»Arbeit hat immer eine ökologische Komponente«
Ein Interview über »Stoffwechselpolitik« mit Simon Schaupp
Es ist die Arbeit, durch die Gesellschaften mit der Natur verbunden sind. Um die ökologische Krise zu verstehen, gilt es zuerst, die Arbeitswelt zu verstehen. Unter dieser These schrieb Simon Schaupp sein Buch »Stoffwechselpolitik« (Suhrkamp 2025). Der Soziologe forscht an der KU Leuven und am IfS Frankfurt, wo er ein Forschungsprojekt über Klimawandelerfahrung in der Arbeitswelt leitet.
iz3w: Je stärker wir die Klimakrise leugnen, desto stärker schlägt die Natur zurück, so scheint es. Was für Fragen wirft das über unser Verhältnis zur Umwelt auf?
Simon Schaupp: Mein Anliegen ist, die Rolle der Arbeit im Verhältnis des Menschen mit dem Rest der Natur zu betonen. Karl Marx hat den Arbeitsprozess als den zentralen Ort des Stoffwechsels der Gesellschaft mit der Natur beschrieben. Im Ökomarxismus wurde auf der Makroebene analysiert, wie die Akkumulation von Kapital nicht nur eine von Geldwerten, sondern auch von Stoffen ist. In meinem Buch betone ich den Arbeitsprozess – dass also für Stoffwechselprozesse die konkrete Art und Weise, wie Arbeit organisiert wird, ausschlaggebend ist.
Grundsätzlich ist Arbeit ein Prozess der Nutzbarmachung von Natur. Das heißt, die Natur liegt nicht einfach als Ressource vor, sondern muss dafür permanent nutzbar gemacht werden. Der Acker ist zum Beispiel nicht einfach Acker, sondern muss durch kontinuierliche Arbeit von Schädlingen und Unkraut befreit werden. Dieser Prozess betrifft aber auch die menschlichen Körper, die auch Teil der Natur sind. So haben eigentlich alle Arbeitsprozesse einen Aspekt von Nutzbarmachung. Beim Kapitalismus handelt es sich um eine expansive Nutzbarmachung, die aufgrund der Akkumulationsdynamik ein kontinuierlicher Steigerungsprozess ist.
Und da kommt ins Spiel, was die Frage angeschnitten hat: Je weiter die Nutzbarmachung voranschreitet, umso stärker wirkt auch die Natur auf die Arbeitsprozesse zurück. Wir können am Beispiel fossiler Energie erkennen, dass die Natur in der Geschichte der Arbeit eine immer zentralere Rolle spielt. Kohle und Öl werden dafür eingesetzt, Arbeit produktiver zu machen und die Folgen führen im Klimawandel dazu, dass die Arbeitsproduktivität wieder abnimmt. Ich nenne es das Paradox der Nutzbarmachung: Es gibt eben nicht nur die Unterwerfung der Natur, sondern die Natur wirkt selbst auf Arbeitsprozesse zurück.
Was wäre ein Beispiel dafür?
Das Paradox der Nutzbarmachung wird bei der Rolle von chemischem Stickstoffdünger für die Landwirtschaft deutlich. Seine Erfindung hat zum rasanten Anstieg landwirtschaftlicher Produktivität geführt und Arbeitskräfte für die zweite industrielle Revolution freigemacht. Aber jetzt gibt es in der ökologischen Krise eine abnehmende Bodenproduktivität. Es gibt eine Art Rückkopplungseffekt, weil gerade durch das massive Einbringen von synthetischem Dünger die Böden beschädigt werden, die Bodenproduktivität abnimmt und man immer abhängiger wird. Weil die Düngemittelherstellung viel Energie benötigt, sind die Preise während des Irankriegs stark gestiegen, was zu Prognosen von Lebensmittelknappheit im globalen Maßstab geführt hat. Daran ist zu sehen, wie eng der fossile Kapitalismus mit allen Produktionsbereichen verwoben ist, inklusive der Landwirtschaft. Dabei erzeugt man mehr von dem, was die Schäden herbeiführt, weil man versucht, die Schäden zu beheben.
