African Parks: Menschenrechte, Naturschutz & Fortress Conservation
Vom Ausschlussmodell zu gemeindebasierten Naturschutzparks
Audiobeitrag von Sinja Kilius
03.02.2026
Naturschutzparks in Afrika gelten oft als Hoffnungsorte in Zeiten multipler Krisen. Sie sollen bedrohte Arten schützen, überlastete Ökosysteme stabilisieren und als Puffer gegen die Folgen des Klimawandels wirken. Doch diese Schutzgebiete sind nicht nur Zufluchtsorte für bedrohte Arten. Sie sind auch Orte von Konflikten – um Land, um Macht und um die Frage, wer in einer globalen Umweltkrise die Kosten trägt.
Der Beitrag geht der Frage nach, welche Folgen globale Krisenstrategien vor Ort haben – und wie Naturschutz aussehen kann, der Zukunft ermöglicht, statt Ungerechtigkeiten fortzuschreiben. Zwei Perspektiven auf konkrete Umweltschutzprojekte auf dem afrikanischen Kontinent: eine Kritische Analyse von African Parks und eines Gegenmodells. Wie Fortress-Conservation Menschenrechte, Landrechte und lokale Teilhabe im Naturschutz Afrika beeinflusst.
Skript Audiobeitrag - African Parks Kritik: Menschenrechte, Naturschutz & Fortress Conservation
Erstausstrahlung am 3. Februar 2026 im südnordfunk #141
Oliver Van Beemen: Everything is done for animals but not so much for people.
Sprecherin: Alles wird getan für Tiere, für Menschen dagegen nicht so viel. Die Trennung zwischen Menschen und Tieren bildet den Kern der Konflikte rund um das Management von Naturschutzparks. Denn vielerorts wirken Modelle der Abschottung und Kontrolle bis heute fort – selbst dort, wo Naturschutz inzwischen Beteiligung verspricht. Eine Organisation spielt dabei eine zentrale Rolle: African Parks. Die internationale NGO verwaltet mehr als zwanzig große Schutzgebiete in rund einem Dutzend afrikanischer Länder, insgesamt eine Fläche, ungefähr fünfmal so groß wie die Niederlande. Olivier van Beemen, ein niederländischer Investigativjournalist, hat jahrelang zu African Parks gearbeitet. Seine Recherchen hat er in dem Buch »Im Namen der Tiere« veröffentlicht.
Oliver Van Beemen: Als ich recherchierte, wollte das (Konzept) eigentlich niemand wirklich hinterfragen. Medien wie National Geographic oder Dokumentarfilmer zeigen: Okay, dieser Park war fast verloren, dann kam African Parks – und alles hat sich verändert. Jetzt ist alles gut. Man mag gute Geschichten. Und wir alle wollen, dass Elefanten, Nashörner, Löwen und auch weniger bekannte Tiere überleben.
Sprecherin: Nach außen erzählt African Parks vor allem Erfolgsgeschichten. Doch diese verdecken oft eine andere Realität, die kritische Stimmen aktiv unterbindet.
Schweigen über Kritik
Van Beemen: Als ich African Parks kontaktiert habe und sie ein bisschen über mich recherchiert haben, wussten sie, dass ich ein kritischer Journalist bin. Sie wollten nicht mit mir sprechen und mir keinen Zugang zu ihren Parks gewähren. Und vor der Veröffentlichung haben sie mir gedroht, falls einer ihrer Geldgeber seine Unterstützung einstellt, würden sie eine Klage über eine Million Euro gegen mich einreichen. Das sind Menschen, die sich selbst nicht hinterfragen wollen und einfach diejenigen angreifen, die Kritik äußern.
Sprecherin: Van Beemen sieht darin einen Grund, warum African Parks lange einen nahezu unangefochtenen Ruf hatte. Die Organisation inszeniert sich als effiziente Problemlöserin für den internationalen Naturschutz.
Van Beemen: African Parks hat ursprünglich als Unternehmen angefangen. Die Idee war, Geld zu verdienen, indem man Schutzgebiete auf dem afrikanischen Kontinent verwaltet. Relativ schnell haben sie gemerkt, dass Regierungen ihre Parks nicht an eine Gruppe abgeben wollten, die damit Profit machen will. Also haben sie sich in eine Stiftung umgebildet. Bis heute haben sie noch immer das Motto eines Business-Ansatzes im Naturschutz. Das bedeutet, dass sie eher Methoden aus der Wirtschaft anwenden. Sie wollen sehr effizient sein und alles messen.
