»Wir haben ein Recht auf unsere Geschichte«
Ein Film von Haile Gerima erzählt Äthiopien neu
1935 startete Italien einen zweiten Angriffskrieg gegen Äthiopien – nachdem es 40 Jahre zuvor eine verheerende Niederlage hatte hinnehmen müssen. Der Film »Black Lions – Roman Wolves« von Haile Gerima erzählt aus äthiopischer Sicht vom italienischen Kolonialismus und dem äthiopischen Widerstand. Er zeigt den Terror der Kolonialherrschaft, die Mitschuld der internationalen Gemeinschaft – und die Schwierigkeiten bei der Aufarbeitung der eigenen Geschichte.
30 Jahre hat der äthiopische Regisseur Haile Gerima für dieses fast neunstündige Filmepos recherchiert, eine komplexe Suche nach der Erinnerung. Der Zugang zu den Kolonialarchiven war reglementiert und kostspielig und wurde restriktiv gehandhabt. Im Hintergrund die Legende von der zivilisatorischen Mission Europas in Afrika, verbunden mit einer Dämonisierung des schwarzen Kontinents.
Dem kolonialistisch geprägten Afrikabild stellt der Regisseur Bilder der äthiopischen Geschichte und Kultur entgegen und zeigt das Zerstörungswerk der italienischen Faschisten in Äthiopien. Der Film vermittelt auch die Schwierigkeiten bei der Recherche. Er fordert freien Zugang zu den Archiven, insbesondere für die betroffenen kolonialisierten Länder, deren Dokumente dort gelagert sind. »Wir haben ein Recht auf unsere Geschichte.«
Wann beginnt der Zweite Weltkrieg?
Für den Westen beginnt der Zweite Weltkrieg 1939. Haile Gerima dekonstruiert diese westliche Sichtweise in seinem Film und zeigt, dass der Krieg bereits 1935 mit dem Überfall des faschistischen Italien auf das Kaiserreich Äthiopien beginnt (iz3w 407). Der Film erzählt die Vorgeschichte dieses zweiten italienischen Krieges gegen Äthiopien anhand der politischen Entwicklungen beider Länder, verbunden mit Einblicken in die äthiopische politische Kultur: die Herkunftslegende um die israelitische Abstammung des äthiopischen Kaiserhauses von König Salomon sowie die anhaltende kulturelle und religiöse Bedeutung von Aksum, der alten Hauptstadt des spätantiken Großreichs auf beiden Seiten des Roten Meeres.
Der Film ruft die Erinnerung an die legendären äthiopischen Fürsten und Heerführer auf. Mithilfe ihrer landesweiten Unterstützung gelingt dem äthiopischen Kaiser Menelik II. 1896 der entscheidende Sieg gegen Italien bei Adua, einem wichtigen kleinen Handelszentrum im Nordosten Äthiopiens in der Nähe von Aksum, auf 1.900 Metern Höhe in den Bergen gelegen, unweit der Grenze zur italienischen Kolonie Eritrea. Dieser Sieg bewahrt die Unabhängigkeit Äthiopiens – als ein ‚weißer Fleck‘ inmitten des kolonial aufgeteilten afrikanischen Kontinents. Haile Selassie, der Nachfolger Meneliks II., entmachtet dann die lokalen Fürsten im Rahmen seiner zentralistischen Reformpolitik.
Politsprüche und ihre Geschichte
Ein Spiel für junge und alte Linke – und eine Zeitreise in die Geschichte linker Parolen und Demosprüche
Zum Shop»Rache für Adua« wird zum faschistischen Slogan des italienischen Diktators Mussolini. Nach dem Marsch auf Rom im Oktober 1922 folgt, propagandistisch vorbereitet, 13 Jahre später der Marsch auf Addis Abeba zur Wiederherstellung des Römischen Reiches. Die Reden des Duce und die faschistischen Aufmärsche werden im Film gezeigt. Ohne Kriegserklärung fällt Italien dann 1935 mit einer halben Million Soldaten inklusive der Askaris, der afrikanischen Kolonialsoldaten, in Äthiopien ein. Der acht Monate währende Krieg endet mit dem Sieg der überlegenen italienischen Armee. In den folgenden fünf Jahren italienischer Herrschaft werden die äthiopischen Gebiete in das neu gegründete Kolonialreich »Italienisch Ostafrika« integriert. Der italienische König nimmt den Titel »Kaiser von Äthiopien« an, der italienische Heerführer Graziani wird Vizekönig, der äthiopische Kaiser Haile Selassie flieht ins Exil.
