»The Rich Voice of Peace«
Ein Portrait der Sängerin und Aktivistin Fasia Jansen
»Hier arbeitete ich zwangsverpflichtet als Nicht-Arier für minderwertige Arbeiten. Und ich hatte noch Glück, Frau Kappler, die Frauenschaftsleiterin unseres Stadtteils, nahm ihren Auftrag ernst und tauchte auf, um zu kontrollieren, ob ich auch voll eingesetzt würde. ‚Du weißt ja‘, sagte sie mir, ‚sei fleißig oder du gehst ab‘. Was habe ich bloß verbrochen, dass ich so ‘ne dunkle Haut habe? Warum bin ich nicht so weiß wie die anderen?«, berichtet Fasia Jansen in einer fragmentarischen Notiz, die sich in ihrem Nachlass befindet.
Wer ist Fasia Jansen? Am 6. Juni 1929 wird sie in Hamburg geboren. Ihre erst 18-jährige Mutter Elli Jansen lebt in Rothenburgsort und arbeitet als Kindermädchen im Haus des damaligen Generalkonsuls von Liberia, Momulu Massaquoi. Er ist ihr leiblicher Vater. In seinem Heimatland ist er König des Vai-Volkes, in Europa der erste Schwarze Diplomat. Er hätte Fasia in seine Großfamilie integriert und nach Liberia mitgenommen, wohin er im Jahr ihrer Geburt zurückkehrt. Doch Elli Jansen will das Kind bei sich behalten – trotz der großen Schwierigkeiten, mit denen eine mittellose ledige Mutter mit einem Schwarzen Kind damals zu kämpfen hat.
»Wäre ich einfach nur Sängerin, würde ich alles hinschmeißen«
Auch innerfamiliär stoßen Elli und das Kind auf massive Ablehnung. Der Stiefvater verletzt die einjährige Fasia mit einem Schürhaken am Kopf und setzt Mutter und Kind auf die Straße. Rassistische Pöbeleien gehören für beide zum Alltag. 1935 heiratet Elli den Kommunisten Albert Bracklow, der Fasias sozialer Vater wird und das Kind angesichts rassistischer Anfeindungen immer ermutigt und beschützt. »Eines Tages werden wir eine gerechtere Welt haben, in der es überhaupt nicht auf die Hautfarbe ankommt«, sagt er ihr. »Von Albert habe ich unheimlich Kraft gekriegt«, erinnert sich Fasia. »Er war wahnsinnig nett zu mir und hat mich behandelt wie sein eigenes Kind.«
Bei diesen alltäglichen rassistischen Beleidigungen bleibt es nicht. Die Situation wird im Nationalsozialismus und nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs immer bedrohlicher. Circa 1937 wird sie mit ihrer Mutter ins Gesundheitsamt bestellt. Dort injiziert man Fasia eine Spritze mit unbekanntem Inhalt. Einige Tage später bekommt sie Fieber und Herzprobleme. Seitdem leidet sie an einer schweren chronischen Herzkrankheit.
Ein Traum von der Tanzkarriere
Das sollte sie aber nicht davon abhalten, einen Traum zu verfolgen. Schon als Mädchen liebt Fasia Musik und Tanz und will – wie ihr Idol Josephine Baker – professionelle Tänzerin werden. Da sie sehr begabt ist, wird sie 1941 als Elevin in die Tanzschule aufgenommen. Aber 1943 wird ihr »aus Gründen ihrer Rasse« der Besuch der Schule versagt.
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Im Jahr darauf soll sie das sogenannte Pflichtjahr für Mädchen im Haushalt absolvieren. Doch Fasia wird als ‚unzumutbar‘ für einen arischen Haushalt eingestuft. Stattdessen wird sie von der Gestapo in die unterirdische Munitionsfabrik Düneberg zwangsverpflichtet. Da dies ihren sicheren Tod bedeuten würde, versuchen ihre Eltern verzweifelt, eine Alternative zu finden, welche die Gestapo toleriert. In ihrem Stadtteil Rothenburgsort werden unter Bewachung der SS jüdische Frauen aus dem KZ-Neuengamme sowie russische und französische Kriegsgefangene zur Arbeit gezwungen. In diesem Außenlager des KZ-Neuengamme wird Fasia zur Arbeit in der Küche verpflichtet.
Nach dem Krieg beginnt Fasia politische Lieder zu schreiben und zu singen. Dabei begleitet sie sich selbst auf dem Akkordeon und der Gitarre. Sie engagiert sich gegen die Wiederbewaffnung der jungen BRD, gegen Atomwaffen, gegen alte Nazis in neuen Positionen. Seit 1951 lebt Fasia in Oberhausen und tritt bei jedem Ostermarsch im Ruhrgebiet auf, 1966 sogar mit Joan Baez. Auf der Bühne des Burg-Waldeck-Festivals im Hunsrück, das in den 1960er Jahren viermal stattfindet, wird sie als politische Sängerin bekannt.