Fortress Conservation: Militarisierung des Naturschutzes
Sprecherin: Bis heute wirbt die Organisation mit einem Business-Ansatz: Kennzahlen, Effizienz und Gewinn – finanziert durch Tourismus, internationale Geldgeber*innen und zunehmend auch durch den Verkauf von CO2-Zertifikaten. Trotz dieses Anspruchs ist African Parks weiterhin stark auf Subventionen und Spenden angewiesen. Die Praxis vor Ort: Ein Naturschutz, der auf Abschottung, Kontrolle und militärische Präsenz setzt – das sogenannte Modell der »Fortress Conservation«.
Van Beemen: African Parks ist eines der größten und vielleicht sogar das beste Beispiel für Fortress Conservation. Man spricht auch von der Militarisierung des Naturschutzes. Man verteidigt einen Park wie eine Festung. Die Außenwelt ist der Feind. Und das sind in diesem Fall die Menschen, die rund um den Park leben, und das oft schon seit sehr langer Zeit. Sie werden als potenzielle Feinde betrachtet. Die Ranger, die den Park schützen, lernen, dass sie sich im Krieg gegen Wilderer befinden. Sie sind schwer bewaffnet. Es ist wirklich wie ein Krieg gegen die Wilderei, ein sehr gewalttätiger Krieg, in dem Menschen sehr schlecht behandelt werden.
Sprecherin: Dieses Modell der Fortess Conservation hat weitreichende Folgen für die lokale Bevölkerung. Konkret bedeutet dieser Ansatz für die Bewohner*innen rund um die Schutzgebiete vor allem eines: Ausschluss.
Ausschluss, Zäune und Verlust
Van Beeemen: In vielen Schutzgebieten stellt African Parks Zäune auf. Die Menschen, die in der Nähe leben, haben keinen Zugang mehr zum Park. Das ist problematisch, weil sie oft auf das Land angewiesen sind, um zu leben. Fischer kommen nicht mehr hinein. Oft war es zuvor erlaubt, dass Bauern ihr Vieh im Park weiden ließen. All das ist nun nicht mehr erlaubt und schafft für die Bevölkerung Probleme, für die African Parks keine wirkliche Lösung hat.
Sprecherin: Menschen, die seit Generationen in diesen Regionen leben, verlieren den Zugang zu ihrem Land und damit zu Lebensgrundlagen. Die Stiftung verspricht einen Ausgleich – vor allem durch Tourismus.
Van Beemen: African Parks macht ihnen Versprechen, zum Beispiel, dass es mehr Tourismus geben und mehr Geld fließen wird. Dass es besser für die Wirtschaft wird. Auch das ist Teil des Business-Ansatzes. Doch in den meisten Parks gibt es sehr, sehr wenige Tourist*innen. Die Stiftung kann also nicht wirklich halten, was sie verspricht. Und tatsächlich gab es in mehreren Schutzgebieten zu bestimmten Zeitpunkten heftigen Widerstand gegen African Parks. Die Menschen in der Nähe eines Parks sind nicht unbedingt dafür, dass African Parks die Kontrolle übernimmt.
Sprecherin: In vielen Parks bleibt der Tourismus aus und die versprochenen Einnahmen kommen nicht an. Stattdessen wächst der lokale Widerstand. Zentraler Kritikpunkt ist die besondere Machtposition der Organisation: African Parks übernimmt volle Kontrolle über Parkmanagement, Einnahmen und Sicherheitsaufgaben.
Delegiertes Management: Wenn NGOs staatliche Macht übernehmen
Van Beemen: Ich denke, eines der Probleme von African Parks ist ihr Modell des delegierten Managements, was bedeutet, dass die Stiftung alle Macht hat. Die Regierung gibt im Grunde die Schlüssel zu ihrem eigenen Park ab. Und diese private Organisation aus Südafrika übernimmt und hat volle Kontrolle über das Geld und alles, was mit dem Management zu tun hat. Sie entscheidet, wer reinkommt und wer nicht. In einem Park in Benin bekämpft sie sogar Terrorismus. African Parcs übernimmt viele Aufgaben, die normalerweise beim Staat liegen. Und ich denke, das ist problematisch.