Die europäischen Großmächte erkennen Italiens neues Kolonialreich an. Diese Politik ändert sich erst 1940 mit dem Kriegseintritt Italiens an der Seite Hitlers, verbunden mit Angriffen auf die britischen Kolonien. Großbritannien zieht an der Seite des äthiopischen Kaisers, dessen Legitimität wieder anerkannt wird, in den Krieg gegen Italien, Äthiopien wird Teil des Afrikafeldzugs gegen die Achsenmächte. Die Appeasementpolitik gegenüber Italien hatte sich als Sackgasse erwiesen.
Appeasement statt Beistand
Bis zum Befreiungskrieg Äthiopiens 1941-43 ist die Politik des Völkerbundes von der taktisch ausgerichteten Appeasementpolitik der Großmächte bestimmt. Haile Selassie hatte im Völkerbund, dessen Mitglied sowohl Äthiopien als auch Italien ist, einen Sicherheitsgaranten gesehen und verzichtete zu Kriegsbeginn auf Gegenmaßnahmen. Doch seine Eingaben und Appelle bleiben trotz überwältigender Hinweise auf systematische Kriegsverbrechen, insbesondere den Einsatz von Giftgas, folgenlos. Einige gesichtswahrende Wirtschaftssanktionen werden verabschiedet, aber der Suezkanal bleibt offen für italienische Truppentransporte. Über den einzigen Zugang zum Meer, den Hafen Dschibuti, eine französische Kolonie, werden italienische Waffen transportiert und die äthiopischen Waffenlieferungen behindert.
Haile Gerima bezeichnet das Doppelspiel Frankreichs als Verrat. Der Auftritt des vertriebenen Kaisers 1937 vor dem Völkerbund findet ein weltweites Echo. Die afrikanische Diaspora ruft zur Unterstützung auf, die afroamerikanische Bevölkerung stellt sich von Kriegsbeginn an auf die äthiopische Seite, Freiwillige aus ganz Afrika schließen sich an. Der Film zeigt den Auftritt des Kaisers unter tumultartigen Umständen durch die Protestaktionen italienischer Journalisten auf der Tribüne des Völkerbunds in Genf. Sein Appell, die Annexion Äthiopiens nicht anzuerkennen, findet keine Mehrheit. Die Schlussworte seiner Rede gelten als prophetisch: »Heute sind wir es, morgen werdet Ihr es sein.«
Giftgas und andere Kriegsverbrechen
Die Liste der italienischen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist lang. Sie sind bereits seit Kriegsbeginn durch Eingaben an den Völkerbund bekannt: Giftgas wird eingesetzt gegen äthiopische Truppen, gegen Zivilist*innen, gegen ganze Dörfer. Menschen werden aus der Luft gejagt, Italien hat die alleinige Lufthoheit. Flüsse werden vergiftet, was den Rückzug der äthiopischen Armee tödlich macht. Es gibt systematische Bombardierungen von Rot-Kreuz-Stationen, es gibt KZs und Zwangsarbeit. Die äthiopische Führungsschicht wird hingerichtet. Sogar die traditionellen Weissager werden ermordet, da sie die Niederlage der Faschisten voraussagen. Der ob der äthiopischen Widerstandsaktionen wutentbrannte italienische Heerführer Graziani erklärt öffentlich: Wir werden Äthiopien nehmen, mit oder ohne Äthiopier.
»Wir kannten nur den Regen, jetzt sandte uns der Himmel den Tod«
Der Film zeigt die Massaker in den Aufnahmen der Täter, geframt von den Aussagen der Überlebenden, den Kommentaren von Historikern und äthiopischen Klagegesängen: »Wir kannten nur den Regen, jetzt sandte uns der Himmel den Tod.«
Zu einem den Nürnberger Prozessen vergleichbaren Gerichtsverfahren gegen die italienischen Kriegsverbrecher kam es nicht, trotz des jahrelanges Kampfes der äthiopischen Regierung um Gerechtigkeit. Äthiopien wurde von der UN-Kommission für Kriegsverbrechen (UNWCC 1943-1948) bis kurz vor Ende ausgeschlossen, die äthiopischen Anträge wurden unter der Kennnummer I/81 archiviert, ohne dass sich die UNO mit ihnen befasst hätte. Sie blieben bis 2014 für die Öffentlichkeit unzugänglich, auch für äthiopische Forschende.
