All Eyes on Iran!

Femi­nistisch getragene Proteste in Iran

Audiobeitrag von Eva Gutensohn

06.03.2026
Teil des Dossiers Feministische Kämpfe

Der feministische Kampf in Iran ist älter als die islamische Republik – er reicht zurück bis 1905. Aber seit 1979 hat das Regime systematisch Frauen kontrolliert: ihren Körper, ihre Stimme, ihre Sichtbarkeit. Der Hijab ist dabei nie nur ein Stück Stoff gewesen. Er ist das sichtbarste Symbol eines Systems, das seine Legitimität aus der Unterdrückung der Mehrheit zieht. Als Mahsa Jina Amini 2022 starb, weil ihr Kopftuch nicht richtig saß, schlägt der Funken über. Was folgte, war keine gewöhnliche Protestwelle – sondern eine Bewegung, die Frauen erstmals nicht als Symbolfiguren, sondern als politische Akteurinnen in den Vordergrund stellte. Frau, Leben, Freiheit. Wir nähern wir uns den Bewegungen aus unterschiedlichen Perspektiven: Samira Bazm Ara blickt mit uns in die Geschichte feministischer Proteste. Die junge Iranerin Parnian hat 2023 selbst erlebt, wie es ist, auf der Straße festgehalten zu werden und trotzdem nicht zu schweigen. Und Felicia Fehlberg untersucht in ihrer Bachelorarbeit, welche Rolle Musik bei den »Frau, Leben, Freiheit« Protesten spielte.

Skript zum Audiobeitrag

Erstausstrahlung am 3. März 2026 im südnordfunk #142 bei Radio Dreyeckland

Sprecherin: Stellt euch folgende Szene vor: Eine Mutter tanzt am Grab ihres Sohnes. Sie trägt Weiß. Sie tanzt, weil sie dem Regime zeigen will: Du kannst mich nicht brechen. Du kannst mir nichts antun. Ich mache weiter. Das ist eine ganz reale Szene Iran vom Januar 2026.

Seit über vier Jahrzehnten kämpfen Menschen in Iran gegen ein Regime, das ihnen vorschreibt, wie sie aussehen, was sie sagen und wie sie trauern dürfen. Frauen sind dabei besonders betroffen. Ihre Körper, ihre Stimmen, ihre Sichtbarkeit sind der Kern des Konflikts. Und seit 2022, seit dem Tod von Mahsa Jina Amini, hat dieser Konflikt einen neuen Namen: Frau, Leben, Freiheit.

Unsere Protagonistinnen kennen den Iran aus sehr unterschiedlichen Perspektiven. Samira Bazm Ara ist Menschenrechts- und Frauenrechtsaktivistin und lebt seit 2019 in Deutschland. Parnian ist 21 Jahre alt, seit einem Jahr in Deutschland und hat die Proteste von 2022–23 noch selbst auf den Straßen Teherans erlebt. Und Felicia Fehlberg aus Freiburg hat in ihrer Bachelorarbeit die Protestmusik der Frau-Leben-Freiheit-Bewegung analysiert.

Samira Bazm Ara: Was den feministischen Kampf im Iran betrifft, reicht er wirklich viel weiter zurück – bis ins Jahr 1905, zur Konstitutionellen Revolution, als Frauen für ihr Wahlrecht kämpften. Damals durften sie noch nicht einmal zur Schule gehen. Und ihre Antwort war: Wenn wir nicht zur Schule gehen dürfen, dann gründen wir eben Schulen.

Sprecherin: Der Kampf ist beharrlich – aber wie wir wissen, wird er auch immer wieder brutal unterbrochen. 1979 kam die Islamische Revolution. Was viele als Befreiung von der Monarchie feierten, wurde für Frauen zu einem drastischen Rückschritt. Der Hijab wurde Pflicht – und mit dem Hijab kamen viele weitere Einschränkungen. Nicht nur ein Stück Stoff, sondern ein ganzes System der Kontrolle.

Doch auch unter dem Schah war die Situation für Frauen nicht eindeutig besser. Das macht Samira deutlich, wenn sie über die Zeit vor 1979 spricht.

Samira Bazm Ara: Letztendlich war es den Herrschern von Iran gleichgültig, was Frauen betraf. In der Zeit von Reza Schah Pahlavi ging es darum, dass das Land nach außen hin modern wirkte. Er begründete das damit, dass Frauen, die äußerlich wie westliche Frauen aussehen, ein Zeichen von Modernität seien. Aber diese Modernisierung vollzog sich mitunter auch mit Zwang – das war ebenfalls schlimm.