Sprecherin: Diese weitreichenden Befugnisse werden in nicht-öffentlichen Verträgen geregelt. Ohne Mitsprache, ohne demokratische Kontrolle. Selbst traditionelle Autoritäten und lokale Gemeinden wissen oft nicht, unter welchen Bedingungen ihr Land übergeben wurde.
Van Beemen: Fortress Conservation ist kein nachhaltiges Modell. Es müsste mehr Beteiligung geben, mehr Zusammenarbeit. Die Menschen, die in der Nähe eines Parks leben, sollten sich darüber freuen, wenn eine Organisation dort arbeitet.
Sprecherin: Van Beemen fordert einen Perspektivwechsel hin zu Beteiligung und Kooperation. International gilt gemeindebasierter Naturschutz als Antwort auf die Folgen der Fortress Conservation. Er soll Naturschutz gerechter machen. Ob und wie das gelingt, zeigt sich dort, wo die Folgen vergangener Vertreibungen bis heute nachwirken. Ein Beispiel ist die heutige Sambesi-Region im Nordosten Namibias.
Namibia und die Sambesi-Region: Ein historisches Fallbeispiel
Mein Gesprächspartner ist der Ethnologe Hauke Vehrs. Er forscht in dem kollaborativen und interdisziplinären Forschungsprojekt »Future Rural Africa«. Seit 2018 arbeitet er immer wieder mit den Menschen vor Ort in der Sambesi Region. Diese ist Teil der Kavango-Zambezi Transfrontier Conservation Area – eines der größten grenzüberschreitenden Schutzgebiete der Welt. Dieses erstreckt sich über fünf Länder: Namibia, Angola, Sambia, Botswana und Simbabwe. Der Kwando-Fluss durchzieht dieses Gebiet. Er spielt eine wichtige Rolle für den Naturschutz und für die Menschen, die dort leben.
Hauke Vehrs: Dieser Fluss ist halt auch eine der wirklich schönsten Umweltschutzlandschaften, die man sich vorstellen kann. Als Tourist sieht man die Landschaft, man ist quasi allein und ungestört. Dort laufen keine Menschen herum oder Rinder, es wird kein Ackerbau betrieben, sondern man sitzt am Fluss und dann laufen Elefanten vorbei, die Sonne geht unter. Das ist, was man etwas sarkastisch eine authentische Naturschutzerfahrung nennen könnte. Was es natürlich nur aus einer Perspektive dieser Tourismusindustrie ist. Für die Geschichte der Region ist das überhaupt kein authentisches Szenario. Überall entlang des Flusses haben früher Menschen gewohnt.
Sprecherin: Vertreibungen entlang des Kwando-Flusses prägen die Region bis heute. Bereits in den 1950er- und 1960er-Jahren gab es Bestrebungen von der kolonialen Administration, Menschen aus den Feuchtgebieten auszusiedeln. Grund war die Schlafkrankheit. In den 1970er- und 1980er-Jahren verfestigte sich dies dann unter der südafrikanischen Verwaltung im Namen des Naturschutzes. Nach dem Modell der Fortress Conservation entstanden Nationalparks wie der Mudumu National Park und der Nkasa Rupara National Park. Ganze Dorfgemeinschaften wurden zwangsumgesiedelt: Mehrere hundert Menschen, organisiert in wenigen Großfamilien, verloren ihr Land, ihre Siedlungen und ihre Lebensgrundlagen.
Vehrs: Wir arbeiten vor Ort mit drei ethnischen Gruppen, den Hamukushu, Mayeyi und Mafwe. Sie alle leben entlang dieses Flusses, alle sind gleichermaßen davon betroffen, dass sie vom Fluss weggesiedelt wurden. Und diese Geschichte ist einfach nicht präsent. Wenn ich als Touristin nach Namibia in die Zambezi-Region reise, erfahre ich nichts von diesen Vertreibungen, die stattgefunden haben oder davon, dass sich das Leben der Menschen aufgrund dieser Umsiedlung komplett geändert hat.
Sprecherin: Mobilität, Landwirtschaft, Ernährung und kulturelle Praktiken waren eng mit dem Fluss verbunden.
