Vergangenheitspolitik in Lateinamerika
Ein Verständnis von Geschichtspolitik, das sich auf die politische Instrumentalisierung
von Geschichte durch politische AkteurInnen beschränkt, würde dem
diesjährigen Jahrbuch des Österreichischen Lateinamerika-Instituts
nicht gerecht werden. Vielmehr verwendet der Sammelband Vielstimmige Vergangenheiten
Geschichtspolitik in Lateinamerika einen bewusst offen gehaltenen Begriff,
der sich als analytische Kategorie durch das Buch zieht und sich nicht auf eine
Akteursebene beschränkt: »Es gibt kein Denken, Sprechen und Schreiben
über Geschichte, das nicht auch einen gewissen Anteil an Geschichtspolitik
aufwiese.« In diesem Sinne wird gar nicht erst versucht, ein klar definiertes
Feld abzustecken, sondern stattdessen die heterogenen Möglichkeiten, sich
dem Thema anzunähern, in der Themenvielfalt der Aufsätze widergespiegelt.
Die Herausgeber formulieren als übergreifende Fragestellung der deutschen,
englischen und spanischen Beiträge: »Wer spricht über Geschichte
in welchem sozialen Kontext, mit welchen Mitteln und zu welchem Zweck?«
Im zweiten Teil des Sammelbandes wenden sich die einzelnen Beiträge auch
verschiedenen AkteurInnen zu, werfen die Frage nach ihrer Bedeutung in geschichtspolitischen
Kontroversen auf und versuchen diese zu entmarginalisieren. Jens Kastners Aufsatz
»Zeitgenössische Kunst als erinnerungspolitisches Medium in Lateinamerika«
etwa thematisiert theoretisch und anhand von Beispielen aus Mexiko, Guatemala
und Argentinien, wie Kunst in die Konstituierungsprozesse kollektiver Vergangenheit
involviert ist. Auch der Beitrag von Stefanie Kron (»Am Rande erzählt.
Geschichtspolitiken im Kontext von transnationaler Migration, Exil und Diaspora«)
wendet sich einer Gruppe marginalisierter Akteurinnen zu. Anhand einer Genderanalyse
von Erzählungen der Rückkehr guatemaltekischer Kriegsflüchtlinge
aus dem mexikanischen Exil verdeutlicht sie, wie alternative historische Konstruktionen
(counter narratives) politische Subjekte hervorbringen können.
Obgleich länderspezifische Beispiele präsentiert werden, sind diese
kaum in einen rein nationalen Kontext gebettet. Mittels ihrer länderübergreifenden
Perspektive wird offensichtlich, dass die Herausgeber ein transnationales Verständnis
von Geschichtspolitik nahe legen möchten. Dass sich dieses nicht einmal
auf den geographischen Raum »Lateinamerika« beschränken muss,
zeigt der Artikel von Stephan Scheuzger über transnationale Expertennetzwerke
von Wahrheitskommissionen. Ein Sammelband, der über starren Kategorisierungen
steht und weitreichende Flexibilität fordert.
Auch der Bericht der Wahrheits- und Versöhnungskommission Perus, Wider
das Vergessen, Yuyanapaq, der sich mit der intensiven Gewalt in den 1980er und
1990er Jahren beschäftigt, beschränkt sich nicht auf einen Blickwinkel.
Die maoistische Organisation »Leuchtender Pfad« (Sendero Luminoso)
setzte mit dem ersten Gewaltakt 1980 in Ayacucho einen Prozess in Gang, in dessen
Verlauf die Regierung den Streitkräften die Führungsrolle im Kampf
gegen die Subversion überließ. Es kam zu einer Militarisierung
des Konfliktes, der sich vom südlichen Teil der zentralen Anden auf ganz
Peru ausdehnte. Opfer der Gewalt war größtenteils die ländliche
quechuasprachige Zivilbevölkerung, deren Grundrechte nicht gesichert wurden.
Bewaffnete, politische und gesellschaftliche AkteurInnen, Opfer, Schauplätze,
verübte Verbrechen, psychische Auswirkungen auf die Bevölkerung
der Wahrheits- und Versöhnungskommission ist es gelungen, die Vielschichtigkeit
des Konfliktes zu vermitteln. Ein Gesamtplan zur Wiedergutmachung und zur Versöhnung
rundet den Bericht ab.
Wünschenswert wäre jedoch eine explizite Selbstreflexion der Kommissionsmitglieder
gewesen, umso mehr, da diese im Gegensatz zu den Wahrheitskommissionen anderer
lateinamerikanischer Länder internationale SpezialistInnen nicht direkt
beteiligte. Ein einfaches »Ihre Mitglieder waren von der Regierung völlig
unabhängig« stellt bei einem derart tief greifenden Thema keine ausreichende
Auseinandersetzung dar.
Carola Haug
Berthold Molden/ David Mayer (Hg.): Vielstimmige Vergangenheiten Geschichtspolitik
in Lateinamerika. Reihe: Atención! Jahrbuch des Österreichischen
Lateinamerika-Instituts (Band 12) Wien 2009. 296 Seiten, 24,90 Euro.
Salomón Lerner Febres/ Josef Sayer (Hg.): Wider das Vergessen, Yuyanapaq.
Bericht der Wahrheits- und Versöhnungskommission Peru. Ostfildern 2008.
208 Seiten, 16,90 Euro.