Sprecherin: Die Geschichte von Iran ist kein simpler Gegensatz zwischen moderner Monarchie und religiöser Diktatur. Sie ist die Geschichte von Frauen, die in jedem System kämpfen mussten – mal gegen den Staat, mal gegen die Familie, oft gegen beides gleichzeitig. Und dieser Kampf hat Wellenbewegungen. Jedes Mal wurden Aufstände niedergeschlagen, die Abstände zwischen den Bewegungen wurden irgendwann kleiner: die Proteste 1999, die Grüne Bewegung 2009 und der blutige November 2019.

Samira Bazm Ara: Es gibt ein Zitat von Gilda Sahibi, die sagte: » Das war der Anfang vom Ende.« Das ist eigentlich eine Umformulierung dessen, was eine der sogenannten klagenden Mütter in Iran gesagt hat. Mahbube Ramezani – ihr Sohn wurde getötet. Sie veröffentlichte ein Video und sagte: Ihr seid mit Aban zerstört (Aban ist der Name des Monats November im persischen Kalender) und dieser Kampf geht weiter. Dieser Monat ist unendlich.

Sprecherin: Bereits drei Jahre später ging es weiter. Im September 2022 wurde Mahsa Jina Amini von der Sittenpolizei festgenommen, weil ihr Kopftuch angeblich nicht richtig saß. Sie stirbt in Gewahrsam.

»Bei ihr ist der Funken überge­sprungen«

Felicia Fehlberg: Bei ihr ist der Funken übergesprungen. Bei ihr haben die Menschen gedacht: Jetzt ist Schluss. Hier ist die Grenze. Wir machen nicht mehr weiter. Wir gehen auf die Straße. Und sie sind tatsächlich auf die Straße gegangen – obwohl sie die Gefahr kannten, obwohl sie wussten, was auf sie zukommen könnte. Und es ist auf sie zugekommen. Die Gefahr ist ja ganz klar: Das Mullah-Regime und seine Milizen gehen mit tödlicher Waffengewalt gegen friedliche Demonstrierende vor. Das war damals so und das sehen wir gerade wieder.

Sprecherin: Parnian war damals 19 Jahre alt und noch in Iran. Sie hat die Proteste nicht nur aus der Distanz verfolgt. Sie hat sie auf der Straße erlebt und am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, von der Sittenpolizei aufgegriffen zu werden.

Parnian: Eines Tages war ich ohne Hijab auf der Straße. Dort waren viele Frauen mit Kopftuch und schwarzer Kleidung, die als Polizistinnen arbeiteten. Eine von ihnen sagte mir: Warum trägst du das so? Warum bist du hier? Sie redete sehr laut und aggressiv auf mich ein, hielt meine Hände fest und sagte, ich solle mit ihr mitkommen und ins Polizeiauto einsteigen. Ich habe das nicht akzeptiert. Ich habe protestiert und gesagt: Ich steige nicht ein. Sie durften mich so nicht ins Gefängnis stecken. Dann kamen zum Glück Männer aus dem Umfeld und halfen mir. Ich habe seitdem Angst, obwohl ich jetzt in Deutschland bin. Ich habe oft Albträume.

Sprecherin: Was Parnian beschreibt, ist mehr als ein einzelner Vorfall. Es ist ein Alltag, der sich in den Körper einschreibt: Angst als Dauerzustand, Schlaflosigkeit, wiederkehrende Bilder. Samira, die seit über sechs Jahren in Deutschland lebt, hebt einen Aspekt hervor, der sie überrascht hat und der zeigt, wie sehr sich etwas verändert hat.

Samira Bazm Ara: Das war für mich wirklich neu. Denn in meiner Zeit hätte niemand geholfen, wenn mich die Sittenpolizei angesprochen hätte. Die Leute hätten danach gesagt: Das ist eben so – als Frau muss man den Hijab tragen. Aber genau das war der Wendepunkt der Frau-Leben-Freiheit-Bewegung: dass die Männer sagten, es reicht. Sie sagten alle: Mahsa Amini hätte meine Tochter sein können, meine Frau, meine Cousine – jemand, den ich kenne. Und die Frauen sagten: Das hätte ich sein können. Das war Wendepunkt.

Banner mit Solidaritätsbekundung
Solidaritätsbekundung an einem Wohnprojekt in der Bremer Neustadt | Foto: snf

Musik als Protest

Sprecherin: Frau, Leben, Freiheit ist nicht nur ein Slogan, sondern auch ein Sound. Wer die Bewegung verstehen will, muss auch ihre Musik verstehen. Felicia Fehlberg hat in ihrer Bachelorarbeit genau das versucht: die Protest-Songs der Bewegung zu analysieren – ihre Metaphern, ihre Emotionen, ihre Wirkung. Was sie herausgefunden hat: Die Musik ist kein Begleitprogramm zum Protest. Sie ist Protest.

