Menschenmenge auf einer Demonstration in Algier mit Plakaten und Algerienflaggen
Freitagsdemonstration in Algier | Foto: Anistmz CC BY-SA 4.0

Der Arabische Frühling und die Generation Z

Gegen das Establishment

Ein Jahrzehnt nach dem sogenannten Arabischen Frühling ist es auch in Nordafrika und Westasien immer wieder zu Mobilisierungen und Anti-Regierungsprotesten gekommen. Welche Ziele verfolgen die jungen Menschen, die der Generation Z angehören, in dieser Region?

von Johannes Frische

21.10.2025
Veröffentlicht im iz3w-Heft 411
Teil des Dossiers Generation Z in Aufruhr

Die negativen Folgen der Umbrüche in Libyen, Syrien, Jemen, Ägypten und mittlerweile sogar Tunesien scheinen viele junge Menschen in der Region davon überzeugt zu haben, dass Stabilität wichtiger ist als Demokratie. Zahlreiche Jugend-Befragungen zeigen auf, dass die Mehrheit der Jugend Themen wie Beschäftigung, Bildung, Korruption und Sicherheit priorisiert, während die Zielsetzung politischer Reformen abfällt. Das heißt nicht, dass politischer Aktivismus von der Agenda der Generation Z in Nordafrika und Westasien verschwunden ist. Wo dieser in Erscheinung tritt, hat er jedoch häufig einen antiinstitutionellen und Anti-Establishment Charakter. Die politischen Proteste in Sudan, Algerien, Libanon und Irak in den Jahren 2019 bis 2021 ereigneten sich außerhalb von etablierten Parteien und Bewegungen und sie denunzierten gleichermaßen Eliten und Ideologien der herrschenden Regime sowie der Opposition. Diese neue Protestgeneration hat somit keine klar identifizierbare politische Zugehörigkeit. Sie sind keine Islamist*innen, Linke oder Liberale; und sie handeln oftmals nicht im Sinne einer bestimmten Minderheit oder Konfession. Die meisten verlangen soziale und politische Veränderungen, welche die traditionellen Bruchlinien transzendieren und Themen wie Arbeitslosigkeit, Bildung und Korruption zum Schwerpunkt haben.

Sie haben radikalen Wandel als Ziel aufgegeben

Für die Generation Z in Nordafrika und Westasien bietet die globale Generation Z einen Orientierungsrahmen: Wie ihr globales Gegenstück ist sie hochgebildet, vernetzt, eher liberal und weniger religiös als andere Generationen. Ihr Engagement reicht von öffentlichen, aber apolitischen Formen der Mobilisierung hin zu sichtbarem, gesellschaftlich manifestem Aktivismus in sozialen Bewegungen, digital vernetzten Formen des Engagements und expliziten politischen Forderungen nach neuen Formen der Staatsbürgerschaft. In dem Maße, in dem die Angehörigen der Generation Z sich von Ideologien und den großen Erzählungen distanziert haben, haben sie radikalen Wandel als Zielsetzung aufgegeben. Stattdessen widmen sie sich naheliegenden sozialen und wirtschaftlichen Themen wie Bildung, Beschäftigung, Klimawandel, Geschlechtergleichheit und Chancengerechtigkeit. Social Media bietet ihnen einen alternativen Raum für ihr Engagement und ihre Mobilisierung.

Libanon: Von »You Stink« zu »All means all«

Im Libanon war es vor allem die Desillusionierung angesichts von Korruption und Vetternwirtschaft, die zu einer scharfen Kritik am konfessionellen politischen System führte. Die tiefsitzende Abneigung gegenüber Politik lässt sich auch damit erklären, dass viele junge Menschen und Aktivist*innen damit Korruption, Manipulation und illegitime Herrschaft assoziieren. Viele junge Libanes*innen, die auf den ersten Blick apolitisch erscheinen, engagieren sich jedoch auf unterschiedliche Weise, um den Alltag ihrer Gemeinschaft zu verbessern. Ein Beispiel ist die »You-Stink-Bewegung«, welche sich die große Unzufriedenheit innerhalb der Bevölkerung gegenüber der etablierten Politiker zunutze machte. Die Bewegung zielte darauf ab, langfristige Lösungen für das Problem des Müllmanagements zu finden und ein stärkeres Bewusstsein für Umweltprobleme und die Bedeutung von Müllrecycling zu schaffen. Bei den Protesten im Jahre 2019, die angesichts einer vertieften Wirtschaftskrise ausbrachen, waren sich die libanesischen Jugendlichen einig, dass Eliten aus allen Konfessionen ein korruptes Ensemble darstellten. Die Demonstrierenden skandierten daher den Slogan »All means all«, der sich gegen das gesamte politische Spektrum basierend auf Konfessionalismus, Klientelismus und Korruption richtete.