Vehrs: Die Menschen haben damals ein sehr flussnahes Leben geführt. Ihre Mobilität basierte darauf, dass sie auf diesen Wasserwegen Kanu fuhren. Landwirtschaft wurde in dieser Flusslandschaft auf unterschiedlichen Terrains betrieben, sowohl in der Trockenzeit als auch in der Regenzeit. Dementsprechend wurden unterschiedliche Feldfrüchte angebaut. Das ganze Leben, was die Menschen vor Ort hatten, basierte quasi auf einem Leben am Fluss und mit dem Fluss, saisonal mit den unterschiedlichen Flussverläufen, mit Überschwemmungen und der. Diese Leute hatten damit die Möglichkeit, ihr Leben so zu gestalten, wie sie es wollten. In dem Moment, als sie weggesiedelt wurden, mussten sie ihr Leben ändern.
Sprecherin: Mit der offiziellen Ausweisung der Nationalparks in den 1990ern war eine Rückkehr an den Fluss unmöglich – selbst für die Menschen, die dort über Generationen gelebt hatten.
Gemeindebasierter Naturschutz als Gegenmodell
Vehrs: Wir brauchten eine Erlaubnis, um den Mudumu-Nationalpark mit Vertretern dieser Gemeinde betreten zu dürfen. Wir haben unterschiedliche älteste Personen mitgenommen, die noch im Park geboren worden waren und dort auch gelebt haben. Sie haben uns die Siedlungsgeschichte erzählt. Es war tatsächlich sehr aufwändig. Man kann zwar in den Park fahren, aber wir wollten wissen, wie die Leute in diesem Flusssystem gewohnt haben. Es gibt verschiedene große und kleine Inseln, dort sind wir mit dem Kanu hin. Es war immer einen Ranger dabei. Wir haben diese Siedlungsgeschichte aufgenommen. Das war für die Erzähler*innen, das erste Mal seit über 40 Jahren, dass sie zurückgekehrt sind an den Ort, an dem sie früher gewohnt haben. Das war sehr emotional.
Sprecherin: Die Vertreibungen haben neue Spannungen geschaffen: Die Vertriebenen trafen auf bestehende Gemeinden, die das Land schon lange bewirtschafteten. Überlagernde historische Ansprüche prägen bis heute Konflikte um Land, Ressourcen und Teilhabe.
»Der Naturschutz muss es schaffen, historische Ungerechtigkeiten zu adressieren.«
Vehrs: Das Problem ist: Man hat Familien aus dem Gebiet herausgehol, in dem sie zuvor gelebt haben und wo sie Land besaßen, wo sie Herrschaftsstrukturen hatten und ihr ganzes Leben gestaltet haben. Auch ihre Geschichte war in diesem Mudumu National Park. Heute ist es problematisch für sie, sich ein Leben aufzubauen, denn dort, wo sie sich damals neu angesiedelt hatten, lebte bereits eine andere Gemeinschaft; mit der haben sie heutzutage einen wahnsinnigen Konflikt, über Land, über Ressourcen, über politische Macht und Aufteilung, über Teilhabe. Sie können diesen Konflikt kaum lösen, denn historisch gesehen ist das Land, auf dem sie jetzt wohnen, nicht ihr Land. Es gehört der anderen Gemeinschaft, den anderen Familien, die dort leben.
Sprecherin: Als Reaktion führte Namibia Ende der 1990er ein neues Modell ein: den gemeindebasierten Naturschutz, die Community Conservancies. Statt Menschen aus Schutzgebieten zu verdrängen, sollen die Gemeinden den Naturschutz mitgestalten und von Einnahmen profitieren. Doch die Realität vor Ort ist vielschichtig. Die gewaltsamen Umsiedlungen haben politische Machtverhältnisse, Landrechte und soziale Beziehungen dauerhaft verschoben und verknüpfen alte Konflikte mit neuen.
Vehrs: Die beiden Familien, die vertrieben wurden, die sind in dieser gesamten Gemengelage das schwächste Glied. Sie haben kaum Möglichkeiten, ihre Bedürfnisse auf einer regionalen oder nationalen Ebene zu äußern, wenn die traditionellen Autoritäten oder die Politik im Form des Governors diese Stimme eben nicht hören wollen und auch nicht weiterleiten. Das sind sehr unterschiedliche Ebenen: Das eine ist, wie ich mir vor Ort mein Leben gestalte und welche Stellung ich in diesem politischen System habe. Die Conservancy läuft quasi parallel dazu und möchte eigentlich nur den Naturschutz in der Region organisieren, aber keine politischen Entscheidungen treffen. Doch das kann man nicht voneinander trennen, sodass es am Ende auch die Conservancy betrifft, wenn innerhalb der Region, in der sie agiert, Konflikte entstehen.
