Vergessene Proteste
Der Antirassismus wurde vor allem nach den rassistischen Übergriffen im Zuge
der deutschen Einheit zu einem der wenigen Themen, zu denen fast die gesamte Linke
einen Bezug hat. Doch schon vor den 1990er Jahren gehörte der Antirassismus
ins Repertoire linker Politik. Auf diese meist unbekannte oder unbemerkte Zeit
geht Niels Seibert in seinem Buch Vergessene Proteste ein. Beleuchtet werden der
Antirassismus und der Internationalismus zwischen 1964 und 1983. 1964 protestierte
der SDS mit ausländischen KommilitonInnen gegen den Besuch des kongolesischen
Diktators Tschombé. Hier wird ein interessanter Fakt deutlich: Anfangs
waren es die in Deutschland studierenden AktivistInnen aus Ländern mit Widerstandsbewegungen,
die den deutschen Linken den Antiimperialismus und antikoloniale Klassiker wie
Fanon nahebrachten. Weitere Ereignisse belegen die Bedeutung des Antiimperialismus
für die damalige Linke, etwa die Proteste gegen den Schah 1969, die praktische
Solidarität mit GIs, die vor dem Einsatz in Vietnam flohen, oder der Protest
gegen Vorführungen rassistischer Filme.
An diesen Beispielen wird
auch deutlich, dass der Antirassismus Teil eines antiimperialistischen Weltbildes
darstellte. So wurden die rassistisch Verfolgten eher als GenossInnen im Exil
denn als Flüchtlinge betrachtet, ein weiterer Unterschied des damaligen Antirassismus
zum heutigen. In Seiberts Buch wird auch aufgezeigt, dass sich mit neuen Ausländergesetzen
Ende der 1960er die Situation vieler MigrantInnen in der BRD verschärfte.
Gegen diese Gesetze, mit denen Repressionen gegen ausländische Linke einhergingen,
war die APO aktiv.
Das Buch besticht durch seine Fülle an Informationen
und Geschichten vom Kampf der damaligen BRD-Linken gegen Rassismus. In diesem
Sinne stellt es linke Geschichtsschreibung im besten Sinne des Wortes da: Es wird
überhaupt erst das Bewusstsein für vergangene Auseinandersetzungen geschaffen,
welches für heutige politisch Aktive wichtig ist. Die Schwäche des Buches
liegt darin, dass es die verschiedenen Ereignisse lediglich aufzählt, nicht
aber kritisch analysiert. Man bekommt den Eindruck, der Autor sehe im antiimperialistischen
Antirassismus der 1960er/ 70er Jahre etwas Anstrebenswertes. Die linke Kritik
am Antiimperialismus, die spätestens seit Mitte der 1980er Jahre mit guten
Gründen geübt wurde, fällt unter den Tisch. Und so wird dann beispielsweise
eine Broschüre kritiklos erwähnt, die die Repressalien gegen arabische
StudentInnen unter dem vollkommen irreführenden Titel "Der neue Antisemitismus"
thematisiert.
Gerald Whittle
Niels Seibert: Vergessene
Proteste. Internationalismus und Antirassismus 1964-1983. Unrast Verlag, Münster
2008. 224 Seiten, 13,80 Euro.