Frankreichs Mitschuld in Ruanda
Fünfzehn Jahre nach dem Genozid in Ruanda beantwortet die Vereinigung
Survie in ihrem Buch La complicité de la France dans le génocide
des Tutsi au Rwanda fünfzehn Fragen nach der Rolle Frankreichs in den Massakern
von 1994. Nach nationalen und internationalen juristischen Maßstäben
sei Frankreich der »Komplizenschaft« schuldig, lautet ihr Urteil.
Die diplomatische und militärische Unterstützung für das Genozidprojekt
stelle »einen der größten Skandale der 5. Republik« und
»eine äußerste Radikalisierung der normalen Politik Frankreichs
in Afrika« dar. Für diese hat der Survie-Gründer François-Xavier
Verschave die Bezeichnung »Françafrique« geprägt. Survie
wurde 1984 mit dem Ziel gegründet, die französische Afrikapolitik
kritisch zu beleuchten, sich für gerechte Nord-Südbeziehungen und
eine veränderte Entwicklungszusammenarbeit einzusetzen. 2004 war die Vereinigung
maßgeblich an der Einrichtung einer zivilgesellschaftlichen Untersuchungskommission
zu Frankreichs Rolle im ruandischen Genozid beteiligt (http://cec.rwanda.free.fr/).
Die staatlich geplante, systematische Vernichtung der Tutsi ist nicht ohne die
deutsch-belgische Kolonialgeschichte zu verstehen, die soziale Identitäten
im vorkolonialen Ruanda ethnisch festschrieb etwa durch ihre Aufnahme
in die 1931 geschaffenen Personalausweise. Diese dienten den TäterInnen
1994 zur Identifizierung ihrer Opfer, wobei in den Jahren zuvor auch französische
Soldaten an solchen Identitätskontrollen beteiligt waren. Die Beherbergung
der nach dem Abschuss des Präsidentenflugzeuges am 6. April 1994 eingesetzten
und für den Genozid verantwortlichen Übergangsregierung in der französischen
Botschaft in Kigali ist ein weiterer Vorwurf auf einer langen Anklageliste an
die Adresse von Paris. Auf dieser finden sich auch eine Reihe von Unterlassungen
Frankreichs: Keine Zurückweisung der ethnischen Definition eines militärischen
Gegners; kein militärisches Eingreifen, um den Genozid zu stoppen; kein
Einfrieren der Konten der Genozid-Organisateure in Frankreich (der damalige
Finanzminister hieß übrigens Nicolas Sarkozy); und zuletzt schlichtweg
kein Interesse. So wird der damalige Präsident François Mitterrand
mit folgendem Ausspruch zitiert: »In diesen Ländern ist ein Genozid
nicht so von Gewicht.«
Diese Unterlassungen korrespondieren mit Frankreichs aktiver Politik, etwa bei
der Ausbildung der Hutu-Milizen. Diese verschrieben sich einem »revolutionären
Krieg«, der mittels einer totalen Mobilisierung der Bevölkerung geführt
und spätestens seit 1990 geplant wurde. Verschiedene Militäroperationen
vor und während des Genozids sowie anderweitige Unterstützung für
das rassistische Hutu-Regime und die génocidaires legen die Schlussfolgerung
nahe, dass »Frankreich an der Durchführung des Genozids beteiligt
war«. Zu diesem Ergebnis kam 2007 der ruandische Mucyo-Bericht. Die Mitwirkung
Frankreichs führt Survie auf eine seit hundert Jahren gewachsene »geopolitische
Repräsentation« zurück, in deren Folge auf dem afrikanischen
Kontinent ein konstanter Kampf zwischen englisch- und französischsprachigen
Einflussräumen stattfinde. So wurde von Frankreich das Hutu-Power-Regime
als Verbündeter, die FPR-Rebellen jedoch, die Ruanda vom genozidalen Terror
befreiten und deren Kombattanten vor 1990 größtenteils in der Armee
des anglophonen Uganda dienten, als Gegner wahrgenommen.
Zu einer so eindeutigen Sprache, wie sie bisweilen in Kigali gesprochen wird,
kann sich das Buch leider nicht durchringen. Es beschränkt sich darauf,
die Schlussfolgerungen einer parlamentarischen Informationsmission
von 1998 zurückzuweisen, den Bericht des Untersuchungsrichters Jean-Louis
Bruguière aus dem Jahr 2006 zurecht zu rücken und verschiedene revisionistische
Ansichten zu kritisieren. Dazu ruft Survie allerlei republikanische Mythen,
etwa einen ethnisierten Gesellschaftsvorstellungen entgegengesetzten Nationengedanken,
sowie Menschenrechte und Transparenz auf. Dennoch ist das Buch in seiner knappen
und anklagenden Form eine der besten bisher verfassten Interventionen zum Thema.
Kolja Lindner
Survie: La complicité de la France dans le génocide des Tutsi
au Rwanda. 15 ans après, 15 questions pour comprendre. LHarmattan,
Paris 2009. 164 Seiten, 13 Euro.