Faulsein statt dummschwätzen
Längst wird der Klimawandel von der Wirtschaft als Chance begriffen: Technische
Innovationen könnten mittels Dematerialisierung und Energieeffizienz zu
Klimaschutz führen bei gleichzeitigem Wachstum der Wirtschaft. Mit
Nobelpreisen geadelte Theorien, die diese Vorhersage zu belegen glauben, gibt
es genug. Politische Kräfte, die sich auf die Erfinder derlei Prognosen
berufen, ebenfalls kurz vor der Klimakonferenz in Kopenhagen erst recht.
Endlich gibt es nun aber auch ein Buch, das mit dem Mythos aufräumt, technologische
Entwicklung könne im Bündnis mit dem Marktliberalismus das Klima retten.
Wir Schwätzer im Treibhaus entlarvt die Buchhaltungstricks der marktliberalen
Klimaretter ebenso wie deren irreführende Prognosen. Vom Kohlendioxidhandel
also dem Geschäft mit Luftverschmutzungsrechten
über angebliche Kompensationen die auch schon mal als Katalysator
industriellen Wachstums fungieren bis hin zur Verschiebung von Industrieproduktionen
die weiterhin fossile Energieträger wie Erdöl, Erdgas und Kohle
verbrauchen in die Dritte Welt: Der Wissenschaftsjournalist Marcel Hänggi
zeigt konsequent, warum all diese Instrumente nicht zum Rückgang der Klimagase
führen. Dabei widerlegt er die markteuphorischen Klimaretter gerne mit
ihren eigenen Argumenten und den Denkfehlern ihrer eigenen (Un)logik, um dann
und darum ist das Buch so lesenswert den Blick auf jene gesellschaftlichen
Dimensionen des Klimawandels zu lenken, der den meisten KlimaspezialistInnen
abhanden gekommen ist.
Hänggi verweist auf die meist versteckte globale Ungerechtigkeit der klimapolitischen
Bilanzierungen, etwa wenn die in Indien produzierten und hier konsumierten Wegwerfartikel
die Klimabilanzen am Ort der Produktion belasten. Er kritisiert gesellschaftliche
Selbstverständlichkeiten wie das automobile Leben, ohne deren
Infragestellung keine Lösungen gefunden werden können. Hänggi
zeigt, wo die wissenschaftlichen Grundlagen der Klimapolitik in Kosten-Nutzen-Analysen
gefangen und blind für Verteilungsungerechtigkeiten sind.
Während viele OptimistInnen behaupten, technisch sei der Wandel zu einer
klimaneutralen Gesellschaft längst möglich, sagt Hänggi das Gegenteil:
Die Fixierung auf Technik verhärtet zugleich
die energieaufwändigen und automobilen Lebensgewohnheiten und verschärft
damit die Ursache des Problems. Ohne den Ausbruch aus Denk- und Lebensgewohnheiten,
so sein Fazit, sind gerechte Lösungen für den Klimawandel nicht zu
haben. Er plädiert für andere Raum- und Verkehrsstrukturen, nicht
für individuellen Verzicht, sondern für gesellschaftliche Brüche.
Wie zum Beispiel mehr Faulheit als eine Form der Entschleunigung der Produktion.
Martina Backes
Marcel Hänggi: Wir Schwätzer im Treibhaus Warum die Klimapolitik
versagt. Rotpunktverlag, Zürich 2008. 290 Seiten, 21,50 Euro.