»Alle sollen gehen!« – GenZ-Proteste in Peru
Gegen Korruption und politisches Versagen auf der Straße
Audiobeitrag von Lisa Binder und
Sarah Wehrle
25.12.2025
Teil des Dossiers Generation Z in Aufruhr
Seit September 2024 demonstriert die Generation Z in Peru gegen die politische Klasse des Landes. Wir beleuchten die Hintergründe der Proteste, die ihren Ursprung in der jahrelangen politischen Instabilität haben: Nach der Absetzung von Präsident Pedro Castillo 2022 wurden 49 Demonstrierende getötet, seine Nachfolgerin Dina Boluarte wurde wegen Korruption abgesetzt, gegen den aktuellen Interimspräsidenten José Jeri wird wegen Vergewaltigung ermittelt. Die Aktivistin Gabriela Santos Tacuri und die Soziologin Diana T'ika Flores Rojas beschreiben, wie sich junge Menschen über Social Media organisieren, dabei aber auch auf intergenerationale Strukturen indigener Bauerngemeinden zurückgreifen. Die Bewegung verbindet Kapitalismuskritik mit der Forderung nach indigenen Rechten und den Rechten der Natur – und stellt damit überkommene politische Kategorien in Frage.
Skript zum Audiobeitrag
Erstausstrahlung am 2. Dezember 2025 im südnordfunk #139
»Sie haben uns mit Tränengas und Pfefferspray angegriffen. Die meisten von uns sind jung und wir protestieren zusammen mit den Angehörigen früherer Opfer – unter ihnen viele ältere Menschen und einige Mütter mit Kindern«, berichtet Gabriela Santos Tacuri. »Es ist deprimierend zu sehen, wie die Polizei mit uns umgeht. Es gibt eine Polizeieinheit namens Conez, die tagsüber mit ihren Motorrädern unterwegs ist. Mitglieder dieser Einheit fingen an, uns mit einer Art Schlagstock auf die Beine zu schlagen, um uns zu vertreiben – als hätten wir etwas Unrechtes getan, obwohl wir doch nur protestiert haben.«
Mit diesen Worten beschreibt die Jurastudentin Gabriela Santos Tacuri ihre Erfahrungen als Aktivistin der GenZ-Bewegung in Lima. Seit September berichten internationale Medien vermehrt von jungen Menschen, die in Peru auf die Straße gehen. Die Proteste der sogenannten Generation Z reihen sich ein in eine Vielzahl von Jugendbewegungen, die derzeit weltweit zu beobachten sind.
»Wir haben nicht mehr das Gefühl, von ihnen vertreten zu werden.«
»Im Allgemeinen ist unsere Generation inmitten einer ziemlich schweren politischen und sozialen Krise aufgewachsen«, erklärt Santos Tacuri. »In letzter Zeit gab es mehrere Proteste gegen die Politik der Regierung aus einer Vielzahl von Gründen. Wir haben nicht mehr das Gefühl, von ihnen vertreten zu werden. Tatsächlich glaube ich, dass sie mich nie vertreten haben.«
Diana T'ika Flores Rojas ist Doktorandin der Soziologie an der Pontificia Universidad Católica del Perú in Lima. Geboren und aufgewachsen in Puno, ist sie zudem eine bekannte Aktivistin, die sich seit langem für indigene Rechte und Beteiligung einsetzt. Sie erklärt, dass die innere Krise in Peru schon länger besteht.
