»Junge Menschen haben die Dysfunktionalität ihrer Regierungen satt«
Gespräch mit Sarah Weiß von der Heinrich Böll Stiftung über Jugendbewegungen im Globalen Süden
Audiobeitrag von Eva Gutensohn
05.09.2025
Warum gehen im Globalen Süden vor allem junge Menschen auf die Straße, wenn es um gesellschaftliche Veränderungen geht? Von den Protesten in Kenia über die erfolgreiche Revolution in Bangladesh bis hin zu der End-SARS-Bewegung in Nigeria – weltweit sind es vorwiegend Aktivist*innen der so genannten Generation Z, die den Wandel vorantreiben.
Eva Gutensohn vom südnordfunk sprach mit Sarah Weiß, Programmleiterin »Young Advocates for Democracy« der Heinrich-Böll-Stiftung Brüssel, unter anderem darüber, warum konventionelle Politik für junge Menschen oft nicht zugänglich ist und wie Soziale Medien Proteste revolutioniert haben. Über die besonderen Herausforderungen junger Menschen im Globalen Süden, die Rolle von Geschlecht und Bildung in Protestbewegungen und die Frage: Was macht eine Bewegung erfolgreich?
Skript zum Audiobeitrag
Erstausstrahlung am 2. September 2025 im südnordfunk #136
iz3w: Es ist nichts Neues, dass soziale Bewegungen häufig von jungen Menschen getragen werden. Was sind die Gründe dafür?
Sarah Weiß: Soziale Bewegungen sind Reaktionen auf gravierende gesellschaftliche oder wirtschaftliche Missstände. In der Politikwissenschaft sind sie eine unkonventionelle politische Partizipationsform – dem gegenüber stehen konventionelle Formen wie Wahlen oder Parteimitgliedschaft. Aber diese sind für junge Leute weniger zugänglich und auch nicht attraktiv. Junge Menschen dürfen in den meisten Ländern unter 18 Jahren nicht wählen, Parteien machen Politik für Wähler*innen – damit haben junge Leute kaum Mitspracherecht. Es gibt generell kaum politische Formate, an denen junge Menschen beteiligt werden.
Gleichzeitig wird ihnen von älteren Generationen oft vorgeworfen, unpolitisch zu sein. Dabei interessieren sie sich sehr wohl für globale Themen wie Klimawandel oder soziale Gerechtigkeit. Weil ihre Anliegen aber nicht berücksichtigt werden, nehmen sie sich als marginalisierte Gruppe wahr. Da ist es naheliegend, dass man sich unkonventionelle Formen der Beteiligung sucht. Protestbewegungen bieten eine sehr gute Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen. Und das Internet und soziale Medien erlauben eine einfache Mobilisierung.
Stichwort marginalisierte Gruppen – meinst du, dass dadurch auch so eine Wut entsteht, die zu diesem Aktivismus führt?
Ja, absolut. Wenn man in einem Land mit einem weniger stabilen politischen System aufwächst, fühlt man sich als junger Mensch oft nicht repräsentiert. Das führt, insbesondere wenn es mit prekären Lebensverhältnissen zusammentrifft, zu Frustration, zu Wut und auch zu einem Gefühl von Aussichtslosigkeit. Da möchte man natürlich etwas dagegen tun.
»Je progressiver eine Bewegung ist, desto inklusiver ist sie«
Gibt es außer dem Alter noch andere Faktoren, die eine Rolle spielen – zum Beispiel Geschlecht?
In patriarchalen Ländern mit viel geschlechterbasierter Gewalt kann das Geschlecht ein Auslöser dafür sein, dass sich eine Protestbewegung formiert. In Pakistan gab es jährlich zum internationalen Frauentag den sogenannten Aurat March, wo Frauen landesweit gegen sexuellen Missbrauch und geschlechterbasierte Gewalt, aber auch für bessere medizinische Versorgung oder Zugang zu sauberem Trinkwasser auf die Straße gingen. Aber je progressiver eine Bewegung ist, desto inklusiver ist sie. Oft startet eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe einen Protest, aber dann stellt sich die Bewegung breiter auf. In Kenia haben die Gen-Z-Proteste letztes Jahr aufgrund einer Steuerreform begonnen, aber nach kurzer Zeit ging es viel mehr darum, das korrupte politische System und die Polizeigewalt zu adressieren. Da konnte eine viel größere Gruppe mobilisiert werden.