Eine zivilisatorische Mission?
Haile Gerima dekonstruiert umfassend die westliche Mär vom Guten, das der Kolonialismus nach Afrika gebracht habe. Sein Film dokumentiert neben den Kriegsereignissen die faschistische Symbolpolitik und Kulturzerstörung in Äthiopien: die Aufstellung von Mussolini-Büsten, beginnend mit Adua, den Raub einer spätantiken Stele des Aksumitischen Reiches, den Abbruch des historischen Menelik-Denkmals in Addis Abeba und deren Ersatz durch eine Kopie der römischen Wölfin, dem Herrschaftssymbol Roms. Das historische Monument des »Löwen von Judah« wird zur Siegesparade nach Rom gebracht. Der Filmtitel »Black Lions – Roman Wolves« spielt auf diesen Raub und Krieg der Denkmäler an. Es bedurfte zäher Verhandlungen, bis der »Löwe von Judah« 1967 an seinen alten Platz in Addis Abeba zurückkehren konnte, die spätantike Stele wurde bis 2005 in Rom festgehalten.
Der »Löwe von Judah« wird zur Siegesparade in Rom aufgestellt
Bei den Siegesfeiern in Rom wird der »Löwe von Judah«, dieses Denkmal traditionellen äthiopischen Selbstbewusstseins, von jubelnden italienischen Massen umtanzt. Der Film zeigt in Wiederholungsschleifen die Bilder faschistischer Aufmärsche als Volksfeste. Besonders eindrucksvoll sind die wiederholten Bilder einer beispiellosen öffentlichen Spendenaktion von Eheringen für das Militär, auch dies ein faschistisches Volksfest, gefeiert mit vor Begeisterung glühenden Gesichtern. Selbst Nonnen sind beteiligt. »Die faschistische Regierung sei nicht allein verantwortlich für den Krieg und die Massaker, sondern auch die italienischen Zivilisten mit ihren Unterstützungsaktionen«, kommentiert Haile Gerima.
In Äthiopien wird ein Apartheidregime mit getrennten Stadtquartieren für Weiße und Einheimische eingeführt. Das alte Erziehungssystem wird abgeschafft, die Lehrerschaft ermordet, eine auf vier Jahre beschränkte italienische Grundschulausbildung mit italienischen Lehrern eingeführt. Haile Gerimas Mutter hatte eine solche Schule besucht. Haile Gerima selbst, 1946 nach dem Krieg in Äthiopien geboren, besuchte eine englische Schule. Das neue Schulsystem nach der italienischen Niederlage wurde englisch, mit englischen Lehrbüchern und zumeist indischen Lehrern.
Kulturimperialismus und Film
Anhand der eigenen Lebensgeschichte zeigt Haile Gerima die verführerische Macht des Kulturimperialismus. Er erzählt, wie seine Nachkriegskindheit und -jugend vom Hollywoodfilm stark beeinflusst war – obwohl sein Vater ein Dramatiker, Priester und Guerrillakämpfer war, der mit einem zum Buchladen umgebauten Krankenwagen umherzog. Trotzdem, sagt der Regisseur, »kannte ich unsere Geschichte nicht«. Als Junge ist er fasziniert von John Wayne, den er im spannungsvollen Filmerlebnis vor den angreifenden Indigenen warnt. Tarzan wird der Held seiner Kindheit.
Zum Theater- und Filmstudium geht Gerima nach Los Angeles, wird Teil der dissidenten Gruppe LA-Rebellion und dreht als Student seinen ersten Film: »Kill Tarzan«, preisgekrönt vor allen anderen Studierenden. Im Rückblick dekonstruiert er die LA-Rebellion, die keine Rebellion gewesen sei, sondern ein Teil der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, und kritisiert seinen Film: Der Killer, ein mutiger Schwarzer, war auch ein Held im Sinne Hollywoods. Seine Forderung, das »Hollywood in uns« zu überwinden, geht an Filmleute, aber auch an das Publikum und die gesamte Zivilgesellschaft. Hollywood sei überall und usurpiere unsere Geschichten durch Infiltration seiner Werte. Er fordert, wir müssen unsere eigenen Bilder für unsere eigenen Geschichten finden.
