Rezension: Boxer gegen Kolonialisten
Gegen
Ende des 19. Jahrhunderts stand das chinesische Kaiserreich unter erheblichem
inneren wie äußeren Druck. Naturkatastrophen führten in Nordchina
zu Hungersnöten und forderten Millionen von Toten. Die Unfähigkeit der
Regierung zur Krisenregulation, die Verelendung der ländlichen Bevölkerung
sowie Banden und Selbstschutzmilizen stellten die soziale Ordnung zunehmend in
Frage. Gleichzeitig wurde China zur Zielscheibe imperialistischer Mächte
aus Europa, den USA, Russland und Japan. Zur Durchdringung des Riesenreiches verlegten
sich die untereinander konkurrierenden Imperialmächte auf eine Strategie
der Erpressung, um an wirtschaftliche Konzessionen, politische Sonderrechte und
einzelne gut abgesicherte Stützpunkte zu gelangen. Wichtiger Hebel zur Destabilisierung
waren die christlichen Missionen, die mit rechtlicher Immunität ausgestattet
wurden. So lieferten zahlreiche "Missionszwischenfälle" immer wieder
den Vorwand für internationale Interventionen verschiedener Eskalationsstufen,
im Falle Deutschlands sogar der militärischen Inbesitznahme des "Pachtgebietes
Kiautschou" 1897.
In dem von Mechthild Leutner und Klaus Mühlhahn
herausgegebenen Sammelband Kolonialkrieg in China. Die Niederschlagung der Boxerbewegung
1900-1901 wird beleuchtet, wie sich unter diesen Bedingungen in Nordchina ab 1898
eine soziale Aufstandsbewegung ausbreitete. Aufgrund ihrer Kampfkunstkultivierung
wurden die Yihequan (Vereinigte Fäuste für Gerechtigkeit) bald als "Boxer"
bezeichnet. "Innerhalb sehr kurzer Zeit mobilisierten sie 400.000 bis 500.000
Bauern, die am Kampf teilnahmen, Kirchen niederbrannten und AusländerInnen
töteten, Gleise herausrissen, ausländische Waren zerstörten und
gegen die Truppen der alliierten Mächte einen Kampf auf Leben und Tod begannen",
schreibt Sun Lixin, einer der drei chinesischen von insgesamt 16 AutorInnen.
In
den Beiträgen wird mit Bedacht das Spannungsverhältnis aufgezeigt, in
dem sich die Boxer bewegten: selbstorganisierte Protestbewegung und antiimperialistischer
Abwehrkampf auf der einen Seite, religiöser Fanatismus, Verschwörungstheorien,
Beschwörungszeremonien und ebenso pauschale wie mörderische Fremdenfeindlichkeit
auf der anderen Seite. Diese Zwiespältigkeit sollte im Nachhinein Ausgangspunkt
für völlig gegensätzliche Interpretationen der "Boxer"
werden, die von scharfer Ablehnung durch prowestliche ReformerInnen in China bis
zur glühenden Verehrung durch die Roten Garden der maoistischen Kulturrevolution
reichen sollten.
Der politische Siedepunkt der Boxerbewegung wurde mit
der Belagerung des Gesandtschaftsviertels in Peking Mitte des Jahres 1900 erreicht.
Ein Bündnis aus acht imperialistischen Mächten, an dessen Spitze sich
das Deutsche Kaiserreich zu setzen versuchte, marschierte daraufhin in China ein
und führte einen offenen Kolonialkrieg auch gegen die kaiserliche Armee.
Er endete mit der Unterwerfung Chinas und der Aufbürdung enormer finanzieller
und politischer Lasten. Mit dieser so genannten "Strafexpedition" führte
das junge Deutsche Reich seinen ersten 'richtigen Krieg' (von lokal begrenzten
militärischen Auseinandersetzungen in den deutschen Kolonien abgesehen).
Die Militärs zielten um jeden Preis auf Praxiserfahrungen und Orden ab. Sie
suchten Schlachten, auch als es nichts mehr zu bekämpfen gab. Die AutorInnen
weisen anhand verschiedenster Quellen nach, mit welcher Hemmungslosigkeit dabei
vorgegangen wurde. Die mit ihrer Hauptstreitmacht 'zu spät' gekommenen Deutschen
plünderten, brandschatzten und mordeten, "was das Zeug hielt".
Dieses Vorgehen war durch Kaiser Wilhelm II. geradezu eingefordert worden.
In seiner "Hunnenrede" bei der Verabschiedung des Ostasiatischen Korps
in Bremerhaven hatte er den viel zitierten Ausspruch getan: "Pardon wird
nicht gegeben, Gefangene nicht gemacht". Reden wie diese verfehlten ihre
Wirkung bei den Soldaten nicht und wurden in der deutschen Öffentlichkeit
weitgehend gerechtfertigt. Mit Ausnahme der SPD und anderer linker Kräfte,
die teilweise scharfe Kritik übten, produzierten die meisten Deutschen chinesenfeindliche
Klischees und sahen sich in der Rolle der Zivilisierten.
Die HerausgeberInnen
begründen im Vorwort, warum sie im Titel den Begriff "Kolonialkrieg"
benutzen und nicht häufig verwendete Bezeichnungen wie Boxer-Aufstand,
-Rebellion
oder -Expedition. Sie wollen damit den kolonialen Kontext der Ereignisse in den
Vordergrund stellen und einen Vergleich mit anderen Kolonialkriegen ermöglichen.
Letzteres bleibt leider aus. Dabei gäbe es möglicherweise Parallelen
zum Maji-Maji-Krieg in Deutschostafrika wenige Jahre später. Die dortigen
Aufständischen glaubten, durch ein heiliges Wasser und rituelle Praktiken
unverwundbar zu werden. Dieser Glaube stellte sich zunächst als ebenso mobilisierend
wie im Folgenden verhängnisvoll heraus. Bei den "Boxern" hatte
der Glaube, durch Geister und ritualisiertes Kampfkunsttraining unverwundbar zu
werden, ein ähnliches Ergebnis.
Ebenso wenig werden in dem Band Paul
von Lettow-Vorbeck und Lothar von Trotha behandelt. Diese beiden Offiziere der
China-"Strafexpedition" waren berüchtigte Protagonisten späterer
Kolonialkriege und hätten einen biographischen Verbindungspunkt darstellen
können. Schließlich wäre ergänzend zum Beitrag von Heike
Frick über "Die Boxer im kulturellen Gedächtnis Chinas" ein
Blick auf die heutige deutsche Erinnerungskultur spannend gewesen.
Ungeachtet
dieser offenen Fragen bietet das Buch eine große Themenpalette und gute
Detailstudien, etwa zum Widerstand gegen den deutschen Eisenbahnbau, zur umstrittenen
Frage, wer eigentlich für den Tod des deutschen Gesandten Clemens von Ketteler
verantwortlich war, zur internationalen Plünderung Pekings, zu den schauerlichen
Feldpostbriefen deutscher Soldaten oder zur Sühnemission des Prinzen Chun
nach Deutschland. Zudem ist der Band mit gut ausgewählten und reichhaltigen
Illustrationen ausgestattet - lediglich die Umschlaggestaltung mit einem kolonialen
Sammelbild wirkt etwas apologetisch.
Heiko Wegmann
Mechthild
Leutner/ Klaus Mühlhahn (Hg.): Kolonialkrieg in China. Die Niederschlagung
der Boxerbewegung 1900-1901. Ch. Links Verlag, Berlin 2007. 272 Seiten, 24,90
Euro.