Ist der Eindruck richtig, dass gerade in den 2020er Jahren eine besonders starke Bewegung im Globalen Süden entstanden ist? Und was sind die Gründe?
Ich würde der These zustimmen. Die Pandemie war eine massive Disruption, die verschiedene Probleme global offengelegt hat. Wenn man sich veröffentlichte Daten zu Protestbewegungen anschaut, sieht man, dass sie seit den 2010er Jahren stetig angestiegen sind. Die Gründe sind sehr vielfältig – ein Zusammenspiel aus innen- und außenpolitischen Faktoren. Wir haben die großen globalen Krisen, die man als Polykrise zusammenfassen kann: Klimawandel, politische Repräsentationskrise, steigende soziale Ungleichheit, zunehmende kriegerische Auseinandersetzungen. Durch diese Krisen befindet sich die regelbasierte internationale Ordnung im Umbruch. Diese Entwicklungen treffen Europa und Nordamerika, aber wir beobachten auch, dass sich das Selbstverständnis der Länder des Globalen Südens vollkommen verändert hat. Der Wohlstand ist gestiegen, eine Mittelklasse hat sich herausgebildet. Damit entsteht aber auch Desillusionierung – mit der internationalen Ordnung und mit dem eigenen politischen System. Wir sehen instabile politische Institutionen, Polizeigewalt, der vor allem junge Menschen ausgesetzt sind, Korruption. Junge Menschen haben diese Dysfunktionalität satt, das führt zu wachsendem Vertrauensverlust. Weil es kaum Zugänge in die formale Politik gibt, wird der Protest auf den Straßen Ausdruck verliehen. Ein wichtiger Punkt: Die konventionelle Zivilgesellschaft wird zunehmend als konservativ, elitär und vom Ausland gefördert wahrgenommen. Dem gegenüber stehen informelle Protestbewegungen, die auf Graswurzel-Ebene organisiert werden. Das verleiht ihnen mehr Authentizität. Und diese Organisation wird durch soziale Medien erleichtert. Junge Generationen sind technikaffiner und wissen digitale Räume für sich zu nutzen – das hat Beteiligung viel niedrigschwelliger gemacht.
»Es war es noch nie so einfach wie heute, eine Revolution anzufachen«
Zum Thema Soziale Medien: War es noch nie so einfach wie heute, eine Revolution anzufachen?
Ja, ich würde dieser These zustimmen. Soziale Medien erlauben es wirklich sehr einfach, eine breite Masse zu mobilisieren, und sind global präsent. Man kann sich viel mehr Gehör und Sichtbarkeit verschaffen. Natürlich haben wir auch gesehen, dass das Risiken birgt – soziale Medien werden von mächtigen Tech-Konzernen gesteuert, die ihre eigenen Interessen haben. Dennoch sind sie ein sehr wichtiges Tool, um für progressive Kräfte zu mobilisieren.
Gibt es so etwas wie eine Blaupause für diese Bewegungen?
Die Proteste in Kenia haben Proteste in anderen Ländern inspiriert – zum Beispiel in Uganda und Nigeria. Und dann gab es die Bewegung in Bangladesch letztes Jahr, die die Regierung friedlich gestürzt hat. Aber ich glaube, dass die Unterschiede lokal so unterschiedlich sind, dass es schwierig ist, wirklich eine Blaupause zu finden. Manchmal gibt es Spillover-Effekte, aber es ist zu komplex, um sagen zu können: Wegen dieser Bewegung ist dann das und das passiert.