Sprecherin: Mit den Conservancies sollen Gemeinden Mitspracherechte erhalten. Was als gemeinschaftliches Schutzprojekt gedacht ist, löst diese Konflikte jedoch nicht – es trägt sie weiter.
Vehrs: Am Fall in Namibia sieht man Auswirkungen von Naturschutz, die einen extrem negativen Einfluss auf die lokale Gemeinschaft oder eben auf einzelne Familien aus dieser lokalen Gemeinschaft haben. Denn sie haben aufgrund des Nationalparks ihr Heimatland verloren und sind jetzt in einer Position, in der sie vom Naturschutz kaum bis gar nicht profitieren können.
Warum Aufarbeitung Voraussetzung für gerechten Naturschutz ist
Sprecherin: Die Conservancies sind ein wichtiger Schritt weg von der gewaltsamen Abschottung. Doch sie funktionieren nur, wenn Ungerechtigkeiten, die durch viele Schutzgebiete erst entstanden sind, anerkannt und aufgearbeitet werden.
Vehrs: Die Schwierigkeit ist, Naturschutz so umzusetzen, dass lokale Gemeinschaften damit auch wirklich gut umgehen können. Und lokale Gemeinschaften sind weltweit betrachtet nicht überall gleich stark oder in der gleichen Position, sich gegebenenfalls auch gegen Ungerechtigkeiten wehren zu können. Solche großen Projekte wie KAZA sind wichtig, auch aus biologischen Gründen. Es braucht große zusammenhängende Systeme, wo Naturschutz umgesetzt wird und das nicht zugleich bedeutet, Menschen und Tiere oder Umwelt voneinander zu trennen, sondern miteinander zu denken.
Probleme entstehen auch hier, wenn Ungerechtigkeiten aus der Vergangenheit nicht aufgearbeitet werden, wenn quasi die Implementierung des Nationalparks einfach akzeptiert und die Ungerechtigkeit für die Familien negiert wird, indem man einfach nie wieder drüber spricht. So akzeptieren die lokalen Gemeinschaften den Naturschutz nicht und ergreifen eventuell Maßnahmen, die ihn kompromittieren. Dann aber haben weder der Naturschutz noch die lokalen Gemeinschaften irgendwas gewonnen. Also muss der Naturschutz es schaffen, historische Ungerechtigkeiten zu adressieren. Ansonsten ist es wahnsinnig schwierig, nach vorne zu blicken.
Sprecherin: Zukunftsgerichteter Umweltschutz muss nicht nur die negativen Auswirkungen auf die lokale Bevölkerung minimieren, sondern vor allem jenen Menschen, die mit und um diese Naturschutzlandschaften leben, die Möglichkeiten geben von Umweltschutz zu profitieren und ihn vor Ort zu gestalten. In vielen Ländern, in denen keine gemeindebasierten Projekte existieren,kommt es von Seiten der lokalen Bevölkerunghäufig zu Widerstand gegen die Auswirkungen des Umweltschutzes . Die Regierung im Tschad hat 2025 seine Partnerschaft mit African Parks wegen Missmanagement beendet, Ranger des Odzala Kokoua Parks in Kongo-Brazaville, ebenfalls ein Projekt von African Park, müssen sich wegen Menschenrechtsverletzungen gegen die Baaka-Gemeinden verantworten.
Beteiligung statt Vertreibung und Kooperation statt Kontrolle, so der Kern der neuen gemeindebasierten Modelle. Doch auch diese Ansätze stoßen dort an Grenzen, wenn die Ungerechtigkeiten der Vergangenheit nicht aufgearbeitet werden. In der Sambesi Region zeigt sich exemplarisch, wie koloniale Vertreibungen, militärischer Naturschutz und neue Beteiligungsmodelle sich bis heute überlagern – und das Leben der Menschen vor Ort prägen.
Ein Beitrag von Sinja Kilius, Mitglied der südnordfunk-redaktion.