Gegen europäische Gründungsmythen
"Wenn wir ein Europa sein oder werden wollen, müssen wir die verschiedenen
Perspektiven, Erfahrungen und Erinnerungen unter uns zumindest kennen und in ihren
jeweiligen Begründungskontexten nachvollziehen können. Wir brauchen
deshalb ein Europäisches Forum der Erinnerung und im Bildungsbereich eine
Geschichtswerkstatt Europa, sonst ist Europa nicht verständigungsfähig."
Diese Worte des Vorsitzenden der Stiftung Erinnerung Verantwortung Zukunft stehen
hier nur exemplarisch für den verbreiteten Versuch, Holocaust und Zweiten
Weltkrieg zum Ursprung Europas zu stilisieren. Solchen exklusiven Identitätskonstruktionen
lässt sich mit den Unterrichtsmaterialien begegnen, die das Rheinische JournalistInnenbüro
in Anlehnung an ihr Buch "Unsere Opfer zählen nicht' - Die Dritte
Welt im Zweiten Weltkrieg" entwickelt haben.
Eine besondere Chance
dieser Handreichung liegt darin, dass die Anliegen der Internationalismusbewegung
anhand eines Themas vermittelt werden können, das als besonders europäisch
gilt, weil man es oft nicht besser weiß. Beispielsweise hat man vielleicht
irgendwo im Hinterkopf, dass Japan mit Deutschland verbündet war und dass
es China unterwerfen wollte; das gilt aber als ganz eigene Geschichte. Wenn man
jedoch erfährt, dass die Nationalsozialisten den Japanern Pläne unterbreiteten,
um die nach Shanghai geflüchteten Juden und Jüdinnen im Meer zu ertränken
oder in einer in der Region zu errichtenden Gaskammer zu ermorden, erkennt man
in diesen Zusammenhängen deutsche Geschichte.
Ein anderes Beispiel:
Ein Foto dreier älterer Herren wird in deren Unterrichtsmaterialien mit den
Worten erläutert: "Veteranen der Navajo, deren Sprache den US-Truppen
als Code diente." Navajo kennt man aus Karl-May-Büchern oder Wild-West-Filmen,
als Opfer der Eroberung Amerikas, aber bestimmt nicht als Teil des intelligence
service im Dienst gegen den Nationalsozialismus. Tradierte Bilder und Klischees
werden so transformiert und in ein neues Verständnis der Welt integriert.
Jede
Seite der Unterrichtshandreichung bietet viele Gelegenheiten zu verstehen, warum
es sich um einen Weltkrieg handelte und wie eng die Vergangenheiten der Menschen
miteinander verknüpft sind. Der Schulunterricht über den NS ist zwar
ohnehin schon überfrachtet mit Ansprüchen auf verschiedensten Ebenen.
Jedoch gibt es viele Möglichkeiten, einzelne Elemente der Materialien auch
im "normalen Unterricht" oder in Projektwochen einzusetzen. Eine "Geschichtswerkstatt
Welt" wäre der Wirklichkeit jedenfalls angemessener als eine "Europa-Identität".
Rosa Fava
Rheinisches JournalistInnenbüro/ Recherche
International e.V. (Hg.): Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg. Unterrichtsmaterialien
zu einem vergessenen Kapitel der Geschichte. Köln 2008. 224 S. inkl. CD mit
allen Materialien sowie Interviews, 15 Euro. www.rjb-koeln.de