Ungesunder Backlash

von iz3w redaktion

18.08.2025
Veröffentlicht im iz3w-Heft 410
Teil des Dossiers Umkämpft - Reproduktive Gesundheit

»Die Kräfte gegen die grundlegenden Werte der Familie agieren lokal und international. Sie versuchen uns zu spalten, um uns zu besiegen.« Das sind die Worte von Anita Among, Parlamentssprecherin von Uganda. Sie nahm am 9. Mai 2025 an der dritten »Interparliamentary Conference on Family and Sovereignity« in der ugandischen Hauptstadt Entebbe teil. Ebenfalls beteiligt an der ‚Familienkonferenz‘ waren der ugandische Präsident Yoweri Museveni, die First Lady und Bildungs- und Sportministerin Janet Kataaha Museveni sowie fundamentalistisch-christliche Akteure aus den USA und Europa. In einem Bericht auf der Website des ugandischen Parlaments warnt Janet Museveni vor »wachsenden globalen Einflüssen, die drohen, die afrikanische kulturelle Identität und ihre Familienstrukturen unter dem Deckmantel von Hilfe und Entwicklung zu erodieren«.

Worum ging es den Konferenzteilnehmenden? Für sie ist eine umfassende sexuelle Bildung für Kinder »Wahnsinn« (Yowaeri Museveni). Die Anti-LGBT-Gesetzgebungen Ugandas seien dagegen ein vorbildliches Beispiel, in dem sich Uganda internationaler Erpressung widersetze und seine traditionellen Werte verteidige.

Auf den weiblichen und queeren Körpern trägt die politische Rechte Kämpfe aus

Henk Jan van Schothorst, Gründer der evangelikalen Lobbyorganisation Christian Council International, bezeichnet Afrika derweil als »last man standing« im Kampf für Familienwerte. Auf der Konferenz anwesend ist ebenfalls Family Watch International (FWI), eine Vereinigung, die von der US-amerikanischen Bürgerrechtsorganisation Southern Poverty Law Center als »hate group« eingestuft wird. Dazu kommt die impfgegnerische Organisation Children’s Health Defense, gegründet von US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr.

Frauen- und Menschenrechtsorganisationen sind alarmiert. Der Blick nach Ostafrika zeigt eine politische Rückwärtsbewegung auf, die frauenrechtlich und gesundheitspolitisch bedenklich ist. Kerry Cullinan, Journalistin mit Gesundheits-Expertise, beobachtet schon seit längerem African-Family-Konferenzen wie diese und stellt fest, dass deren Keynote-Speaker ironischerweise in der Regel US-amerikanische und europäische konservative weiße Männer sind. Auf diesen Treffen wird seit Jahren für die Einschränkung sowohl reproduktiver Rechte wie auch der von sexuellen Minderheiten mobilisiert.

Am 12. Mai etwa fand in Nairobi, Kenia, die »Pan-African Conference on Family Values« statt. Rechte Akteur*innen nutzen jetzt das Vakuum, das durch den Stopp von USAID im Januar 2025 entstanden ist. Tatsächlich hatten sie diesen Stopp mit ihrer Beteiligung am Project 2025 teils sogar mit vorbereitet – wie etwa die Sponsoren der Konferenz in Nairobi C-Fam und die Alliance Defending Freedom. FWI wiederum hat enge Verbindungen zur Heritage Foundation, dem konservativen Think Tank, der Project 2025 veröffentlichte.

Die Folgen dieser Entwicklungen sind fatal, etwa im Bereich der HIV-Prävention. Gesundheitsstrukturen brechen zusammen, Personal wird entlassen, Zugang zu AIDS-Medikamenten wie PrEP endet. In einem Interview mit der Jungle World berichtet Johanna Fipp vom Aktionsbündnis gegen AIDS: »Eine in diesem Jahr erschienene Studie im Fachjournal The Lancet schätzt, dass die US-Kürzungen in der Entwicklungszusammenarbeit insgesamt, also nicht nur im HIV-Bereich, bis zum Jahr 2030 weltweit zu über 14 Millionen zusätzlichen Todesfällen führen könnten.« Auch was Tuberkulose, Malaria, Kinder- und Müttergesundheit sowie die basale Gesundheitsversorgung angeht, würde jahrzehntelanger Fortschritt zunichtegemacht.

Der antifeministische und antiqueere Backlash ist ungesund – und in vielen Fällen tödlich. Darüber schreibt Judith Goetz im zweiten Artikel des Dossiers. In Italien nimmt die katholische Kirche bis heute Einfluss auf Abtreibungsgesetzgebungen (siehe: »Reproduktive Gesund­heit hat eine Geschichte«). Im Nordirak wird weibliche Genitalverstümmelung religiös begründet (siehe: Patriarchaler Kontrolle ent­kommen). Auf den vornehmlich weiblichen und queeren Körpern trägt die politische Rechte Kämpfe aus, weil sich mit Gefühlen Wählerstimmen generieren lassen.

Wer soll sich fortpflanzen, wer sollte es nicht? Dies wollen die autoritären Kräfte kontrollieren. Dabei streben sie nach der Kontrolle über die Körper, etwa durch die Abschaffung sexueller Bildung in Schulen, die Reglementierung von Verhütungsmitteln und medizinischer Versorgung für queere Menschen; durch das Abtreibungsverbot, aber umgekehrt auch durch Zwangssterilisationen (siehe: Autoritär, patriarchal und gewalt­förmig).

In diesem Dossier geben wir denen Raum, die sich für reproduktive Gesundheit und Rechte einsetzen. Isis Elgibali vom Verein WADI im Nordirak schreibt aus ihrer gesundheitlichen Beratungspraxis für Überlebende von Genitalverstümmelung: »Die Widerstandsfähigkeit und der Mut der Frauen, die an den Sitzungen teilnehmen, bieten eine hoffnungsvolle Zukunftsvision an. Diese stille Welle der Veränderung ist bereits im Gange, sie wird in vertraulichen Gesprächen mit Flüsterstimmen bestärkt und findet ihren Widerhall in den veränderten Community-Normen.«

die redaktion, 20.08.2025

 

PS: Unser Dossier ist illustriert mit Auszügen aus der Graphic Novel »Será deseada« (Gabriela Jauregui und Erénida Derbez, Balance AC, 2022). Vielen herzlichen Dank für diese Kooperation. Ein Artikel und ein Interview mit der Autorin Gabriela Jauregui finden sich auf den Seiten 21 und 22. Die Graphic Novel kann hier kostenlos heruntergeladen werden.

Gefördert durch:

ENGAGEMENT GLOBAL mit Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung | Brot für die Welt mit Mitteln des kirchlichen Entwicklungsdienstes | Katholischer Fonds

Dieser Artikel ist erschienen im iz3w-Heft Nr. 410 Heft bestellen
Unsere Inhalte sind werbefrei!

Wir machen seit Jahrzehnten unabhängigen Journalismus, kollektiv und kritisch. Unsere Autor*innen schreiben ohne Honorar. Hauptamtliche Redaktion, Verwaltung und Öffentlichkeitsarbeit halten den Laden am Laufen.

iz3w unterstützen