Felicia Fehlberg: Social Media war war der Türöffner für Frauen und Sängerinnen. Eigentlich dürfen Frauen ja gar nicht öffentlich singen. Aber wer hält mich davon ab, in meinem Schlafzimmer etwas aufzunehmen? Es haben also zunehmend Frauen zum Mikrofon gegriffen.

»Egal wie schwarz die Nacht ist – der Morgen kommt«

Sprecherin: Felicia Fehlberg hat sich besonders intensiv mit den Metaphern in den Songs beschäftigt – mit dem, was auf den ersten Blick harmlos klingt und auf den zweiten alles bedeutet.

Felicia Fehlberg: Der anbrechende Morgen bringt Frische, bringt neue Möglichkeiten, bringt die Nacht mit all ihren Albträumen zum Ende. Und er lässt sich nicht aufhalten – er kommt einfach. Egal wie schwarz die Nacht ist, der Morgen kommt. Das ist ein starkes Symbol für die Bewegung: Sie wird zum Tragen kommen. Die rote Tulpe wiederum ist eine Metapher für den gestorbenen Märtyrer. Und hinter dem Märtyrertum steht das höhere Ziel: für das Gute zu sterben, was sich nicht aufhalten lässt. Wenn jemand sagt, ich bin Märtyrer dieser Bewegung, dann bedeutet das: Ich sterbe für ein höheres Ziel. Die Bewegung beschreibt sich in den Songs als Naturgewalt, als etwas, das sich nicht aufhalten lässt – als Meer, als Sturm, als aufgehende Sonne.

Sprecherin: Felicia Fehlberg hat auch einen der bekanntesten Songs der Bewegung analysiert: Baraye von Shervin Hajipour – eine Ballade, die aus Tweets zusammengesetzt ist. Aus den Gründen, warum Menschen auf die Straße gehen.

Felicia Fehlberg: Er hat eigentlich nur die Tweets zitiert, eine Melodie darübergelegt und das Ganze durch die Wahl des Genres Ballade emotionalisiert: Trauer, Wehmut, irgendwo auch Hoffnung – aber vielleicht auch ein bisschen Hoffnungslosigkeit. Noch keine Wut. Und das ist so berührend, weil die Gründe, warum die Menschen auf die Straße gehen, für uns fast schon normal wirken:

Fürs Tanzen auf der Straße. Für die Angst vor einem Kuss. Für meine Schwester, deine Schwester, unsere Schwester. Für das Verändern konservativer Werte. Für die Scham der Armut. Für die Sehnsucht nach einem gewöhnlichen Leben.

Deshalb ist der Song auch viral gegangen – weil sich jeder Mensch irgendwie damit identifizieren kann.

Sprecherin: Und dann gibt es die anderen Songs – die Wut-Songs. Der Rapper Toomaj Salehi wurde verhaftet, gefoltert, freigelassen und hat trotzdem weiter Musik gemacht. Sein Song The Battlefield klingt nach jemandem, der bis an die Grenze gegangen ist – nach Erschöpfung, nach dem festen Entschluss, nicht aufzugeben.

Felicia Fehlberg: The Battlefield hat eine ganz andere Ebene an Emotionen und Wut erreicht – das hört man schon im Titel. Im Refrain heißt es:

Hier ist das Schlachtfeld. Sie haben uns die Sonne genommen. Wir werden ihnen nachts den Schlaf nehmen. Wir sind wie ein stürmisches Meer mit großen Wellen – und da haben wir wieder das Meer – Unsere Unterstützer sind unsere Landsleute. Hier ist das Schlachtfeld. Gebt nicht nach, zieht euch nicht zurück. Mit Mut und Einigkeit werden wir alles erobern.

»Bis hierhin und nicht weiter«

Man hört teilweise, wie Pistolen geladen werden. Alles ist sehr schnell, die Stimmlage tief. Jeder einzelne Vers trägt so viel Bedeutung. Und davon zu sprechen, dass das ein Schlachtfeld ist, macht deutlich, wofür gekämpft wird: Es geht wirklich um Leben und Tod in Iran. Dass Menschen sich dafür mobilisieren lassen, kommt bei vielen wohl aus einer tiefen Wut heraus. Aus dem Gefühl: Bis hierhin und nicht weiter.

Sprecherin: Bis hierhin und nicht weiter. Diese Haltung erklärt, warum die Bewegung nicht aufgehört hat. Nach 2023 wurde es zwar ruhiger – zumindest aus europäischer Perspektive –, doch in Iran hat sich strukturell wenig verändert. Das Regime hat an manchen Stellen ein Auge zugedrückt. In Cafés und Restaurants wurden Frauen ohne Kopftuch toleriert. Aber das, sagt Felicia Fehlberg, ist keine Liberalisierung.

