Leben im Krieg
Krieg wird üblicherweise mit Chaos, Instabilität und Ausnahmezustand
in Verbindung gesetzt. Selten geht man von einer gegenteiligen Perspektive aus:
Krieg als nahezu dauerhafter Zustand, als nachhaltige Organisationsform ökonomischer
und auch sozialer Prozesse, die sich als stabiler erweist als der Frieden.
Das
Buch des taz-Journalisten Dominic Johnson Kongo. Kriege, Korruption und die Kunst
des Überlebens legt eine solche Sicht nahe. Er analysiert die Gründe
für das ständige Wiederaufleben kriegerischer Gewalt und Rebellion in
einem Staat, der seit der formalen Unabhängigkeit 1960 - und erst recht nach
dem Fall des autokratischen Herrschers Mobutu 1997 - mehr Kriegsjahre als friedliche
Zeiten durchlebte.
Die westlichen Medien waren mit bildreichen Antworten
auf die Frage nach den Hintergründen der Kongo-Kriege schnell bei der Hand:
Staatszerfall und Ausplünderung durch (ausländische) Konzerne, dunkle
Mächte, die sich die Bodenschätze in einer Art Raubökonomie aneigneten,
dazu mörderische Gewaltexzesse als Ausdruck des irgendwie vorzivilisierten
Zustandes zahlreicher Ethnien, die sich im finsteren Herzen Afrikas in "selbstzerfleischenden
Stammeskriegen" gegenseitig dahinrafften. Abgesehen von einigen Meldungen
über den umstrittenen Militäreinsatz der UN-Mission Monuc, der kurzzeitig
die Medien beschäftigte, schien der Kongo wie von einem Informationsloch
verschluckt.
Mit einer detaillierten Beschreibung der Geschehnisse, beginnend
mit dem Jahre 1613, als der Kongo als erstes Land Afrikas einen Botschafter im
Vatikan akkreditierte, und endend mit den Kämpfen im März 2008, dringt
Johnston tief in die Gesellschaft und auf die Hinterbühnen der Kriegsparteien
ein. Er gewährt Einblicke, die er auf 23 Reisen in den Kongo über fast
zwei Jahrzehnte gewonnen hat. Kolonialismus und Kalter Krieg, Misswirtschaft und
Auslandsverschuldung, politische Eliten und rivalisierende Rebellenbewegungen,
Identitätspolitik und religiöse Fundamente, internationale Diplomatie
und regionale Kriegsökonomie, Kindersoldaten und Jugendmilizen, monoethnische
Flüchtlingslager und politisch instrumentalisierte Nothilfe, das militärische
Engagement von UN, EU, Frankreich, usw., die Rolle transnationaler Konzerne und
Konzessionäre - dies sind nur einige Gegenstände der chronologischen
Aufarbeitung der Ereignisse. Dabei werden nicht nur die Machtekstasen der regierenden
Eliten verschiedener Epochen, sondern auch die der lumumbistischen Bewegung unter
die Lupe genommen. Die fundamentalistisch-ethnischen Identitätspolitiken,
derer sich die jeweiligen Kriegsführer bedienten, nimmt Johnson systematisch
auseinander, ohne einer Ideologie Sympathie entgegen zu bringen.
Bald
erscheinen die häufig als unfassbar bezeichneten ethnischen Vernichtungskriege
und Genozide im Kongo den LeserInnen greifbar, wenn nicht geradezu schlüssig,
als Konsequenz der Gewalttätigkeit des Staates, der dank Dauerpräsenz
militärischer Gräueltaten bei gleichzeitig völliger Aufgabe jedweder
sozialer Versorgung und Infrastruktur die Bevölkerung auslaugte, oft genug
von einflussreichen Industrienationen abgesegnet. Der Aufbau lokaler Kriegsökonomien,
die ständig miteinander fusionierten und wieder in neue Einheiten zerfielen,
erschien trotz großer Verwundbarkeit als stabilere Systemvariante zur Sicherung
des Überlebens, größer als die Hoffnung auf Papa Staat.
Eher
knapp stellt Johnson dar, wie die Bevölkerung durch informellen Handel in
der Willkür der Gewalt (über)lebte und welche zivilen Kräfte immer
wieder friedliche Zukunftsperspektiven entwarfen. Die Übergriffe der Monuc,
die Programme zur Entwaffnung von Milizen und das Versagen bei der Flüchtlingshilfe
trugen leider nicht zur Stabilisierung friedlicher Ansätze im Kongo bei.
Die mentale Zerrüttung weiter Teile der Jugend, die keinen Frieden und kaum
eine andere Versorgungsstrategie als die der gewalttätigen Aneignung kennen
gelernt hat, gehört nach wie vor zu den gesellschaftlichen Realitäten.
All die beschriebenen Puzzlestücke stellen eine Gesamtstruktur der politischen,
gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse im Kongo dar, die den
Krieg trotz schlimmster Gräuel als vergleichsweise stabile Gesellschaftsordnung
erscheinen lässt.
Eine wichtige Perspektive hat Johnson ausgelassen.
Die Geschlechterverhältnisse im Kongo wurden durch die Kriegswirren in vielerlei
Hinsicht erfasst. Rita Schäfer beschreibt in ihrem Buch Frauen und Kriege
in Afrika, wie sich Maskulinitätskonzepte radikalisiert haben, wie die plötzliche
Demobilisierung bei gleichzeitiger Perspektivlosigkeit eine Entmächtigung
maskuliner Selbstbilder bewirkte, wie sexualisierte Gewalt die Rolle von Frauen
in der Gesellschaft umdefinierte. Sie stellt in ihrem Überblickswerk für
15 Unabhängigkeits- und Bürgerkriege in Subsahara-Afrika erste Überlegungen
zu genderspezifischen Dynamiken in der Folge von Krieg und Gewalt an. Sie thematisiert,
wie Frauen die Kriege erlebten und mitführten, wie sexualisierte Gewalt verfestigt
und in die psychosoziale Verfasstheit von Gesellschaften eingeschrieben wird,
welcher Handlungslogik die Gewaltakteure folgen und wie Geschlechterdynamiken
die Gewaltformen bestimmen.
Schäfer problematisiert damit einen blinden
Fleck der Wahrnehmung auch von Nachkriegsgesellschaften, der Konflikte zwischen
jungen und alten Männern, zwischen Warlords und KindersoldatInnen. Wobei
die Gewaltformen, das betont die Ethnologin, keineswegs ein "afrikanisches"
Phänomen seien. Konfliktbewältigungsprogramme und Versöhnungskommissionen
haben diese zentralen Aspekte bisher kaum artikuliert. Ein überaus wichtiges
Buch, das erhellende Einblicke in eine weithin unbeachtete Realität gibt.
Wer Gewalt überwinden will, wird auf diese Sicht nicht verzichten können.
Martina
Backes
Dominic Johnson: Kongo. Kriege, Korruption und die Kunst
des Überlebens. Brandes & Apsel, Frankfurt a. M. 2008. 212 Seiten, 19,90
Euro.
Rita Schäfer: Frauen und Kriege in Afrika. Ein Beitrag zur Gender-Forschung.
Brandes & Apsel, Frankfurt a. M. 2008. 520 Seiten, 39,90 Euro. Siehe auch:
www.frauen-und-kriege-afrika.de