Mali nach den Anschlägen
Zwischen Schock und Solidarität
Nach den Anschlägen in Mali wächst der Ruf nach politischer Öffnung. Lars Springfeld war vor Ort und berichtet, warum die Menschen trotz Schock an der Regierung festhalten.
Am 25. April wurde Mali von einer beispiellosen Angriffswelle erschüttert. Es waren die schwersten koordinierten Angriffe seit 2012. Damals besetzte ein Bündnis aus separatistischen Tuareg und dschihadistischen Gruppen große Teile des Nordens, was eine bis heute andauernde Sicherheitskrise im Sahel auslöste. In diesem April standen erneut bewaffnete Tuareg und dschihadistische Milizionäre hinter den Angriffen – heute unter dem Namen Front de Libération de l’Azawad (FLA) und Jama’at Nasr al-Islam wal Muslimin (JNIM), ein al-Qaida-Ableger in der Sahelzone.
Anders als 2012, als die malische Armee innerhalb weniger Wochen zusammenbrach, gelang es den malischen Streitkräften diesmal jedoch, die Angriffe weitgehend zurückzuschlagen – obwohl nach sehr unterschiedlichen Schätzungen mehrere Tausend Angreifer beteiligt gewesen sein sollen. Lediglich die nordmalische Wüstenstadt Kidal befindet sich weiterhin unter Kontrolle der sezessionistisch-islamistischen Gruppen und bleibt umkämpft.
Trotz der historischen Dimension der Ereignisse blieben die Angriffe in Deutschland ein Randthema. Jenseits kurzer Agenturmeldungen dominierten vor allem schnelle geopolitische Deutungen: das Scheitern der Militärregierung, eine Niederlage des neuen malischen Bündnispartners Russland oder ein weiterer Vormarsch dschihadistischer Gruppen. Teilweise war sogar von einem drohenden Staatszerfall wie im Sudan die Rede. Solche Lesarten greifen jedoch zu kurz – und decken sich kaum mit meinen Eindrücken aus Bamako, wo ich mich Ende April 2026 mit einer Delegation von Afrique-Europe-Interact aufhielt. Denn dort herrschte zwar spürbare Verunsicherung, nicht jedoch die in vielen internationalen Kommentaren suggerierte Zusammenbruchstimmung.
Souveränität vor Demokratie?
Tatsächlich waren die Ereignisse vom 25. April für viele Menschen in Bamako ein Schock. Die Angriffe trafen nicht nur den internationalen Flughafen der Hauptstadt, sondern auch die Garnisonsstadt Kati, das Machtzentrum der Militärregierung, wo Verteidigungsminister Sadio Camara bei einem Selbstmordanschlag getötet wurde. Trotzdem unterbrachen die Angriffe den Alltag zunächst weitgehend nicht. Von Panik war auf den Straßen kaum etwas zu spüren – auch weil offenbar viele darauf vertrauten, dass die FAMA, die malische Armee, die Kontrolle zurückgewinnen würde. Erst als immer mehr Nachrichten und Gerüchte über koordinierte Angriffe und anhaltende Kämpfe die Runde machten, breitete sich Verunsicherung aus.
Über WhatsApp und soziale Medien kursierten zugleich zahlreiche Solidaritätsbekundungen mit der Armee: »Wir sind alle FAMA«, hieß es auf Sharepics und in Videos. Besonders die Nachricht vom Tod Sadio Camaras löste Bestürzung aus. Viele beschrieben ihn als respektierten, nahbaren und integren Politiker – über politische Lager hinweg. Selbst kritische Gesprächspartner*innen betonten ihre Unterstützung für die FAMA. Die Verteidigung nationaler Souveränität bedeute für sie keineswegs eine Zustimmung zum autoritären Regierungskurs der letzten Jahre.
Statt weiterer Polarisierung brauche es eine politische Öffnung
Die Ereignisse vom 25. April machen zugleich die Leerstellen westlicher Debatten über Mali und den Sahel deutlich. Während internationale Kommentare die Angriffe vor allem als Zeichen des Scheiterns der Militärregierungen deuten, stellt sich für viele Menschen in der Region derzeit eine andere Frage: Wer kann Sicherheit, staatliche Handlungsfähigkeit und nationale Souveränität garantieren? Das heißt nicht, dass autoritäre Entwicklungen – die Einschränkung der Meinungsfreiheit oder das harte Vorgehen gegen Kritiker*innen – kein Thema sind. Dennoch gelten die Militärregierungen in Mali, aber auch in Burkina Faso und Niger, vielen weiterhin als Chance, sich aus langjährigen politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten von westlich ausgerichteten Ländern und Institutionen zu lösen. Festgemacht wird diese Hoffnung an Projekten der drei Putschregime wie der Allianz der Sahelstaaten (AES) oder Reformen im Rohstoffsektor (iz3w 413). Verständlich wird dies vor dem Hintergrund der politischen Erfahrungen seit den 1990er Jahren: Nicht wenige verbinden die damalige Demokratisierung in erster Linie mit schmerzhaften neoliberalen Reformen, wachsender Korruption und der Fortsetzung neokolonialer Abhängigkeiten.
Jedoch haben die Anschläge vom 25. April die Fragilität der Sicherheitslage offengelegt. Derart koordinierte Angriffe wären ohne Kollaboration innerhalb des Sicherheitsapparates kaum möglich gewesen – zumal einige Angreifer malische Armeeuniformen trugen und selbst die schwer gesicherte Garnisonsstadt Kati infiltrieren konnten. Trotz der demonstrativen Unterstützung für FAMA und Regierung werden deshalb Stimmen lauter, die einen politischen Neuanfang fordern. Ein »Weiter so« sei angesichts der Tragweite der Ereignisse nicht akzeptabel, meinte ein Gesprächspartner in Bamako. Statt weiterer Polarisierung brauche es eine politische Öffnung und einen breiteren gesellschaftlichen Konsens – unter Einbeziehung konstruktiver Teile der Opposition. Gerade darin entscheidet sich, ob das Projekt eines »Mali Koura«, eines neuen souveränen Mali, dauerhaft Bestand haben kann.