Das Recht auf Orchideen | Das Unbehagen in der Islamwissenschaft
Als eines der unlösbaren Dilemmata des Menschen bestimmte Sigmund Freud,
dass dieselben Institutionen, die das Überleben der Menschheit sichern, auch
für ihre Unzufriedenheiten verantwortlich sind. Kultur kontrolliere Aggression
und Gewalt, unterdrücke jedoch gleichzeitig libidinöse Leidenschaften.
Die Menschen könnten ohne Kultur nicht leben, aber sie könnten in ihr
nicht glücklich leben. Der Vater der Psychoanalyse ging dieser ambivalenten
Conditio humana in seiner kulturtheoretischen Schrift "Das Unbehagen in der
Kultur" (1929) nach.
Auch die Freiburger Islamwissenschaftler Abbas
Poya und Maurus Reinkowski hat ein Unbehagen erfasst, wahrscheinlich ausgelöst
durch den Umstand, dass ausgerechnet ihr Orchideenfach seit dem 11. September
2001 bevorzugtes Rekrutierungspool des Verfassungsschutzes ist. "Ein klassisches
Fach im Scheinwerferlicht der Politik und der Medien" - so heißt der
Untertitel des Sammelbandes Das Unbehagen in der Islamwissenschaft, in dem (mit
wenigen Ausnahmen) vor allem die engagierte Generation von IslamwissenschaftlerInnen
sich Gedanken über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Faches macht,
die in den 1980er und 90er Jahren studiert hat.
Es ist die Post-"Orientalismus"-Generation,
die Edward Saids Kritik an der westlichen Erfindung, Zurichtung und Beherrschung
des "Orients" in Kultur, Wissenschaft und Politik aufgenommen und sich
gleichwohl vom Said'schen Fundamentalismus emanzipiert hat. Sie weiß, wie
Navid Kermani, wie absurd das "Ungetüm" Islamwissenschaft ist -
man stelle sich nur das Pendant vor: ein einziges Fach, das die Religion, Kultur,
Geschichte, Sprache, Literatur, Philosophie, Politik, Kunst, Wissenschaften etc.
nicht nur der europäischen, sondern weltweit aller christlich geprägten
Gesellschaften und Gemeinschaften zum Gegenstand hätte. Das Projekt hieße
dann "Christentumwissenschaft" und würde dazu neigen, ihre Gegenstände
irgendwie in einen Bezug zur Religion zu bringen. Oder sie verweigert sich, wie
Reinkowski vorschlägt, der öffentlichen Erwartung, das Geheimnis des
eigentlichen Orients, des Islam, zu erklären. Wer über Muslime spricht,
muss nicht zwangsläufig über den Islam und den Orient reden.
Worin
sich die AutorInnen des Bandes einig sind: Niemand trauert der traditionell theologischen
und philologischen, mithin "orientalistischen" Ausrichtung der Islamwissenschaft
nach. Und alle möchten den Anschluss an die historischen Sozialwissenschaften
schaffen. Niemand will Nahoststudien, also area studies, betreiben, denn alle
sehen, dass MuslimInnen auch in westlichen Gesellschaften angekommen sind. Aber
angesichts der Erwartungshaltungen von Staat und Öffentlichkeit an die "Islamexperten"
wünschen sich die heutigen IslamwissenschaftlerInnen ein Recht auf Orchideen,
Irrelevanz und "relevante Redundanz", das heißt das Recht, auf
seine Wissenschaftstraditionen zu beharren und eben nicht, auf jede Frage zum
Islam eine passende Antwort zu liefern.
Das Unbehagen ist als somit weniger
eines an, als in der Islamwissenschaft. Die AutorInnen dieses Bandes - etwa Birgit
Schäbler, Ulrike Freitag und Ludwig Amman, aber auch Promis wie Udo Steinbach
und Gudrun Krämer - können ohne die Islamwissenschaft offensichtlich
nicht leben. Aber sie können in ihr nicht glücklich leben.
Jörg
Später
Abbas Poya, Maurus Reinkowski (Hg.): Das Unbehagen in
der Islamwissenschaft. Ein klassisches Fach im Schweinwerferlicht der Politik
und Medien. transcript Verlag, Bielefeld 2008. 336 Seiten, 30,80 Euro.