Um einen Mythos ärmer | Die Türkei die Juden und der Holocaust
Die in verschiedenen Ländern Europas lebenden türkischen Jüdinnen
und Juden bildeten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine bedeutende
Gruppe. Dennoch wurde ihr Schicksal während der Shoah bis heute kaum beachtet
- weder von Seiten der Türkei noch von der Holocaust-Forschung. Die Turkologin
Corry Guttstadt leistet daher mit ihrem Buch Die Türkei, die Juden und der
Holocaust Pionierarbeit. Sie räumt dabei vor allem mit dem Mythos auf, die
Türkei habe durch ihre "judenfreundliche Politik" unzählige
türkische Jüdinnen und Juden vor der Ermordung durch die Nationalsozialisten
gerettet.
Genährt wurde dieser Mythos nicht nur durch Aussagen seitens
der türkischen Politik, sondern auch durch zahlreiche internationale Publikationen.
Darin wurde unter anderem behauptet, die Türkei sei immer schon durch ihre
tolerante Haltung gegenüber ihrer jüdischen Minderheit hervorgetreten.
Man leitete dies - als angeblich logische Konsequenz - aus der Tatsache ab, dass
das Osmanische Reich nach 1492 Jüdinnen und Juden aufgenommen hatte, die
aus Spanien vertrieben worden waren. Die Konstruktion einer unverbrüchlichen
türkisch-osmanischen Toleranz gegenüber Juden hielt Guttstadts umfassenden
Recherchen indes nicht stand.
Ihr einzigartiger Band basiert auf einer
Unmenge an Dokumenten sowie auf über 30 Interviews mit Überlebenden
und Nachfahren türkischer Jüdinnen und Juden. Die Autorin betrachtet
ihre Studie "lediglich als Zwischenergebnis", da die Archive des türkischen
Außenministeriums der Forschung bis heute nicht zugänglich sind. Ausgangs-
und Angelpunkt der Studie ist die daher differenzierte Perspektive der türkischen
Jüdinnen und Juden selbst, die bis jetzt in der Erforschung der Shoah kaum
zu Wort gekommen waren. Das Buch bietet darüber hinaus einen Überblick
über die Entstehungsgeschichte des türkischen Nationalstaates und der
kemalistischen Politik sowie deren Ausgrenzung von ethnischen und religiösen
Minderheiten: ArmenierInnen, AssyrerInnen, GriechInnen, KurdInnen - und nicht
zuletzt Jüdinnen und Juden.
Die Türkei war bis kurz vor Ende
des Zweiten Weltkrieges, als sie Deutschland doch noch den Krieg erklärte,
neutral geblieben. "Neutral pro-deutsch", könnte man es auch nennen.
So fanden sich zahlreiche offene NS-Sympathisanten im türkischen Militär
und im Sicherheitsapparat. Auf ausdrücklichen Wunsch einer türkischen
Delegation besichtigte diese 1943 bei ihrem Deutschland-Besuch das KZ Sachsenhausen.
Obwohl in der Türkei politische Tätigkeiten außerhalb der Staatspartei
CHP strengstens verboten waren, wurden die Aktivitäten der auslandsdeutschen
Nationalsozialisten großzügig geduldet. Erstmals erreichten damals
auch die Schriften des modernen Antisemitismus das Land: "Die Protokolle
der Weisen von Zion", "Mein Kampf" und "Der internationale
Jude" sowie andere antisemitische Schriften wurden ins Türkische übersetzt
und teilweise in mehreren Auflagen veröffentlicht. Türkische Faschisten
publizierten Hetzartikel und druckten Karikaturen aus dem "Stürmer".
Zwar gab es zu keinem Zeitpunkt in der Türkei eine explizit antijüdische
Gesetzgebung, jedoch trafen die Maßnahmen gegen NichtmuslimInnen die türkischen
Jüdinnen und Juden während des Weltkrieges besonders hart: Entlassungen,
Berufsverbote, Abschaffung von Minderheitenrechten, Zwangsumsiedelungen, Zwangsarbeit,
Sondersteuern. Die katastrophalsten Konsequenzen all jener Maßnahmen hatte
jedoch der Entzug der Staatsbürgerschaft. Tausende in Europa lebende Jüdinnen
und Juden türkischer Herkunft waren nun der NS-Verfolgung schutzlos ausgeliefert.
Für die Ausbürgerungen bediente sich die Türkei in Deutschland
der Amtshilfe der NS-Behörden. So waren die NS-Stellen als erste unterrichtet,
welche Personen den Schutz des türkischen Staates verloren hatten. Allein
in Deutschland waren somit zweihundert jüdisch-türkische Familien den
Nazi-Schergen ausgeliefert. "Man kann davon ausgehen", so Guttstadt,
"dass die türkische Regierung spätestens Mitte 1943 über die
systematische Ermordung der Juden durch die Deutschen im Bilde war."
Zwischen
2.200 und 2.500 Juden und Jüdinnen türkischer Abstammung wurden in die
Vernichtungslager Auschwitz und Sobibor deportiert, weitere 300 bis 400 kamen
in Konzentrationslager. Andere wurden von der Gestapo zu Tode gequält oder
wählten den Freitod. Zwar gab es einzelne türkische Diplomaten in Europa,
die sich erfolgreich für jüdische TürkInnen einsetzten. Aber die
Politik Ankaras war klar und unmissverständlich: während deutsche Kriegsschiffe
bis Sommer 1944 problemlos die Meerengen passieren konnten, machte die "Festung
Türkei" ihre Grenzen für Flüchtlinge dicht und torpedierte
Möglichkeiten der Remigration von Jüdinnen und Juden in die Türkei.
Die Rettungsaktivitäten von jüdischen Hilfsorganisationen wurden auf
alle erdenklichen Arten behindert, etwa in dem man die Durchfahrt und das Anlegen
von Flüchtlingsschiffen untersagte. Für die 769 jüdischen Flüchtlinge
an Bord der seeuntauglichen "Struma" - darunter etliche Kinder - bedeutete
diese Politik am 25. Februar 1942 einen qualvollen Tod. 70 Tage lang hat das Flüchtlingsschiff
vor der türkischen Küste bei Istanbul geankert, die Passagiere wurden
aber nicht an Land gelassen. Die türkische Küstenwache schleppte die
"Struma" letztendlich ins offene Meer, wo sie von einem Torpedo getroffen
wurde.
Guttstadt betont wiederholt, dass ihr nichts daran liegt, die türkische
Politik während des Zweiten Weltkrieges mit dem Vernichtungsantisemitismus
der Nationalsozialisten zu vergleichen oder gar gleichzusetzen. Auf keiner der
520 Seiten ihres Buches verkürzt, vereinfacht oder verharmlost sie durch
solche Vergleiche. Ihre Studie beleuchtet jedoch präzise einen dunklen Aspekt
der kemalistischen Türkei - ihre Verstrickung in die Shoah - und schreibt
die tragische Geschichte der türkischen Jüdinnen und Juden. "Bislang
nicht erforscht", schreibt die Autorin, "ist das Schicksal türkischer
Roma und Sinti, die ebenfalls Opfer der nationalsozialistischen Mordpolitik wurden."
Es ist zu hoffen, dass auch diese Forschungslücke durch eine ähnlich
hervorragende Publikation eines Tages geschlossen wird.
Mary Kreutzer
Corry
Guttstadt: Die Türkei, die Juden und der Holocaust. Assoziation A, Hamburg
2008. 520 Seiten, 26,- Euro.