Ein wichtiger Begriff im Buch ist der ökologische Eigensinn. Ist das ein Versuch, Umweltbewusstsein und Arbeitskampf zu verbinden?
»Der Acker ist zum Beispiel nicht einfach Acker…«
Es geht mir darum, was der Stoffwechsel mit den Menschen macht, die ihn vollziehen. Als Arbeitende eignen sie sich ein Umweltwissen an. Das ist ein anderes Wissen als etwa das wissenschaftliche Modellwissen über den Klimawandel. Es kann, aber muss nicht, zu ökologisch progressiven Orientierungen führen. Ein Beispiel dafür sind Forstarbeiter*innen – dort ist die Ambivalenz zu sehen: Ihnen geht das Sterben der Bäume durch Klimawandel und Borkenkäfer emotional nahe. Das ist eine Grundlage für sie, um sich für den Schutz von Wäldern einzusetzen. Aber das kollidiert oft mit dem klassischen Naturschutz. Einige gehen dann mit verbotenen Pestiziden in Naturschutzgebiete, wo man Bäume als Teil einer Nichtinterventionsstrategie eigentlich sterben lässt. Das wäre so ein ökologischer Eigensinn, wo sich das Umweltwissen der Beschäftigten in die Tat umsetzt.
Beinhaltet der ökologische Eigensinn, dass sich sowohl die menschliche als auch die nichtmenschliche Natur der Nutzbarmachung versperrt?
Genau. Selbst bei Leuten, die dem klassischen Klima- oder Umweltschutz misstrauen, gibt es aufgrund der körperlichen Erfahrung des Arbeitsprozesses ein starkes Bewusstsein für das Regime der Nutzbarmachung. Sie sagen oft: ‚Das Problem ist, dass alles immer schneller gehen muss und immer billiger sein muss und es bedeutet, dass wir immer kaputter und erschöpfter sind, aber auch, dass der Rest der Natur zerstört wird.‘ Da kann man ansetzen. Das würde dann aber ganz anders funktionieren als die klassische Ansprache über Wissenschaft und Moral.
»Erschöpfung ist eine mobilisierende Erfahrung«
Die iz3w hat sich in der letzten Ausgabe dem Thema Postwachstum gewidmet. Inwiefern könnte man das Buch »Stoffwechselpolitik« als eine wachstumskritische Perspektive beschreiben?
Meine Arbeit ist daran anschlussfähig, aber es gibt wichtige Unterschiede. Eine Gemeinsamkeit ist, dass Degrowth-Forderungen nach einer Entschleunigung von Produktion bei vielen Leuten intuitiv anschlussfähig sind. Sogar bei Menschen, die man in Sachen Degrowth eigentlich für unerreichbar hält. Etwa Bauarbeiter*innen und Beschäftigte in der Energieversorgung sagen bei unserer Forschung: ‚Wir fühlen das an unseren eigenen Körpern, dass dieses immer mehr, immer schneller nicht funktioniert.‘ Das ist die verkörperte Erfahrung des Leidens an der expansiven Nutzbarmachung. Und das, was den Leuten dann spontan einfällt, ist Arbeitszeitverkürzung – was ja auch eine Degrowth-Forderung ist.
Womit ich ein Problem habe, ist, dass die Degrowth-Autor*innen oft das tun, was sie selbst kritisieren: Sie verbleiben auf der ökonomischen Ebene von Geldwerten und BIP-Wachstum, teilweise betrachten sie noch Material- und Energieflüsse, aber sie sehen die Arbeitenden und die kapitalistische Produktion nicht aus der Perspektive von konkreten Arbeitsprozessen.
Im Globalen Süden sind die ökologischen und menschlichen Kosten der Nutzbarmachung von Natur am höchsten. Was für eine Rolle spielen globale Ungleichheiten im Stoffwechsel mit der Natur?