Felicia Fehlberg: Ich würde fast behaupten, dass das Strategie war. Es war ein Symbol nach außen, sonst hätten wir jetzt nicht wieder diese massiven Proteste: Schaut her, wir sind eine moderne islamische Republik. Wir lassen unsere Frauen so rumlaufen, wie sie möchten. Wir drücken auch mal ein Auge zu.

Was kommt nach dem Regime?

Sprecherin: Ende 2025: neue Proteste. Wieder Menschen auf den Straßen. Wieder Tote. Parnian verfolgt die Entwicklung aus Deutschland, wo sie seit einem Jahr lebt. Eine Rückkehr nach Iran ist für sie keine Option – sie würde verhaftet werden. Wenn sie über ihre Heimat spricht, wechseln sich Hoffnung und Erschöpfung ab.

Parnian: Das ist meine Heimat. Ich habe dort bis zu meinem 21. Lebensjahr gelebt. In Iran gibt es viele junge Menschen und sie wollen wirklich diese Freiheit. Jetzt sind über 90.000 Menschen getötet worden – das ist nicht normal. Aber ich denke, das ist Grund genug für Protest.

Sprecherin: Was sollte nach einem Ende des Regimes kommen? Parnian und Samira haben unterschiedliche Antworten – und das ist bezeichnend für eine Bewegung, die groß und vielstimmig ist. Parnian hofft auf Reza Pahlavi, den Sohn des letzten Schahs. Samira ist skeptischer und grundsätzlich gegen jede Form von Totalitarismus, auch gegen monarchischen. Ihr Ideal ist ein säkularer Rechtsstaat, in dem Minderheiten geschützt werden, Sprachen frei gesprochen werden dürfen und der Staat keine Kontrolle über den Körper seiner Bürger*innen hat.

Samira Bazm Ara: Wo Meinungsfreiheit und Menschenrechte wichtig sind. Wo Minderheiten Sicherheit haben. Wo queere Menschen keine Angst haben müssen. Wo niemand wegen seiner Religion, seiner ethnischen Herkunft, seiner Kultur oder seiner Sprache benachteiligt wird. Iran ist wie ein buntes Mosaik. Ich will, dass wir einfach ein normales Leben leben können.

Sprecherin: Ein normales Leben – das klingt für unsere Ohren nach wenig. Dort ist es alles.

Was Samira und Parnian verbindet, trotz unterschiedlicher Vorstellungen von der Zukunft, ist die Überzeugung: Dieses Regime wird fallen. Und beide sind enttäuscht darüber, dass der Westen nur zuschaut.

»Bitte redet weiter über Iran«

Samira Bazm Ara: Ich bin wirklich enttäuscht über die westlichen Regierungen – dass sie noch von Verhandlungen mit diesem Regime sprechen, obwohl Verbrechen in diesem Ausmaß stattfinden. Das ist wirklich unfassbar. Und ich frage mich: Was muss dieses Regime noch tun, damit andere Regierungen ihm endlich keine Legitimation mehr geben? Damit sie es nicht mehr auf internationale Bühnen einladen und dort sprechen lassen, ohne zu fragen: Was passiert in Iran? Was habt ihr getan? Warum? Das enttäuscht mich und macht mich wirklich wütend. Und dann frage ich mich: Sind Menschenrechte überhaupt noch wichtig?

Ich sage das fast nie – aber ich bin wirklich stolz auf die Menschen in Iran. Sie überraschen mich jedes Mal. Diese Todesliste wächst immer weiter. Ich verstehe, wie es ihnen geht. Und deswegen sage ich: Es überrascht mich jedes Mal, dass sie trotz all dieser Trauer, trotz all dieses Schocks weitermachen. Was mir wirklich das Herz gebrochen hat, war zu sehen, dass Eltern am Grab ihrer verlorenen Kinder tanzen – dass sie Weiß tragen, nur um dem Regime zu zeigen: Du kannst mir nichts antun. Ich mache weiter.

Eine Mutter hatte den Schuh ihres Sohnes auf sein Grab gelegt und gesagt: Mit diesem Schuh, in dem er seine letzten Schritte gegangen ist, werde ich weiterlaufen. Ich werde weitermachen, wofür er gekämpft hat. Und ich glaube, das ist unsere Aufgabe – nicht nur als Iraner*innen, sondern für alle Menschen. Es geht um Menschenrechte, es geht um Menschenwürde. Bitte redet weiter über Iran.

Unsere Inhalte sind werbefrei!

Wir machen seit Jahrzehnten unabhängigen Journalismus, kollektiv und kritisch. Unsere Autor*innen schreiben ohne Honorar. Hauptamtliche Redaktion, Verwaltung und Öffentlichkeitsarbeit halten den Laden am Laufen.

iz3w unterstützen