Bewegungen brauchen Raum
Kämpfe
um den städtischen Raum stehen derzeit überall in der Welt auf der
Tagesordnung. Allerorten formieren sich Gruppen und Bündnisse gegen Verdrängung
und explodierende Lebenshaltungskosten in den Städten. Sie fordern vehement
Freiräume oder ein Recht auf die Stadt. Henrik Lebuhn untersucht
das Wiederaufleben der Stadt in Bewegung anhand von Konflikten um die Privatisierung
öffentlichen Raums in Berlin und Los Angeles. Durch einen Vergleich will
er die Bedingungen für soziale Kämpfe in der »unternehmerischen
Stadt« (so der Sozialgeograph David Harvey) ausloten.
In Berlin versuchte die von globalisierungskritischen, linksradikalen und sozialpolitischen
Gruppen getragene Initiative für ein Soziales Zentrum in den Jahren 2001
bis 2005, durch Besetzungen und Verhandlungen einen zentralen Ort für politische
Bewegungen durchzusetzen. Trotz einer allgemeinen Bewegungskonjunktur, getragen
von den Gipfelmobilisierungen in Seattle, Prag oder Genua sowie von den Protesten
gegen die Agenda 2010 und Hartz IV, scheiterte die Initiative an der Kompromisslosigkeit
der BezirkspolitikerInnen.
Zur selben Zeit eskalierte in Los Angeles ein Konflikt um die seit mehr als
zehn Jahren bestehenden community gardens im Stadtviertel South Central, in
denen rund tausend Personen größtenteils lateinamerikanischer Herkunft
einen Teil ihres Nahrungsbedarfs erwirtschafteten. Der Verkauf an einen Investor
und die daraufhin angedrohte Räumung provozierte den Zusammenschluss der
bis dahin kaum politisch organisierten South Central Farmers. In einer dreijährigen
Kampagne gelang es ihnen, unzählige zivilgesellschaftliche Organisationen
in ihren Kampf einzubinden und öffentliche Sympathien zu gewinnen (siehe
iz3w 284). Trotz der massiven Unterstützung, und obwohl im Rahmen der Kampagne
16 Millionen Dollar für den Rückkauf des Geländes gesammelt werden
konnten, wurde im November 2006 geräumt.
Durch die genaue Beobachtung der Konflikte gelingt es Lebuhn, allgemeine Transformationsprozesse
auf die konkreten Interessen und Zwänge der jeweiligen Konfliktparteien
herunterzubrechen: Standortkonkurrenz, investitionsfreundliche Politik, Haushaltskonsolidierung
und Ökonomisierung der Verwaltung verdichteten sich zu scheinbaren ökonomischen
Sachzwängen. Hinter ihnen stehen handfeste Profit- oder Machtinteressen,
sie bieten den Bewegungen aber kaum Angriffsflächen.
Der Vergleich zwischen Los Angeles und Berlin ist dabei erhellend. Zum einen
relativiert das Beispiel Los Angeles die Rede von der »neoliberalen Stadt«
Berlin: die Zersplitterung der kalifornischen Stadtregion in fünf eigenständige
Städte, die sich im permanenten Standortwettbewerb befinden, sowie die
Durchdringung von »öffentlichen« und Kapitalinteressen lassen
Berlin als vergleichsweise »starken Staat« erscheinen, trotz der
Privatisierungspolitik der letzten Jahre. Zum anderen zeigt die Kampagne der
South Central Farmers die Bedeutung zivilgesellschaftlicher Bündnisse über
den engen Kreis einer sozialen, ethnischen oder politischen Gruppe hinaus. Die
doppelte Zersplitterung der Berliner Kampagne für ein Soziales Zentrum
wird dabei umso deutlicher: einerseits innerhalb der linken Szene selbst, wo
das Vorhandensein vieler kleiner Räume ein geschlossenes Eintreten für
ein gemeinsames Soziales Zentrum erschwerte. Andererseits innerhalb einer breiteren
Zivilgesellschaft, in der es der Initiative kaum gelang, über ein enges
Spektrum linker, »weißer« und akademisch-mittelständisch
geprägter Gruppen hinauszukommen.
Trotz politischer Teilerfolge ist es Lebuhn zufolge in keinem der analysierten
Kämpfe gelungen, die neoliberale Hegemonie ernsthaft in Frage zu stellen.
Dies zeige sich nicht nur an der unverrückbaren Grenze des polizeilich
durchgesetzten Privateigentums, sondern vor allem daran, dass die ökonomischen
»Sachzwänge« weitgehend verinnerlicht seien nicht nur
in den Verwaltungen, sondern auch in den Köpfen der StadtbewohnerInnen.
So sei zu erklären, dass in beiden Fällen das öffentliche Interesse
gegen das vermeintliche Partikularinteresse der politischen Initiativen ausgespielt
werden konnte.
Lebuhn zieht daraus zwei Schlüsse: Nur wenn es gelingt, zwischen öffentlichem
und staatlichem Interesse zu trennen und die eigenen politischen Interessen
als Teil des öffentlichen Diskurses kenntlich zu machen, haben solche Kämpfe
eine Chance. Gleichzeitig ist für jede Bewegung das Verhältnis zum
Staat von elementarer Bedeutung. Als Instanz, in dem sich die gesellschaftlichen
Interessen konstituieren und bündeln, ist er der zentrale Ansprechpartner.
Soziale Bewegungen kommen also nicht umhin, ein »strategisches Verhältnis
zum Staat zu entwickeln«. Dazu brauche eine Bewegung einen gewissen Zusammenhalt
und eine »Adresse« für Bündnispartner und für die
Öffentlichkeit. Digitale Kommunikation und diffuse Bewegungsnetze können
dies nicht leisten. Politische Bewegungen brauchen Raum. Für Kämpfe,
wie sie hier analysiert werden, wird es also noch viele Beispiele geben.
Armin Kuhn
Henrik Lebuhn: Stadt in Bewegung. Mikrokonflikte um den öffentlichen
Raum in Berlin und Los Angeles. Westfälisches Dampfboot, Münster 2008.
284 Seiten, 27,90 Euro.