Alltägliche Präsenz des Kolonialen
Grada
Kilomba, Mitherausgeberin des Bandes "Mythen, Masken und Subjekte. Kritische
Weißseinsforschung in Deutschland", hat jetzt mit Plantation Memories
eine scharfsinnige Analyse von Alltagsrassismus vorgelegt. Das Buch kreist um
die Erlebnisse von zwei Schwarzen Frauen, deren Erfahrungen mit Rassismus von
Kilomba jedoch nicht als Einzelfälle gewertet werden. Die exemplarischen
Episoden erlauben generelle Reflexionen über die Struktur des Alltagsrassismus
und dessen koloniale Kontinuitäten. Die zentrale These des Buches ist schon
im Titel "Plantation Memories" angedeutet: Der Alltagsrassismus verweist
auf die Geschichte rassistischer Unterdrückung, die im Erleben von Diskriminierung
schmerzhaft in Erinnerung gerufen wird. Alltagsrassismus stellt eine für
das Schwarze Subjekt traumatische Wiederaufführung einer gewaltsamen kolonialen
Vergangenheit dar.
Zur Illustration dieser These beginnt Kilomba ihr englischsprachiges
Buch mit dem historisch nicht nur in Brasilien verbürgten Fall der eisernen
Gesichtsmaske. Diese wurde den SklavInnen von den Kolonialherren angelegt, um
sie zu demütigen und am Sprechen zu hindern. Die Autorin gebraucht dieses
Instrument, diese mask of speechlessness, als Metapher, um zu verdeutlichen, wie
Alltagsrassismus kolonialen Mustern der Herrschaft gehorcht. Das Schwarze Subjekt
wird auch im übertragenen Sinne am Sprechen gehindert, indem Räume und
SprecherInnenpositionen weiß gehalten werden. Schwarze und People of Color
werden hingegen abgewertet, ihre Legitimität zu sprechen wird negiert, und
sie werden als überempfindlich und emotional degradiert, wenn sie diese Machtverhältnisse
und rassistischen Äußerungen kritisieren.
Die Autorin schildert
aus persönlicher Erfahrung, wie weiße KollegInnen ihre Arbeit zu Postkolonialer
Theorie und Alltagsrassismus als interessant, aber sehr subjektiv zu kategorisieren
versuchten. Dabei wird eine binäre Logik bemüht, die auf der einen Seite
die "seriöse" Wissenschaft als objektiv darstellt, während
auf der anderen Seite WissenschaftlerInnen, die die eigene Positionalität
reflektieren und deren Eingebundenheit in rassistische und sexistische Verhältnisse
der Unterdrückung explizit machen, als subjektiv, emotional und irrelevant
abgetan werden. Kilomba bezeichnet dies als Abwehrstrategie, die einem wiederkehrenden
Muster gehorcht: Rassismus wird als ein persönliches Problem des Schwarzen
Subjektes umzudeuten versucht, und das Weiße Subjekt leugnet seine Verantwortung,
erneut eine koloniale Szenerie aufgeführt zu haben.
Die traumatische
Dimension des Alltagsrassismus verdeutlicht Kilomba am Wort "Neger".
Rassismus gehorcht einem diskursiven Regime, in dem eine Assoziationskette durch
bestimmte Wörter initiiert wird. Das N-Wort ruft eine ganze koloniale Geschichte
von Ausbeutung und Degradierung hervor. Eine Interviewpartnerin von Kilomba berichtet
davon, wie sie mit dem N-Wort beschimpft wurde. In jenem Moment, so die Autorin,
wurde die Person in eine koloniale Szenerie mit ihrer totalen Machtasymmetrie
zurückgeworfen. Die Dichotomie von Herr und Sklave wird symbolisch wiederhergestellt,
Kolonialismus wird als real erfahren. Diese Plötzlichkeit und Unvorhersehbarkeit,
die die Erfahrung mit dem Alltagsrassismus kennzeichnet, ist laut Kilomba ein
zentrales Charakteristikum vom klassischen Trauma. Die Vergangenheit wird zur
Gegenwart.