»Im Dezember 2022 wurde der damalige Präsident Pedro Castillo seines Amtes enthoben, was eine Reihe von Protesten auslöste«, so Flores Rojas. »Die Regierung hat damals Menschen im Süden des Landes im Zusammenhang mit diesen Protesten umgebracht. Am 9. Januar 2023 wurden auch Bürgerinnen und Bürger aus Puno – Quechuas und Aymaras – von Ordnungskräften ermordet, weil sie zu Recht gegen die Morde im Zusammenhang mit den Protesten und gegen die Absetzung von Castillo auf die Straße gegangen waren. Sie protestierten aber auch für eine noch grundlegendere und wichtigere Forderung: das Recht unserer Völker, als Völker zu bestehen, als Völker zu existieren.«
Quechuas und Aymaras sind die zwei größten indigenen Bevölkerungsgruppen in Peru. Je nach Schätzung und Definition machen Menschen indigener Herkunft zwischen 14 und 45 Prozent der 32 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner des Landes aus. Der 2022 abgesetzte Präsident Castillo von der linken Partei Perú Libre kommt selbst aus einer kleinbäuerlichen indigenen Familie und hatte in der indigenen Bevölkerung starken Rückhalt. Nach seiner Absetzung kam es zu Protesten, bei denen 49 Demonstrierende getötet wurden. Gegen seine Nachfolgerin Dina Boluarte kam es wegen Korruptionsvorwürfen zu langanhaltenden Protesten. Im Oktober wurde Boluarte vom peruanischen Kongress abgesetzt. Gegen den derzeitigen Interimspräsidenten José Jeri wird wegen Vergewaltigung ermittelt.
»Wir akzeptieren Jeri nicht als Präsidenten, sondern betrachten ihn als Diktator«
»Derzeit ist Jeri, der ehemalige Präsident des Kongresses der Republik an der Regierung. Wir unterstützen ihn hier in Puno nicht, und auch in vielen anderen Regionen des Landes hat sich die Bevölkerung gegen diesen neuen Präsidenten ausgesprochen«, betont Flores Rojas. »Zum einen war seine Ernennung unrechtmäßig, zum anderen hat er kein Verfahren gegen die damalige Präsidentin Dina Boluarte eingeleitet. Statt ihre Amtsenthebung zu unterstützen, war er als Mitglied des Kongresses Komplize bei der Ausarbeitung einer Reihe von Gesetzesänderungen gegen das peruanische Volk. Diese begünstigen die kriminelle Gewalt im ganzen Land und schädigen indigene Gebiete, indem sie das Wirken krimineller Mafia-Gruppen, beispielsweise im peruanischen Amazonasgebiet, erleichtern. Wir akzeptieren Jeri nicht als Präsidenten, sondern betrachten ihn als Diktator.«
Junge Menschen als treibende Kraft der Proteste
Seit diesem Jahr steht die Beteiligung junger Menschen im Fokus der Berichterstattung, da diese die Protestbewegung maßgeblich vorantreiben.
»In der Berichterstattung der Medien zu den Protesten sehen wir vor allem junge Menschen aus einigen größeren Städten wie Lima, Arequipa und anderen Städten im Norden des Landes«, beobachtet Flores Rojas. »In einigen Fällen organisieren sie sich über Nachbarschaftsvereinigungen und Kultureinrichtungen und fordern ihr Recht auf politische Betätigung ein. Diesen Forderungen verleihen sie beispielsweise durch Kunst und Kultur wie Hip-Hop oder urbane Musik Ausdruck.«
»Im Falle Perus hat sich die Generation Z mit der Forderung ‚Alle sollen gehen' positioniert – ein Ausdruck, der hier seit mehreren Jahren verwendet wird, um politische Parteien und generell die politische Klasse offen abzulehnen«, führt sie weiter aus. »Man hat das Gefühl, dass man niemandem mehr vertrauen kann. Der kritische Slogan richtet sich sogar gegen linke oder angeblich progressive Kreise, denen vorgeworfen wird, die Interessen und Ziele, für die sie gewählt wurden, verraten zu haben.«
GenZ-Aktivistin Gabriela Santos beschreibt ihre Motivation folgendermaßen: »Ich habe meinen Aktivismus vor allem mit Themen rund um den Veganismus begonnen, weil ich seit etwa 15 Jahren Veganerin bin und mir selbst beigebracht habe, mich für den Tierschutz zu engagieren. Oft werden die Menschen als das Hauptanliegen betrachtet und dabei vergessen, dass auch andere Wesen leiden. Ich bin außerdem Gender-Sekretärin, also Studentenvertreterin an meiner Universität. Als solche befasse ich mich vor allem mit Fällen sexueller Belästigung und Vergewaltigung – schwierige Themen, die nicht als normal betrachtet werden sollten, die an meiner Universität aber ziemlich häufig vorkommen.«
Repression und Kriminalisierung
Die Regierung reagiert mit starken Sanktionen auf die Proteste der jungen Menschen. Aktivistinnen und Aktivisten sind neben der physischen Gewalt bei Demonstrationen von Überwachung und Kriminalisierung betroffen. Gabriela Santos berichtet, dass ihr Aktivismus reale Auswirkungen auf ihren Studienalltag an der staatlichen Universidad Nacional Mayor de San Marcos hat.
