Emanzipation durch Bildung
Ein zentrales Problem politischer Bildungsansätze ist die Verbindung von
Theorie und Praxis. Auseinandersetzungen über den Begriff der Emanzipation
drohen hier oftmals in entweder rein theoretischen Erörterungen oder eher
unvermittelten didaktisch-methodischen Konzepten zu enden. Der Vorteil des Sammelbandes
Emanzipation in der politischen Bildung besteht darin, dass theoretische Betrachtungen
ebenso wie Praxisbeispiele Beachtung finden, was in dieser Zusammenstellung
einmalig sein dürfte.
Die theoretischen Aufsätze bieten einen fundierten Überblick über
das Bildungskonzept bei Humboldt, Horkheimer, Adorno und in der Kritischen Psychologie.
Abgerundet werden sie durch aktuelle Kritiken an der empirischen Bildungsforschung
und an Diversity-Ansätzen. Der Überblick über die Entwicklung
der politischen Bildung in Deutschland liefert den historischen Hintergrund
von Bildungsarbeit hierzulande. Reflexionen über Praxis und verwendete
Methoden erlauben die umfassenden Darstellungen von Gedenkstättenpädagogik,
Kritische Weißseinsforschung, Gendertraining, Selbstbehauptungsseminaren,
sexualpädagogischer Aufklärung, gewerkschaftlicher Bildungsarbeit
und vom Umgang mit Antisemitismus.
Für interessierte NeueinsteigerInnen liefert der Sammelband somit einen
umfassenden Überblick. Für erfahrene politische BildnerInnen werden
die Probleme einer emanzipatorischen Bildungsarbeit diskutiert: was ist überhaupt
Emanzipation, wie können Emanzipationsprozesse angeregt werden, wie kann
die Interdependenz gesellschaftlicher Ungleichheit gedacht werden? Dabei werden
teilweise unterschiedliche Herangehensweisen gegeneinander diskutiert: Janne
Mende setzt sich mit der Frage auseinander, auf welche Minimalbedingungen eine
politische Bildung reflektieren muss, wenn sie ihrem emanzipatorischen Anspruch
gerecht werden will. Christina Kaindl zeigt, dass Emanzipation nie gesetzt werden
kann, eine genuin emanzipatorische politische Bildung demnach nicht von außen,
von den politischen BildnerInnen vorgegeben werden kann stets finden
sich nur Annäherungen an diese. In beiden Beiträgen erweist sich,
dass das Theorie-Praxis-Verhältnis in seiner ganzen Produktivität
aufgenommen und entfaltet wird, weil beide (gegensätzlichen) Positionen
nachvollziehbar dargestellt werden.
Mitja Sabine Lück und Kevin Stützel diskutieren das Potenzial von
Seminaren, die auf dem Ansatz der Kritischen Weißseinsforschung beruhen
und nicht selten auch die Trennung in weiße und nicht-weiße SeminarteilnehmerInnen
erforderlich machen. Katrin Reimer führt dagegen aus, welche Gefahren in
der ethnifizierenden Festschreibung von Identitäten liegen und wie auf
diese Weise die Ethnisierung von sozialen Fragen ungewollt fortgesetzt werden
kann. Diese soziale Frage steht im Mittelpunkt der Betrachtungen von Sebastian
Bischoff, der gewerkschaftliche Seminare gegen Rassismus als strukturelles Phänomen
analysiert. Thomas Viola Rieske diskutiert, dass LSBT-Aufklärungskonzepte
(lesbisch-schwul-bi-trans) selbst ins Repressive umschlagen können, wenn
von festen identitären Zuschreibungen ausgegangen wird. Emanzipatorische
sexualpädagogische Aufklärung hätte von anderen Prämissen
auszugehen, in denen bestehende Repressivitäten vor und nach dem
Outing im Mittelpunkt der Kritik stehen.
Insgesamt liegt ein informativer Sammelband vor, der ausführlich Einzelbeispiele
diskutiert, aber nie den Blick auf das Ganze vermissen lässt. Das Ganze
wird von der Frage gerahmt, wie und unter welchen Bedingungen eine emanzipative
politische Bildung möglich ist und wann sie an ihre Grenzen stößt.
Christoph H. Schwarz
Janne Mende/Stefan Müller (Hg.): Emanzipation in der politischen Bildung.
Theorien Konzepte Möglichkeiten. Wochenschau-Verlag, Schwalbach/Taunus
2009. 384 Seiten, 39,80 Euro.