Tunesien: Lokaler und sozialer Aktivis­mus

In Tunesien lässt sich die weit verbreitete Unzufriedenheit innerhalb der Jugend auf das Versagen etlicher aufeinanderfolgender Regierungen zurückführen, die nach dem Sturz der 24 Jahre dauernden Diktatur unter Präsident Ben Ali im Jahr 2011 sukzessive an die Macht kamen. Probleme wie die hohe Jugendarbeitslosigkeit, staatliche Korruption, politische Unterdrückung und mangelnde Investitionen in benachteiligte Regionen wurden nicht sichtbar angegangen. Gemäß Studien ist ein großer Prozentsatz der tunesischen Jugend weder politisch noch zivilgesellschaftlich engagiert. In den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen enthielt sich ein Großteil der Jugendlichen ihrer Stimme. Das lässt sich auf das anhaltend hohe Misstrauen jüngerer Wähler*innen gegenüber der Politik und auf die Enttäuschung über ausbleibende Veränderungen in ihrem Alltag seit der Revolution zurückführen. Nur ein kleiner Prozentsatz der tunesischen Jugendlichen ist in zivilgesellschaftlichen Organisationen aktiv und diese stammen überwiegend aus den wohlhabenderen Küstenstädten. Grundsätzlich distanzieren sich Jugendliche von formellen politischen Prozessen und wenden sich dem informelleren lokalen Aktivismus zu, der vorwiegend soziale und humanitäre Ziele verfolgt. Somit erweist sich die politische Beteiligung der Jugend weniger als parteipolitisches Engagement, sondern eher als ein Kampf für Veränderung durch zivilgesellschaftliche Aktivitäten.

Menschenmenge auf einer Demonstration, im Vordergrund eine Algerienflaggen

Algerien: Neue Räume, Prak­tiken und Netz­werke

Auch in Algerien findet Politik angesichts allgemeiner Apathie gegenüber dem politischen Geschehen außerhalb des Wahlprozesses statt. Bei der 2019 als Hirak bekannt gewordenen Protestbewegung marschierten Demonstrierende 54 Wochen lang zweimal wöchentlich durch die Straßen algerischer Städte, bevor sich der Protest im Zuge der globalen Pandemie ins Internet verlagerte. Die friedlichen Protestmärsche für eine inklusive Demokratie brachten einen neuen Präsidenten hervor, einen von oben durchgeführten Regierungswechsel und die Verhaftung hochrangiger Politiker wegen Korruption. Zudem stellte die Protestbewegung das extraktivistische, westlich-kapitalistische Wirtschaftsmodell infrage und rückte die Rolle von Neoimperialismus und westlichen Unternehmen in den Fokus. Die Demonstrierenden verwiesen auf die anhaltende Ausbeutung der algerischen Kohlenwasserstoffressourcen durch westliche Mächte und die daraus resultierenden Schäden für die lokale Umwelt.

Parallel zu diesen Protesten entwickelte sich unter den Demonstrierenden und in der Bevölkerung ein größeres Bewusstsein für Umweltschutz. Durch die Teilnahme an den Demonstrationen entstanden neue Räume und Netzwerke, in denen der Umweltaktivismus junger Menschen zum Zuge kam. Beispielsweise säuberten die Demonstrierenden nach jedem Marsch die Städte im ganzen Land und protestierten gegen Rohstoffabbau und ökologische Schäden. Die Problematik betrifft ganz Nordafrika: Die Proteste richteten sich gleichermaßen gegen die Verwendung von Kohle in Ägypten, gegen die Einfuhr und Verbrennung von europäischen Abfällen als billige Energiequelle in Marokko und gegen das Fracking von Schiefergas in Algerien.

Ägypten: Politische Öko­nomie des Autori­tarismus

In Ägypten hat die Wiederherstellung autoritärer Herrschaft in Folge des Militärputsches von 2013 gegen den gewählten islamistischen Präsidenten Mursi zum Rückgang der Wahlbeteiligung Jugendlicher geführt. Die vorübergehende Öffnung im politischen Prozess, die mit dem Umbruch von 2011 einherging, wurde damit rückgängig gemacht. Mittlerweile hat sich in Ägypten eine Symbiose von autoritärer Herrschaft und Neoliberalismus verstetigt. Einige junge Menschen haben die Hoffnung auf eine grundlegende Reform des Systems aufgegeben und sich mit dem globalen neoliberalen Diskurs arrangiert – auch wenn ihr Hauptanliegen der Kampf gegen Korruption, Vetternwirtschaft und Unterdrückung bleibt. Das mag damit zusammenhängen, dass sie die politische Ökonomie des Autoritarismus akzeptieren und Teil des Netzwerkes von Patronage-Beziehungen werden. Andere glauben eher an eine Reform von innen heraus als an eine Revolte gegen das System. Folglich treten sie Mainstream-Organisationen der Zivilgesellschaft bei, entwickeln wirtschaftliche und soziale Initiativen, die vom Regime toleriert werden, und führen Veränderungen Schritt für Schritt herbei.

Zwar gibt es auch Widerstand gegen den Elitenkonsens innerhalb Ägyptens und gegen die Arrangements, die die wirtschaftliche und politische Elite stützen. Insgesamt lässt sich jedoch festhalten, dass bürgerliches und politisches Engagement nicht nur als Widerstand gegen autoritäre Regime in Erscheinung tritt, sondern auch kollektives Handeln zur Unterstützung eben dieser Regime hervorbringt. Es ist daher nicht verwunderlich, dass arabische Regierungen, insbesondere diejenigen in Ländern wie Ägypten, Marokko oder Tunesien zivilgesellschaftliche Organisationen fördern, die soziale Dienste erbringen, mit denen die Lücken der öffentlichen Daseinsvorsorge in den Bereichen Bildung, Gesundheitswesen und Soziales geschlossen werden können. Zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich für Menschenrechte einsetzen oder politische Partizipation unterstützen, werden dahingegen konsequent marginalisiert.

Johannes Frische promovierte an der Universität Leipzig im Fach Arabistik zum Thema Jugend im postrevolutionären Tunesien.

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