»Gegen mich besteht derzeit eine Anzeige wegen Protestierens an meiner Universität. Die Universität selbst zeigt uns an. Sie haben bereits eine Liste, auf der steht, wer von uns protestiert und wer immer dabei ist«, erzählt sie. »Ehrlich gesagt ist das ziemlich anstrengend, weil man das Gefühl hat, dass es keine Meinungsfreiheit gibt und man sich nicht so ausdrücken kann, wie man möchte – nicht wie in einem Rechtsstaat.«
»Wenn man uns nicht auf der Straße zu Wort kommen lässt, können wir das über die sozialen Netzwerke tun.«
Wie es dazu kommt, dass sich die Generation Z in Peru gerade jetzt politisiert, erklärt Gabriela Santos folgendermaßen: »Ich glaube, es ist Überdruss. Wir sind müde von all dem. Genau dafür steht die Generation Z. Wir können in den sozialen Netzwerken alles sehen, was passiert, alles verbreitet sich schneller, und ich glaube, das hat uns sehr geholfen, uns auszudrücken. Wenn man uns nicht auf der Straße zu Wort kommen lässt, können wir das über die sozialen Netzwerke tun.«
Die Bedeutung von Social Media für die Bewegung hebt sie besonders hervor: »In den sozialen Netzwerken können wir uns normalerweise freier äußern, unsere Unzufriedenheit zum Ausdruck bringen und sagen, was wir fühlen. Ich glaube, dass Gefühle unterschätzt werden. Meine Generation ist sehr darauf bedacht, mit dem Herzen zu sprechen und die Gefühle der Ohnmacht und Wut über alles, was gerade passiert, auszudrücken.«
Vom Individualismus zur Gruppenidentität
»Die politische Kraft der Generation Z scheint darin zu liegen, dass sie es geschafft haben, die Passivität zu durchbrechen«, analysiert Flores Rojas. »Der Diskurs des Unternehmertums in Peru und wahrscheinlich ganz Lateinamerika ist ein äußerst kapitalistischer, neoliberaler Diskurs, der unsere Erwartungen und Leben durchdrungen hat. Uns wird vermittelt, dass es sich nicht lohnt, seine Energie dafür zu verwenden, sich zu organisieren und seine Rechte zu verteidigen, sondern dass jede*r für sich selbst einstehen soll – sich als Unternehmer*in versuchen, ein*e berühmte*r TikToker*in werden oder ein*e einflussreiche*r Influencer*in in den sozialen Netzwerken.«
Die Abkehr vom Individualismus hin zu einer gemeinsamen Gruppenidentität als Generation Z bedeutet eine Distanzierung zu dieser liberal-kapitalistischen Denkweise.
»Ich kann nicht sagen, ob sie antikapitalistisch sind, aber ich glaube, dass sie den Kapitalismus zumindest misstrauisch beäugen, und das ist sehr wertvoll«, so ihre Einschätzung. »Wir müssen aber auch bedenken, dass viele dieser jungen Menschen von den sozialen Netzwerken und den Möglichkeiten, die sie bieten, begeistert sind. Ich schließe mich da selbst mit ein, auch wenn ich nicht mehr zur Generation Z gehöre.«
»Man sollte Antikapitalismus oder Kapitalismuskritik nicht nur aus den Kategorien und Kriterien heraus denken, die traditionell von der Linken oder progressiven Kreisen vertreten werden«, fügt sie hinzu. »Ich denke, dass die aktuellen indigenen Bewegungen und Bevölkerungsgruppen diese völlig antagonistische Trennung in Frage stellen. Es gibt zum Beispiel eine ganze Reihe von Studien über Volkswirtschaften, die wirtschaftliche Akkumulation fordern, aber auch Zusammenarbeit und Solidarität. Es ist ein ziemlich schwieriges Thema, das uns nicht davon abhalten sollte, unsere emanzipatorischen Ziele zu verfolgen. Ich denke, wir sind uns darüber im Klaren, dass der Kapitalismus uns letztendlich in einen Diskurs über Anstrengung und Erfolg verstrickt, der nicht wirklich etwas bewirkt, sondern am Ende eher Gewalt und Zerstörung hervorruft.«
Proteste als intergenerationale Räume
Nicht nur Kapitalismuskritik möchte Diana Flores neu denken. Sie hinterfragt auch das international gezeichnete Bild der Generation Z als die unabhängige, rebellische Jugend, die sich aus sich selbst heraus und nach internationalen Vorbildern politisiert.
