Der Landkreis als Gefängnis
Deutschland 2009 ist das nicht ein multikulturelles Land, mit dunkelhäutigen
Nationalspielern und Top-Models, Multikulti-Festen sowie Integrations- und Anti-Diskriminierungsprogrammen?
Es gibt auch eine andere Seite der deutschen Realität: Die Lebensrealitäten
vieler Flüchtlinge. Eine der repressivsten Maßnahmen, denen Flüchtlingen
unterliegen, ist die Residenzpflicht. Diese hat in vielen Bundesländern
zufolge, dass Flüchtlinge den ihnen zugeordneten Landkreis nur mit Erlaubnis
verlassen dürfen. Diese Erlaubnis muss jedes Mal beantragt werden, und
die Zustimmung zur Reise hängt von der jeweiligen Behörde ab. Damit
bekommt die Behörde Kontrolle über das Privatleben der MigrantInnen.
Beate Selders Buch Keine Bewegung!, das vom Flüchtlingsrat Brandenburg
und der Humanistischen Union herausgegeben wurde, befasst sich mit verschiedenen
Aspekten dieser repressiven Maßnahmen. So kommen Flüchtlinge zu Wort,
die selbst unter der Residenzpflicht leiden oder leiden mussten. Einige Flüchtlinge
setzen sich gegen sie zur Wehr: indem sie sich politisch organisieren oder einfach
trotzdem reisen und ihre Prozesse nutzen, um Öffentlichkeitsarbeit gegen
das Gesetz zu machen.
Es kommen JuristInnen, SoziologInnen und sogar ein kritischer Polizist zur Sprache,
die Kritik an der Residenzpflicht üben. Es wird aufgezeigt, wie die Residenzpflicht
und die Unterbringung in Sammellagern zu extremer sozialer Isolation führen.
Die Flüchtlinge sind oft in Gegenden unterbracht, in denen es kaum Menschen
gibt, die die gleiche Sprache sprechen, und wo es kaum oder keine Beratungsangebote
gibt. Erschwert wird die Situation der Flüchtlinge dadurch, dass sie nur
40 Euro im Monat zur Verfügung haben. Für Essen gibt es Gutscheine.
Das Buch erläutert aber auch näher, was der Gesetzestext für
Flüchtlinge konkret bedeutet. Auch dieser juristische Teil des Buches ist
allgemeinverständlich geschrieben. Somit liefert »Keine Bewegung«
viele gute Argumente gegen die Residenzpflicht und gibt Anstöße,
selber dagegen aktiv zu werden.
Gerald Whittle
Beate Selders: Keine Bewegung! Die Residenzpflicht für
Flüchtlinge Bestandsaufnahme und Kritik. Hg. von Flüchtlingsrat
Brandenburg & Humanistischer Union. Eigenverlag, Berlin 2009. 148 Seiten,
5 Euro.