Modernes Ethno-Business
Das Geschäft mit ethnischen Identitäten und kulturellen Unterschieden
ist nicht erst seit gestern weit mehr als ein Nischenmarkt, auf dem Schnitzereien
aus Tansania oder Batik aus Indien feilgeboten werden. Die systematische und
planmäßige In-Wert-Setzung und Vermarktung von Ethnizität und
auch Nationalität hat seit Mitte der 1980er Jahre einen massiven Aufschwung
erfahren. Wie sich diese Entwicklung zur neoliberalen Wende des Kapitalismus
sowie zu dessen Wertekanon und Praxis verhält, untersuchen John und Jean
Comaroff in ihrem Buch Ethnicity, Inc.
Die Publikation liest sich als eine ebenso rasante wie mitreißende Reise
durch den Kosmos des modernen Ethno-Business. Die beiden Anthropologen, die
an der University of Chicago lehren und forschen, versammeln detaillierte Schilderungen
von Produktion und Vermarktung von kultureller Differenz. So erfahren wir unter
anderem vom ökonomischen Aufstieg der Bafokeng im Nordwesten Südafrikas,
die auf der Grundlage des Platinbergbaus und unter der Bezeichnung Royal Bafokeng
Nation ein beachtliches Wirtschaftsimperium aufgebaut haben und deren Chiefs
als »Geschäftsführer« adressiert werden. Ein eigenes Kapitel
ist den Anfängen der Verwertung von Ethnizität am Beispiel indigener
Gruppen in Nordamerika gewidmet, bevor die Autoren den Bogen zur Vermarktung
des Nationalstaates Britain, PLC; Russia, Inc. schlagen.
Die reichhaltige Empirik setzen die Comaroffs mit leichter Hand ins Verhältnis
zu jenen Formen der Macht und des Regierens, die der Neoliberalismus mit sich
bringt: »Der historische Prozess, der mit der Überführung von
Unternehmen in lebende, Rechte besitzende Personen begann, endet mit der Verwandlung
von lebenden, Rechte besitzenden Personen in Firmen gleichenden private
Subunternehmer menschliche Makler, die über ihre Fertigkeiten,
ihr Erbe und ihr verkörpertes Kapital verfügen und es vermarkten«,
konstatieren sie. Diese theoretische Erkenntnis mag nicht neu sein, wird jedoch
am Beispiel ethnischer Identitäten kreativ durch originäre Beobachtungen
ausgebaut und verdichtet.
Zu diesen Beobachtungen gehört unter anderem, dass juristische Auseinandersetzungen
über Land und wirtschaftliche Interessen generell oft am
Anfang der Begründung einer Ethnie und ihrer entsprechenden Ethnicity,
Inc. stehen. Identität wird häufig als Eigentum reklamiert und »mit
eindeutig korporativen Mitteln gemanagt«. Kulturelles und ökonomisches
Kapital verschmelzen dabei miteinander. Im Zuge dieser Entwicklung wird der
Kampf um politische und soziale Emanzipation mehr und mehr in Form von Rechtsstreits
ausgetragen. Lawfare nennen die Comaroffs die bevorzugte Waffe auf diesem Feld.
Mit Ethnicity, Inc. setzen Jean und John Comaroff wieder einmal einen Standard
für die wissenschaftliche Beschäftigung mit Ethnizität. Diese
ist in vielen Regionen entgegen den Annahmen sowohl der klassischen als
auch der kritischen Theorie weiterhin und offensichtlich mehr denn je
ein integraler Bestandteil heutiger Lebenswelten.
Ruben Eberlein
John L. & Jean Comaroff: Ethnicity, Inc. University of Chicago Press 2009.
234 Seiten, 20,99 Euro.