»Der Prozess der Mobilisierung der Generation Z ist wesentlich komplexer und umfassender, als es das öffentliche Auftreten derjenigen, die als Gesichter der Jugendbewegung gesehen werden, vermuten lässt«, betont sie. »Auch während der Proteste gegen die Regierung von Boluarte 2022 und 2023 war die Beteiligung von Jugendlichen sehr hoch. Sie nannten sich nur noch nicht Generation Z, da dieser Begriff noch nicht geprägt war. Besonders aktiv waren junge Menschen, die in gemeinschaftliche Organisationsstrukturen eingebunden sind. Hier beziehe ich mich speziell auf die Region Puno, aus der ich stamme.«
»Dort beschlossen viele Bauerngemeinden, an den Protesten teilzunehmen. In den Hauptversammlungen der Bauerngemeinschaft wurde beschlossen, Delegationen in die Hauptstadt der Region, der Provinz oder der Grenzregion zu entsenden, um die Regierung abzulehnen«, erklärt Flores Rojas. »Viele ältere Menschen konnten nicht reisen, weil es für sie zu anstrengend war. Peru ist ein großes Land, und die einzigen erschwinglichen Transportmittel auf dem Landweg brauchen sehr lange. Die Fahrt von Puno nach Lima dauert beispielsweise 24 Stunden und es war unklar, was in Lima zu erwarten war. Auch junge Männer und Frauen, die zwar nicht mehr dauerhaft in den Gemeinden leben, aber eine Verbindung zu ihnen haben, weil sie dort arbeiten, ihre Eltern unterstützen und manchmal an Versammlungen, Sportwettbewerben oder kulturellen Festen teilnehmen, waren anwesend. Es wurde beschlossen, dass sie die Gemeinde vertreten und so die körperliche Unversehrtheit ihrer Väter und Mütter schützen sollten.«
»Es gibt eine bedeutende Beteiligung junger Menschen, die mit Strukturen der Gemeinschaftsorganisation verbunden sind«, resümiert sie. »Die Generation Z ist also nicht nur selbst organisiert, sondern kennt auch andere Formen der politischen Beteiligung als die, die in den großen Städten des Landes präsent sind. Ich denke, dass es weltweit hinter dem Medienrummel und dem öffentlichen Bild komplexere Organisationsstrukturen junger Menschen gibt, die ebenfalls gesehen werden sollten.«
Ausblick
Auch wenn internationale und nationale Beobachterinnen und Beobachter für den kommenden April nur sehr geringe Chancen auf faire, demokratische Wahlen prognostizieren, hofft Diana Flores dennoch langfristig auf gesellschaftlichen Wandel.
»Ich denke, dass jetzt ein guter Zeitpunkt ist, um die großen Narrative zu überdenken, die wir haben«, sagt sie. »Es gibt einige sehr wertvolle Vorschläge, wie zum Beispiel den Einbezug der Rechte der Natur. Das könnte uns helfen, unser Leben und die politischen Ziele, die wir anstreben, aber auch unsere privilegierte Position zu überdenken. Schon wir Menschen leben nicht unter wirklich gleichen Bedingungen – ganz zu schweigen von der Überlegenheit, die wir gegenüber Tieren, Pflanzen, Wäldern und natürlichen Ökosystemen für uns beanspruchen. Ich würde gerne glauben, dass in dieser Krisenzeit einige Kategorien überdacht werden können.«
Ein Beitrag von Lisa Binder und Sarah Wehrle.