Gesät, aber noch nicht geerntet
Der türkisch-armenische Intellektuelle Hrant Dink wurde im Januar 2007
vor der Redaktion seiner Zeitung »Agos« von einem jugendlichen Täter
erschossen. Der 53-jährige Journalist war zur Hassfigur für türkische
Nationalisten geworden. Sie verübelten es ihm, dass in seiner Zeitung der
Genozid an den ArmenierInnen durch die Jungtürken 1915 und die Diskriminierung
der überlebenden armenischen Minderheit zum Thema gemacht wurden. Die RechtsextremistInnen
befanden Dink offensichtlich für so gefährlich, dass sie einen Mann
der Worte nur dadurch zum Schweigen bringen konnten, indem sie ihn ermordeten.
Dem Schiler Verlag ist zu verdanken, dass eine Auswahl der wichtigsten Texte
von Dink nun in deutscher Sprache zugänglich ist.
Von der Saat der Worte ist ein intelligentes, lyrisches Buch geworden. Zudem
ist mit ihm weit mehr als ein Nachruf auf einen der wichtigsten fortschrittlichen
Intellektuellen Istanbuls erschienen. Dinks Texte hätten hierzulande schon
gelesen werden sollen, bevor er traurige Berühmtheit erlangte.
Aus Angst vor dem herrschenden türkischen Nationalismus hatten bis zur
Gründung von »Agos« vor etwas mehr als zehn Jahren selbst armenische
Publikationen in der Türkei den Begriff »Genozid« in Anführungszeichen
gesetzt. Die von Hrant Dink gegründete Zeitung spielte eine wichtige Rolle
für das Wiedererstarken des Selbstbewusstseins der armenischen Minderheit
in der Türkei.
Nicht nur faschistische Gruppen, sondern auch die türkische Regierung half
mit, ein geistiges Klima zu verfestigen, in dem die Thematisierung des Genozids
zum »Vaterlandsverrat« wurde. Wegen »Beleidigung des Türkentums«
war Dink wiederholt vor Gericht gestanden und 2005 zu einer Haftstrafe von sechs
Monaten verurteilt worden. Die Verbindungen seines Mörders zum so genannten
derin devlet, dem »tiefen Staat«, wurden zwar immer wieder sichtbar,
bislang jedoch nicht ausreichend aufgearbeitet. Bei derin devlet handelt es
sich um ein klandestines Netzwerk zwischen dem Inlandsgeheimdienst MI'T, dem
Gendarmeriegeheimdienst JITEM, rechtsextremen Gruppierungen und der organisierten
Kriminalität.
Doch Hrant Dink sollte nicht nur als Opfer des türkischen Rechtsextremismus
in Erinnerung bleiben. Er war immer ein Armenier aus der Türkei. Er war
Istanbul genauso verbunden wie seiner armenischen Kultur und Sprache. Damit
eckte er nicht nur bei türkischen Nationalisten an, sondern auch bei Teilen
der armenischen Diaspora, die nicht verstehen wollte, dass Dink primär
den Diskurs über die ArmenierInnen und die armenisch-türkische Geschichte
in der Türkei ändern wollte und dabei manche Reaktion auf die Genozidleugnung
aus dem Ausland sogar für kontraproduktiv hielt. Als Linker stand er grundsätzlich
jedem Nationalismus skeptisch gegenüber, setzte sich aber für die
Rechte von KurdInnen in der Türkei genauso ein, wie für die anderer
Minderheiten. Die kulturellen Traditionen dieses »Mosaiks von Anatolien«
betrachtete er als Reichtum, den er sich nicht nehmen lassen wollte. Zu Anatolien
passe, dass »wir miteinander leben, und einer die Sprache des anderen
versteht«. Hrant Dink war damit kein Vertreter eines multikulturellen
Nebeneinanders, sondern eines Miteinanders.
Zum zehnten Jahrestag der Gründung seiner Zeitung Agos 2006 fragte er sich:
»Hat es die Zeitung vermocht, die türkische armenische Gemeinschaft
und ihre Einstellungen zu verändern?« Die Frage ist bis heute offen.
Sicher ist jedoch, dass Hrant Dink als einer der wichtigsten Brückenbauer
und Kritiker der modernen Türkei in Erinnerung bleiben wird. Die Früchte
seiner Saat werden vielleicht erst in Jahrzehnten zu erkennen sein.
Thomas Schmidinger
Hrant Dink: Von der Saat der Worte. Zusammengestellt, aus dem Türkischen
übersetzt und herausgegeben von Günter Seufert. Verlag Hans Schiler,
Berlin 2008. 24,00 Euro.