Britisch-türkisches Rätselraten
Die Türkei ist Vielen ein rätselhaftes Land. Rund vier Millionen Türken
leben in anderen europäischen Ländern und wecken dort xenophobische
Ängste vor einer Islamisierung. Dabei ist die türkische Republik der
einzige laizistische Staat im Nahen Osten und in Europa (neben Frankreich).
Die Wirtschaftskraft des Istanbuler Stadtteils Beyoglu dürfte höher
liegen als die manch eines kleineren EU-Mitgliedsstaates, während große
Teile des ländlichen Anatoliens eher an ein Dritte-Welt-Land erinnern.
Seit 2002 regiert mit der AKP eine islamistische Partei, deren größtes
Ziel es ist, ein Teil Europas zu werden. Sie betreibt die Demokratisierung des
autoritären Staates stärker als alle kemalistischen Regierungen zuvor.
Der britisch-marxistische Historiker Perry Anderson ist mindestens so rätselhaft
wie die Türkei. Er war lange Jahre Herausgeber der New Left Review, einer
der wichtigsten Zeitschriften der Neuen Linken mit universal-marxistischem Blick.
Er gilt als »Mick Jagger der New British Left« und lehrt nun Geschichte
an der University of California.
Der Berliner Berenberg Verlag hat nun beide Rätsel zusammengeführt.
Vergessene Geschichten, originelle Analysen und eben kleine Rätsel der
Weltgeschichte sind die Spezialität dieses Kleinverlags. Nun stellt er
drei Texte Andersons aus der London Review of Books über die Türken,
ihren Staat und Europa dem deutschen Publikum vor.
Was war der Kemalismus für Anderson? Eine kulturelle Revolution ohne eine
soziale, zudem eine vertikale Angelegenheit. Vor allem aber strukturell tief
unaufrichtig: Der türkische Säkularismus war auch in den Augenblicken
fieberhafter Erhitzung niemals wahrhaft säkular. Der Staat kontrollierte
die Schulen und Moscheen. Religion wurde Staatssache und blieb trotz Unterdrückung
konstitutiver Teil der Nation. Die AKP ist somit eine Erbin des Kemalismus und
nicht ihr Widerpart. Sie ist postkemalistisch, nicht antikemalistisch. Der türkische
Säkularismus war also nicht wirklich säkular, und so möchte
man hinzufügen der türkische Islamismus ist nicht wirklich
islamistisch, jedenfalls nicht wie der arabische. Nationalistisch bis zum Anschlag
sind jedoch sowohl Kemalisten als auch Islamisten.
Nichtmuslimische Minderheiten haben diesen islamisch aufgeladenen türkischen
Super-Nationalismus in der Geschichte immer wieder zu spüren bekommen,
nicht nur die ArmenierInnen im Ersten Weltkrieg, sondern 1955 auch die griechischen
EinwohnerInnen Istanbuls. Die Genozid-Frage ist für Anderson bei seiner
Abrechnung mit dem Kemalismus besonders wichtig. Für ihn besteht kein Zweifel
daran, dass es sich beim Massenmord an den ArmenierInnen um Ausrottung gehandelt
hat, um den systematischen, staatlich organisierten Mord an einem Volk. Er sieht
viele Ähnlichkeiten mit dem Holocaust und regt sich darüber auf, dass
so viele an der Einzigartigkeit des Judenmordes festhalten. Der gute
Grund seines Ärgers ist, dass Letzterer Gegenstand einer monumentalen,
ehrfürchtigen, quasireligiösen Erinnerunskultur ist und Ersterer nur
»ein Geflüster im Winkel, das kein Diplomat der EU duldet«.
Andersons schlechte Begründung für diese Schieflage ist, dass die
westlichen Verbündeten Israel und Türkei eine solche Geschichtsinterpretation
verlangten.
Stark ist Anderson hingegen, wenn er europäische Fragen im globalen Kontext
stellt. Vor allem die komparativen Aspekte überzeugen, schon weil sie jeglichen
Orientalismus im Keim ersticken. Anderson arbeitet unentwegt Gemeinsamkeiten
und Unterschiede heraus, zum Beispiel zwischen Kemals Herrschaft und anderen
mediterranen Diktaturen seiner Epoche wie die Falangisten in Spanien; oder zwischen
dem Militärputsch von 1980 und General Jaruzelskis Staatsstreich in Polen;
oder zwischen Turgut Özals Wirtschaftsreformen der 1980er Jahre und dem
Thatcherismus sowie den Reagonomics; oder zwischen der AKP und der CDU. Das
sind ungewohnte Vergleiche, die manches Vertraute in neuem Licht erscheinen
lassen.
Was ist nun britisch-marxistisch an Andersons Analyse? Sie stützt sich
vor allem auf strukturelle Interpretationen. Regime erfüllen zum Beispiel
ihre »historischen Aufgaben«. Die politische Entwicklung wird auf
soziale Prozesse zurückgeführt: Weil es zum Beispiel keine explosiven
Klassenkonflikte und keine radikale Bewegung zu unterdrücken gab, konnte
die Türkei bereits 1950 (anders als das franquistische Spanien) eine Demokratie
werden. Politische Herrschaftszyklen werden somit vor dem Hintergrund gesellschaftlicher
Veränderungen beschrieben.
Und alles ist mit einem guten Schuss Antiimperialismus versetzt. Anderson ist
sehr streng mit dem NATO-Mitglied und EU-Beitrittskandidaten, schon weil der
Westen das Land immer als Frontstaat geschätzt hat: Im Kalten Krieg gegen
den Kommunismus, heute gegen den Islamismus. Niemals darf darüber hinaus
nach seiner Überzeugung ein Land von außen zu seinem Glück gezwungen
werden, und eine gute Entwicklung verläuft immer von unten nach oben. Schließlich:
Wenn etwas schief geht, wie in der ehemaligen britischen Kolonie Zypern, ist
am Ende eine britische Labour-Regierung schuld, mehr als eine konservative oder
die eines anderen Landes.
Jörg Später
Perry Anderson: Nach Atatürk. Die Türken, ihr Staat und Europa. Aus
dem Englischen von Joachim Kalka. Berenberg Verlag, Berlin 2009. 184 Seiten,
19.- Euro.