Scheitern an der Zweiten Welt
In der Zweiten Welt, so die Kernthese von Parag Khannas Buch The Second World,
werde die Machtverteilung für das 21. Jahrhundert entschieden. Die Zweite
Welt bestehe aus all den Ländern, die gleichzeitig über Merkmale der
Ersten und der Dritten Welt verfügen wie etwa Brasilien, Iran oder Vietnam.
Es seien Länder, in denen Armut und Wohlstand, rasante Entwicklung und
perspektivlose Unterentwicklung Seite an Seite aufträten. Auf dem, was
Khanna als »geopolitischen Marktplatz« bezeichnet, könnten
sie sich eines der drei Imperien China, EU und USA als Partner wählen.
Wegen ihrer wirtschaftlichen Dynamik und ihres Ressourcenreichtums beeinflussten
die Länder der Zweiten Welt so den Kampf um die weltweite Vorherrschaft
in entscheidendem Ausmaß.
Khannas Ansatz, eine enorme Anzahl von Staaten in Asien, Lateinamerika und Osteuropa
zu untersuchen, ist an sich schon beeindruckend. Gleiches gilt für den
beruflichen Werdegang des 1977 in Indien geborenen Autors, der in bedeutenden
US-amerikanischen Think Tanks gearbeitet hat. Im vergangenen Jahr war Khanna
als Ratgeber Barack Obamas tätig. Beste Voraussetzungen, um ein aus erster
Hand informiertes Buch über die Geopolitik des 21. Jahrhunderts zu schreiben.
Doch The Second World enttäuscht. Das Buch ist über weite Strecken
ein aus subjektiven Eindrücken zusammengebastelter Reisebericht. Khannas
beliebteste Interviewpartner sind Taxifahrer, deren Aussagen als objektive Analyse
präsentiert werden. Mit ihnen kommt er auf der Fahrt vom Flughafen zum
Hotel ins Gespräch. Den Entwicklungsstand eines Landes bewertet er nach
der Qualität der Straßen, auf denen er fährt. Die weiteren GesprächspartnerInnen
gehören zumeist der kosmopolitischen Bildungselite der Zweiten Welt an.
Wie problematisch dies ist, wird besonders bei den Ausführungen zur innenpolitischen
Lage Ägyptens deutlich: Khanna befragt einen Menschenrechtsaktivisten,
einen pro-demokratischen Politiker und eine Studentin. Hieraus entsteht das
Bild einer von überzeugten DemokratInnen geprägten ägyptischen
Gesellschaft. Es geht an der Realität vorbei.
Auch an anderer Stelle kommt man aus dem Staunen nicht heraus: Die politische
Instabilität Lateinamerikas erklärt Khanna mit der »lateinamerikanischen
Kultur«. Sie fördere Korruption und Verlogenheit. LateinamerikanerInnen
seien zwar stolz, doch zeigten sie wenig Respekt für ihre Mitmenschen,
wie Elend und ungezügelte Kriminalität verdeutlichten. Neben solchen
Ärgernissen hapert es des Öfteren an sachlicher Richtigkeit: Chinas
Engagement bei der UN Mission auf Haiti wird von Khanna als gleichwertig mit
demjenigen Brasiliens dargestellt. Es dient als Indiz für den angeblich
überall wachsenden Einfluss der Volksrepublik, der sich wie ein roter Faden
durch das gesamte Buch zieht. Doch während Brasilien den Oberbefehlshaber
der internationalen Truppe auf Haiti und mit mehr als 1.000 Soldaten das deutlich
größte Kontingent stellt, nehmen lediglich 143 Polizei- und Zivilkräfte
Chinas teil. An anderer Stelle bezeichnet Khanna das von einer alevitischen
Elite beherrschte Syrien als »sunnitischen Staat wie Saudi Arabien«.
Und die Bombardierung der chinesischen Botschaft in Belgrad wird auf das Jahr
1991 datiert (korrekt ist 1999).
Dank der sprachlich-stilistischen Fähigkeiten des Autors ist das Buch leicht
lesbar. Und die Bandbreite der angesprochenen, geopolitisch zentralen Themen
ist groß. Die Grundidee von The Second World mag zwar vorzüglich
sein, doch ist Khanna an der Umsetzung gescheitert.
Sören Scholvin
Parag Khanna: The Second World. Empires and Influence in the New Global Order.
Penguin Books, London 2008. 496 Seiten, 9,40 Euro.