Zeit ihres Lebens engagiert sie sich bei Arbeitskämpfen, Streiks und Protestaktionen im Ruhrgebiet. Mit ihren Liedern unterstützt sie den Kampf um sichere Arbeitsplätze, gerechten Lohn, gegen Werksschließungen – und gegen den Abriss von Zechensiedlungen (etwa der Rheinpreußen-Siedlung in Duisburg 1979, gemeinsam mit dem Liedermacher Frank Baier). Aus dem politischen Engagement zieht sie Motivation: »Wäre ich einfach nur Sängerin, würde ich alles hinschmeißen. So aber weiß ich, wir sehen uns wieder, denn in diesem und anderen Kämpfen wird politisches Bewusstsein gebildet.«
Für den Frieden unterwegs
In den 1980er Jahren zieht Fasia mit den Frauenfriedensmärschen wochenlang durch West- und Osteuropa – von Kopenhagen nach Paris (1981), von Berlin nach Wien (1982), von Dortmund nach Brüssel (1983). Mit ihrer Lebensgefährtin Ellen Diederich und zehntausend Frauen marschiert und singt sie für ein atomwaffenfreies Europa, blockiert Raketenstützpunkte und Eingänge zu Rüstungsbetrieben und fordert Städte und Gemeinden auf, sich zur Atomwaffenfreien Zone zu erklären.
1985 nehmen Fasia und Ellen an der Weltfrauenkonferenz der UNO in Nairobi teil und engagieren sich vor allem im von ihnen mitinitiierten Frauenfriedenszelt, in dem sich Frauen aus Ländern treffen, die gerade miteinander Krieg führen. Die Diskussionen zwischen Frauen aus Palästina und Israel, dem Iran und dem Irak, der USA und der Sowjetunion, aus Frankreich und dem Südpazifik, wo Frankreich seine Atombomben testete, sind oft angespannt und emotional aufgeladen. In diesen Momenten entspannt Fasia die Situation mit gemeinsam gesungenen Liedern. Man nennt sie »the rich voice of peace.«
1984 bekommt das Komitee der Mütter der Verschwundenen El Salvadors den Menschenrechtspreis der Kennedystiftung der USA verliehen. Die damalige US-Regierung verweigert dem Komitee jedoch die Einreise, um den Preis entgegenzunehmen. Europäische Frauen beschließen daraufhin auf Initiative von Ellen und Fasia, mit drei Vertreterinnen der Mütter durch Europa zu reisen. 1987 besuchen sie nicht nur die meist männlichen Staatschefs von neun Ländern, sondern ganz bewusst auch deren Frauen: Danielle Mitterand, Margaret Chant-Papandreou und viele mehr. In bewegenden Schilderungen berichten die Mütter von Verschleppung und Folterung. Die Verbrechen der Militärjunta in El Salvador werden damit auch in Europa bekannt gemacht. Trotzdem wird eine der Frauen des Komitees nach ihrer Rückkehr von den Todesschwadronen verhaftet, vergewaltigt und eingesperrt. Mit der Hilfe des ehemaligen Bundeskanzlers Willy Brandt, der die Frauen in der Bundesrepublik empfangen hat, wird jedoch ihre Freilassung erreicht.
Frauensolidarität in alle Himmelsrichtungen
Fasia liegt die internationale Solidarität mit Frauen sehr am Herzen. 1990 gründete sie mit Ellen das Internationale Frauenfriedensarchiv in Oberhausen. Ellen erinnert sich:
»Wir hatten das Archiv und im gleichen Haus einen Laden der Vier Himmelsrichtungen hieß. Die Sachen hingen eng zusammen, waren auch verbunden mit Fasia. Sie hat viel im Laden gearbeitet, aber auch im Archiv zusammengetragen. Sie hatte schon viele Jahre Friedensarbeit gemacht, hatte einen großen Bestand von dokumentierten Aktionen. In etwa 500 Ordnern haben wir zu allen möglichen Themen gesammelt, von internationalen Fragen, zu den Konflikten in Israel, Palästina, Latein- und Nordamerika, NATO, auch zu Europa.«
Im Laden Vier Himmelsrichtungen werden Produkte verkauft, die etwa Fraueninitiativen in El Salvador herstellen. Der Erlös geht dann direkt an die »Mütter der Verschwundenen« in El Salvador, die damit ihre Arbeit ko-finanzieren.
1996 geht es Fasia zunehmend schlechter, ihre in der Nazizeit zugefügte Herzinsuffizienz verschlimmert sich dramatisch. Am 29. Dezember 1997 stirbt sie. Zu ihrer Beisetzung am 6. Januar 1998 kommen 1.500 Menschen, die mit ihr gemeinsam in vielen Aktionen gekämpft haben.
Fasia ist immer ganz bei den Menschen gewesen, die ihre Solidarität brauchen. Dies erklärt vielleicht auch, warum sie über 25 Jahre nach ihrem Tod noch immer wichtig ist für heutige Aktivist*innen in den sozialen Bewegungen. Mit ihrer Fähigkeit, Menschen für eine freie, gerechtere Welt miteinander zu verbinden, und mit ihrer Authentizität, die selbst Menschen spüren, die Fasia nie persönlich kennengelernt haben, bleibt sie ein Vorbild.