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Filmstill aus »Black Lions – Roman Wolves« | © Negod Gwad Productions -
Filmstill aus »Black Lions – Roman Wolves« | © Negod Gwad Productions
Befreiungskampf in Äthiopien
Als Haile Gerima, inzwischen Professor an der Schwarzen Howard University in Washington DC, in den 1990er Jahren in seine Heimat zurückkehrt, um einen Film über die eigene Geschichte zu drehen, wird er wie der verlorene Sohn erleichtert aufgenommen. Er interviewt die noch lebenden Guerillakämpfer und macht sie zu seinen Filmhelden. Ihr fortlaufender Widerstand hatte die italienische Besatzung auf die Städte und die von ihnen gebauten großen Straßen begrenzt. Guerillakämpfer führten 1941 die britischen Befreiungstruppen, verstärkt durch ein Spezialcorps unter Haile Selassie, erfolgreich gegen die zahlenmäßig überlegenen italienischen Truppen, die sich mit Terroraktionen verteidigten.
Haile Gerima zeigt im vierten und längsten Teil seines Films die komplexe Taktik der Guerilla, die sich mit Unterstützung der Bevölkerung unter Einbeziehung von Orts- und Naturkenntnis wie der Beobachtung von Vogelstimmen und -bewegungen, die mögliche italienische Soldaten anzeigen, von Versteck zu Versteck vorarbeiten. Auch Frauen kämpfen mit. Er zeigt die Schwierigkeiten der Übergangszeit nach dem Sieg: die Einnahme von Addis Abeba durch britische Truppen, die die britische Flagge hissen und den Kaiser in den Hintergrund drängen. Es gelingt der äthiopischen Seite, die beginnende De-facto-Kolonisierung durch Großbritannien schrittweise zurückzudrängen und sich im beginnenden Kalten Krieg die amerikanische Unterstützung zu sichern.
Der Film zeigt das Einholen der britischen und das Hissen der äthiopischen Flagge über dem alten Kaiserpalast, den Abbruch der zurückgelassenen faschistischen Monumente und die Wiedererrichtung der äthiopischen Denkmäler, den Neuaufbau der äthiopischen Regierung in dem kriegszerstörten Land – mithilfe der in der Verwaltung erfahrenen Kollaborateure, denn die einheimische Elite war ermordet worden. Man sieht Guerillakämpfer, die mit Orden dekoriert sind, aber ohne jede materielle Kompensation in die Armut ihrer Dörfer zurückkehren.
Haile Gerima setzt mit dem Film »Black Lions – Roman Wolves« den äthiopischen Kämpferinnen und Kämpfern ein Denkmal. Der Film ist elegisch und hat den Charakter eines Requiems. Mit den Hollywoodmythen seines Studiums, Helden des Happy Ends, hat das Werk nichts mehr zu tun.
Nach 30 Jahren Recherche stellt der neunstündige Film eine Aneignung der äthiopischen Geschichte dar. Indem er Wochenschauen, persönliche Aufnahmen und Berichte von italienischen Soldaten in Äthiopien mit Bildern und Berichten äthiopischer Kämpfer framt, mit alten äthiopischen Helden- und Trauergesängen und mit Balladen im Sound traditioneller äthiopischer Musik abmischt, mit den Kommentaren äthiopischer Historiker und eigenen Kommentaren konfrontiert, entwickelt der Filmemacher einen facettenreichen Bericht, der die äthiopische Perspektive geltend macht.
Die Geschichte des Films ist die Geschichte von David und Goliath, von einem David, der von der Welt hintergangen wird und den Kampf verliert, aber nicht aufgibt – eine authentische Geschichte vom schwarzen Kontinent für den schwarzen Kontinent. Es ist ein lehrreiches, ein sehenswertes Lebenswerk, das die Länge hat, die es braucht, wie Haile Gerima sagt: »Der Film konnte nicht kürzer sein.«