Vielleicht zu Bangladesch: Diese Bewegung war erfolgreich. Wovon hängt es ab, ob eine Bewegung erfolgreich ist?
Man kann nicht generell sagen, was "erfolgreich" im Kontext sozialer Bewegungen bedeutet. In Bangladesch wurde die Regierung friedlich gestürzt. Allerdings ist ein Umsturz immer eine Situation von Chaos und Unsicherheit. Auch in Bangladesch stellt sich nach über einem Jahr Unsicherheit ein. Es ist sehr viel möglich, und oft kann dieses Chaos ein Einfallstor für fundamentale Kräfte sein, die besser organisiert sind als eine breite Straßenbewegung. Generell braucht es ein gewisses Momentum, damit eine Bewegung erfolgreich sein kann – zum Beispiel stehen Wahlen an oder es gibt Gesetzesreformen. In Kenia wurde letztes Jahr gegen eine Steuerreform protestiert, die aufgrund der Proteste wieder zurückgenommen wurde. Oder die Bauernproteste in Indien 2021 – die Gesetzesentwürfe wurden auch zurückgenommen. Es muss also nicht immer ein systemischer Wandel sein, es können auch kleinere Anliegen sein. Natürlich ist es gut, wenn man sich mit Medien oder etablierten Organisationen koordiniert, um mehr Sichtbarkeit zu erzeugen. Und man braucht bestimmte Narrative, um eine möglichst breite Gruppe zu mobilisieren. Finanzielle Ressourcen schaden natürlich auch nicht.
»Ein Umsturz ist immer auch eine Situation von Chaos und Unsicherheit«
Wir sprechen vom Globalen Süden – gibt es Unterschiede zwischen den Regionen?
Es ist schwer, pauschale Vergleiche zu ziehen. Die Anliegen der Bewegungen gehen grob auf die gleichen Kernthemen zurück: Klimawandel, Klimagerechtigkeit, Bürgerrechte, Geschlechtergerechtigkeit, Frieden, soziale Gerechtigkeit. Dann spielt der konkrete lokale Kontext eine Rolle. Wichtig ist der Unterschied zwischen autoritären Systemen – Afghanistan, Myanmar, Nicaragua – und semi-autoritären Kontexten wie Indien, Kenia, Bangladesch, Nigeria. In sehr autoritären Kontexten hat man keinen Raum zur öffentlichen Meinungsäußerung. Ein Protest würde sofort niedergeschlagen. Aber dennoch gibt es andere Formen des Widerstands: In Afghanistan, wo Mädchen nach der Grundschule jegliche Bildung verboten ist, gibt es Lehrerinnen, die Mädchen bei sich zu Hause im Geheimen unterrichten. Das ist ein Akt des Widerstands, der nicht öffentlichkeitswirksam stattfindet, aber signifikant und lebensverändernd ist.
Und was vereint alle Bewegungen?
Die Kernthemen sind überall gleich. Junge Leute denken viel an die Zukunft und an die Klimakatastrophe. Man sieht überproportional viele junge Menschen in Klimabewegungen weltweit – ob in Islamabad für nachhaltige Stadtplanung oder in Südamerika gegen Ressourcenabbau. Und: Junge Leute sind oft massiven Repressionen ausgesetzt, die auch auf die Psyche gehen und zu Burnout führen können. Das ist ein Thema, was alle vereint.
Kommen wir zurück nach Europa: Könnten wir hier irgendetwas tun, damit diese Bewegungen im Globalen Süden erfolgreicher sein können?