Die Präsenz kolonialer Herrschaftsstrategien zeigt Kilomba
anschaulich anhand der jeder Schwarzen und Person of Color in Deutschland gestellten
Frage "Woher kommst Du?" In dieser Frage verdichten sich verschiedene
koloniale Strategien der Erfassung und Kontrolle. Deutschland wird als weiß
imaginiert und jede Abweichung von dieser Norm als außerhalb der Nation
stehend konstruiert. Ersichtlich wird das aus der sich sofort anschließenden
Frage "Ich meine wirklich?". Es geht beim "Woher kommst Du"
nicht um reales Interesse der fragenden Person am Gegenüber, sondern um die
Reduzierung des Schwarzen Subjekts auf ein Objekt. Deutschsein und Schwarzsein
werden in dieser Frage als Gegensatz behandelt und das Schwarze Subjekt automatisch
als das Andere markiert. Nationalität wird hier implizit über "Rasse"
hergestellt.
Kilomba unterstreicht mehrfach, was schon von Schwarzen Feministinnen
wie bell hooks oder Patricia Hill Collins betont wurde, dass Rassismus und Sexismus
nicht separat betrachtet, sondern nur als sich überschneidende Formen der
Unterdrückung verstanden werden können. Insbesondere Schwarze Frauen
werden zu exotisierten Objekten der Begierde gemacht. In der rassistischen Logik
wird der weibliche Körper zu einem zu erobernden Terrain, das ambivalente
Gefühle hervorruft: die Faszination des "Fremden" und "Anderen"
sowie dessen Ablehnung. Historisch schlug sich dies in der Konstruktion der Figur
der hypersexualisierten Schwarzen Frau nieder, die sexuelle Phantasien weckte,
aber auch als bedrohlich angesehen wurde. Die Autorin zeigt anhand verschiedener
Interviews, wie sich diese rassistischen Vorstellungen in der Gegenwart fortschreiben.
Beispielsweise ist das Befühlen der Haare von Schwarzen Menschen durch wildfremde
weiße Menschen, wie es die Interviewpartnerinnen der Autorin schildern,
ein Beispiel für die koloniale Kontinuität: Der Schwarze Körper
wird seziert und seine Autonomie und körperliche Integrität ignoriert.
Die Strategien, die Kilomba zur Bekämpfung des Alltagsrassismus vorschlägt,
fasst sie in der Formel "Zum Subjekt werden" zusammen. Sie argumentiert
unter Rückgriff auf Frantz Fanon, dass die Dimension des Rassismus zentral
für die Traumata des Schwarzen Subjekts ist, und deshalb deren Verarbeitung
auf der spezifischen Erfahrung des Rassismus basieren muss. Die Strategien der
Dekolonialisierung, wie Kilomba sie nennt, bestehen darin, sich dieser Wirkungsmächtigkeit
von Alltagsrassismus bewusst zu werden, ihm mittels aktiver Solidarität mit
anderen Schwarzen Menschen entgegen zu wirken und durch das Setzen von Grenzen
wieder ein Subjekt zu werden.
"Plantation Memories" leistet einen
wichtigen Beitrag zu der in Deutschland wenig entwickelten Forschung über
Alltagsrassismus, weil es Ansätze aus Psychoanalyse und Postkolonialer Theorie
produktiv verbindet. Die Originalität des Buches besteht darin, dass die
individuellen Erfahrungen Schwarzer Menschen mit Alltagsrassismus als traumatische
Wiederaufführung einer kolonialen Vergangenheit begriffen werden können.
Philipp
Dorestal
Grada Kilomba: Plantation Memories. Episodes of
Everyday Racism. Unrast Verlag, Münster 2008. 151 Seiten, 16,- Euro.