Eine große Rolle. Wir haben es mit einer Akkumulation von Geld und Rohstoffen zu tun, die im Globalen Süden extrahiert und oft im Globalen Norden konsumiert werden. Oft wird der Müll dann wieder in den Globalen Süden exportiert. Das hat aber auch wieder eine wichtige Seite in Bezug auf die Organisation von Arbeit. Der Kapitalismus muss ja seine Wirtschaftsgrundlagen reproduzieren. Allerdings gibt es unterschiedlichste Formen von Nutzbarmachung, die gleichzeitig existieren. Eine Form könnte man als »nachhaltige Nutzbarmachung« bezeichnen, wenn sie Wohlfahrtsstaat, Gesundheitsversorgung sowie Naturschutzprogramme beinhaltet. Gleichzeitig läuft die Akkumulationsdynamik auf Expansion hinaus, was mit dieser nachhaltigen Reproduktion kaum vereinbar ist.
Das Ergebnis ist eine differenzielle Nutzbarmachung: Im Globalen Norden soll tendenziell Kreativität und emotionale Arbeit aus den Arbeitskräften herausgeholt werden, während es im Globalen Süden eher um Extraktion von Rohstoffen und physischer Arbeit geht. Das ist eine Ungleichheit, die aus der Kolonialisierung kommt, und heute per Arbeitsmigration geografisch stärker zusammenrückt. Es entstehen auch im Globalen Norden segmentierte Arbeitsmärkte, wo Menschen aus dem Globalen Süden etwa in Schlachthäusern oder bei Amazon arbeiten.
Gibt es bestimmte politische oder Arbeitskämpfe im Globalen Süden, in denen der ökologische Eigensinn besonders zum Vorschein kommt?
Ja, aber meine Perspektive läuft nicht darauf hinaus, sich mit Leuchtturmprojekten zu beschäftigen, wie etwa der Konversion der GKN-Fabrik * bei Florenz, wo eine destruktive Produktion in eine ökologisch sinnvolle konvertiert wird. Das ist vorbildlich, aber extrem selten und ich glaube, man braucht eine Perspektive, die generell die ökologische Dimension von Arbeitskonflikten sieht. Aus einer Stoffwechselperspektive hat Arbeit immer eine ökologische Komponente – und damit auch jeder Arbeitskonflikt. Wenn es dabei um Arbeitszeit geht, dann sind das Aushandlungen um den Grad der Nutzbarmachung.
»Eine Entschleunigung der Produktion wäre bei vielen anschlussfähig«
Dabei ist es besonders interessant, dass es im Globalen Süden eine viel präsentere Tradition von politischen Streiks gibt als im Globalen Norden. Es gab in Indien in den letzten Jahren eigentlich die größten Streiks der Menschheitsgeschichte (iz3w 405), die hier aber auf relativ wenig Resonanz gestoßen sind. In diesen explizit politischen Streiks ging es darum, neoliberale Umbauten der Wirtschaft zurückzudrängen. Davon könnte man hierzulande lernen: Wenn wir mit unserer Arbeit den Stoffwechsel vollziehen, können wir ihn auch unterbrechen und damit Druck aufbauen. Dazu reichen Schulstreiks oder Studistreiks wie bei Fridays for Future nicht aus, sondern es braucht Streiks derjenigen, die die stoffliche Transformation von Natur vollziehen. Das hat auch eine ökologische Dimension, denn wenn der Stoffwechsel unterbrochen wird, nimmt der materielle Energiedurchsatz allein durch einen Streik ab. In Deutschland sind politische Streiks zwar nicht explizit verboten, werden aber – entgegen der internationalen Rechtsprechung – untersagt. Dennoch haben sie in der Vergangenheit immer wieder stattgefunden, was zeigt, dass sie vor allem eine Frage des politischen Willens sind.
Im Buch gibt es auch die Unterscheidung zwischen wissenschaftlichem Wissen und Erfahrungswissen. Wie kann ein Dialog zwischen Klimabewegung und Arbeiter*innen aussehen?
Viele Beschäftigte, mit denen wir sprechen und die manuelle Jobs haben, die für die ökologische Transformation wichtig sind, also zum Beispiel im Bau oder in anderen Sektoren, erleben Umweltpolitik oder Klimaschutz als top-down angeordnete Politik, die mit ihnen nichts zu tun hat. Das verdoppelt die ohnehin existierende Herrschaftserfahrung im kapitalistischen Arbeitsprozess.