Das ist eine schwierige Frage. Zum einen sollten wir Solidarität zeigen und progressive Netzwerke bilden mit Aktivist*innen aus dem Globalen Süden. Und es ist wichtig, dass es unabhängige Medienberichterstattung gibt, die Menschen hier informiert. Man kann als globaler Norden auch durch finanzielle Ressourcen unterstützen. Allerdings wirft das schwierige Fragen auf. Zum einen die Praktikabilität: Als Geberland ist man an bürokratische Richtlinien gebunden. Andererseits führt es oft zu Verschwörungserzählungen über ausländische Steuerung, was zu noch aggressiverer Repression und Delegitimierung der Proteste führen kann. Man hat in der Vergangenheit gesehen, dass Unterstützung von außen oft an eigene Interessen des globalen Nordens geknüpft ist. Aber Solidarität kann man auf verschiedene Art ausdrücken: Zum Beispiel über innovative Visapolitik – man kann Aktivist*innen humanitäre Visa für den Schengenraum ausstellen, sodass sie im Notfall spontan ausreisen können. Die deutsche Bundesregierung hat dies für Menschen aus Russland und Belarus getan, allerdings sind diese Programme momentan suspendiert. Oder man unterstützt strategisch durch Aufbau von Kapazitäten oder psychosoziale Unterstützung. Junge Leute sind oft psychisch belastet durch Repressionen – durch Stärkung ihrer Resilienz unterstützt man sie, dass sie ihre Arbeit fortsetzen können. Und ich glaube, dass wir auch lokal in Deutschland schauen sollten: Was gibt es für Jugendbewegungen und wie können wir die unterstützen? Was wollen die? Es ist wichtig, dass ältere Generationen jungen Leuten zuhören. Ich beobachte mit großer Sorge, dass die Wehrpflicht durch die Hintertür wieder eingeführt wird, aber junge Leute haben kein Mitspracherecht.
»Wir sehen, wie auch in Europa Demokratien umgebaut werden«
Können wir hier in Deutschland vielleicht auch etwas lernen von den Bewegungen im Globalen Süden?
Auf jeden Fall. Auch in Europa sehen wir, wie Demokratien umgebaut werden, Rechtsstaatlichkeit unter Beschuss steht, Polizeigewalt zunimmt, auch in Deutschland. Die freie Meinungsäußerung wird massiv eingeschränkt. Junge Leute im Globalen Süden haben sehr gute Strategien entwickelt, wie man schrumpfende Räume nutzen kann und wie man mit zunehmender Repression umgeht. Es ist sehr wichtig, sich zu vernetzen, auszutauschen und von diesen Erfahrungen zu lernen. Junge Menschen im Globalen Süden wachsen oft in prekäreren Lebensverhältnissen auf. Man erlebt viel mehr Ungleichheit und Gewalt im Alltag. Hier wächst man vergleichsweise behütet auf. Aber dennoch verschlechtert sich die Situation für junge Menschen zunehmend, und wir sind darauf nicht richtig vorbereitet. Es ist wichtig zu schauen: Was für Mechanismen gibt es, um Resilienz zu schaffen?
Welche wichtigen Bewegungen haben wir hier überhaupt gar nicht auf dem Schirm?
2020 kam es in Nigeria zu massiven Protesten – End SARS –, angeführt von jungen Leuten, die sich vor allem gegen die massive Polizeigewalt richteten, aber auch gegen Korruption und den Mangel an Reformwillen der Regierung. Die Bewegung nahm solche Ausmaße an, dass sie international aufgegriffen wurde. In sehr vielen afrikanischen Ländern ist sehr viel in Bewegung. Man kann viele Good Practices ablesen, wie Bewegungen gewaltfrei geführt werden. Das widerlegt auch die Annahme, dass junge Leute eher zu Gewalt neigen.
Es gibt auch viele kleinere, lokal verwurzelte Bewegungen: In Myanmar gibt es junge Journalist*innen, die teils im Land, teils aus dem Exil arbeiten und alternative Nachrichtenportale anbieten, die nicht von der Militärregierung infiltriert sind. In Indien gibt es an progressiven Universitäten Lesekreise, die für die Beteiligten revolutionäre Ausmaße annehmen. In meinem Programm haben wir eine Datenbank von verschiedenen Bewegungen – die kann man auf unserer Website einsehen.
Das Interview führte Eva Gutensohn.