuzeit an. Kurzum, er legt dar,
was eine Theorie der Migration zu leisten hat. Im zweiten Teil wird anhand eines
weitgehend einheitlichen Schemas die Wanderungsgeschichte der einzelnen europäischen
Länder zusammengefasst. Der dritte Teil umfasst die "eigentliche"
Enzyklopädie und ist nach Wanderungsgruppen gegliedert. Wenn wir zum Beispiel
den Buchstaben "A" nehmen, finden wir solch heterogene Geschichten wie
die der ägyptischen "Sans-Papiers" in Paris seit den 1980er Jahren,
den albanischen SiedlerInnen in Italien seit der Frühen Neuzeit, die alliierten
Militärangehörigen in Deutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges,
armenische Handelskolonien in Russland seit dem Spätmittelalter und außereuropäische
Fußballspieler in West- und Südeuropa seit dem späten 19. Jahrhundert.
Die
Integration von Muslimen nimmt den ihnen gebührenden Platz in der europäischen
Migrationsgeschichte ein. Sie spielt, trotz aller gegenwärtigen Ängste,
eine kleine, wenngleich sichtbare Rolle. Den Artikel über die türkischen
ArbeitswanderInnen in West-, Mittel- und Nordeuropa seit Mitte der 1950er Jahre,
der Necla Kelek besonders interessieren wird, hat ausgerechnet Yasemin Karakasoglu
geschrieben, mit der sie sich vor zwei Jahren per öffentlichem Brief gestritten
hat. Von Multikultischwärmerei ist hier aber nichts zu spüren. Karakasoglu
stellt nüchtern fest, dass von einer erfolgreichen Integration pauschal genauso
wenig gesprochen werden kann wie von einer missglückten. Dabei wird niemand
aus seiner Verantwortung entlassen, weder Staat noch Mehrheitsgesellschaft noch
Minderheit, wenngleich die Handlungsmöglichkeiten asymmetrisch sind.
Dieses
Nachschlagewerk wird allein wegen seiner europäischen Dimension neue Maßstäbe
setzen. Es überzeugt aber auch in redaktioneller Hinsicht: Die einzelnen
Artikel folgen einem strikten Aufbau, sie sind gut geschrieben und die AutorInnen
gehören in der Regel zu den führenden ihres Sujets. Es bleibt zu hoffen,
dass demnächst ein ForscherInnenteam nach der europäischen die globale
Dimension der Wanderungen in den Blick nimmt, und zwar nicht nur von Süd
nach Nord, sondern ebenso von Süd nach Süd. Denn vermutlich 95 Prozent
der gegenwärtigen Migrationen geschehen außerhalb Europas. Es ist eben
immer nur eine Frage der Perspektive, wie dringlich ein Problem ist, zum Beispiel
das der eindimensional erfolgten Integration der Muslime in Deutschland.
Jörg
Später
Klaus J. Bade u.a. (Hg.): Enzyklopädie Migration
in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Ferdinand Schöningh, Wilhelm
Fink, u.a. Paderborn 2007. 1.156 Seiten, 78 Euro.