Kapitalistische Arbeit ist eigentlich immer eine Herrschaftserfahrung, und das ist für die meisten Leute eine Kränkung. Auch bei der ökologischen Transformation nehmen sie es so wahr, als würde das Wissen der Beschäftigten ignoriert werden. Sie sagen dann: ‚Also ich kann mit diesen Klimaleuten nichts anfangen, denn das sind Zahlenmenschen, die ticken anders als wir.‘ Diese Erfahrung kennen sie aus ihrer Arbeitswelt. Deshalb muss man reflektieren, dass Wissen eine soziale Praxis ist, die eingebettet ist in Klassenhierarchien. Das bedeutet nicht, dass man einen anti-intellektuellen Proletkult braucht. Gerade bei Klima geht das nicht. Aber man müsste aus der Perspektive der Zahlenmenschen kommend das Erfahrungswissen der Beschäftigten aus den transformationsbedürftigen Branchen als ernsthafte Ressource anerkennen. In unseren Interviews haben die Beschäftigten immer Ideen, wie man ihren Arbeitsprozess nachhaltiger gestalten könnte. Aber sie sagen gleichzeitig: ‚Es ist sowieso egal, was ich darüber weiß. Das interessiert keinen.‘ Damit das zum Tragen kommt, braucht man eine Wirtschaftsdemokratie, die betriebliche Mitbestimmung lebt und auch ökologische Themen sowie andere gesellschaftliche Stakeholder einbezieht.
Die Forderung, das verkörperte Erfahrungswissen von Beschäftigten einzubeziehen, erinnert an Forderungen, spezifische Wissensformen von marginalisierten Gruppen, zum Beispiel von Indigenen, stärker einzubeziehen. Spielt solches Wissen für globale Arbeitskämpfe auch eine Rolle?
Wissen ist immer vermittelt durch eine bestimmte soziale Praxis. Ich glaube, das ist wichtig, um nicht ein essentialistisches Verständnis des Indigenen zu reproduzieren, was ich ehrlich gesagt ziemlich problematisch finde. Wichtig sind vielmehr die soziale Lage und insbesondere die Arbeitsprozesse. Wenn man es etwa in einem spezifischen Fall im Globalen Süden mit Subsistenzarbeit zu tun hat, ist der reproduktive Aspekt viel zentraler als bei Lohnarbeit in der Produktion. Da gibt es Wissen, an das man anknüpfen könnte, denn Leute, die nur sehr wenig Land zur Verfügung haben, um sich zu ernähren, sind stark darauf angewiesen, das Land nicht zu zerstören. Das ist genau das Wissen, worauf man sich positiv beziehen kann. Hier sieht man aber auch wieder, dass es am Ende um Eigentumsverhältnisse geht. Also, ist Subsistenzwirtschaft überhaupt möglich oder werden Menschen früher oder später von Großeigentümern enteignet und es gibt eine weitere Konzentration von Landeigentum oder können irgendwann alle auskömmlich wirtschaften?
Wie könnte eine politische Mobilisierung gegen die unzuträgliche Nutzbarmachung von Natur aussehen?
Ich glaube, dass Erschöpfung als mobilisierende Erfahrung ziemlich wichtig ist. Die Erschöpfung, die die allermeisten arbeitenden Menschen fühlen, ist die körperliche Erfahrung der expansiven Nutzbarmachung. Und das ist es, wo man, glaube ich, auch aus einer Degrowth-Perspektive anknüpfen müsste, um die Kulturkampfgräben von Akademiker*innen und proletarischen Arbeitenden zuzuschütten, weil diese Erfahrung alle Beschäftigten machen – ob Kopf- oder Handarbeit. Das Thema knüpft auch an feministische Forderungen, an gewerkschaftliche und eben an ökologische an. Wenn man diese Erschöpfung als einen Ausgangspunkt für eine progressive Mobilisierung nimmt, dann wäre das eine sinnvolle Form von Klassenpolitik. Hier lassen sich konkrete und umsetzbare Forderungen, wie Arbeitszeitverkürzungen, mit einer längerfristigen und radikaleren Transformationsperspektive verbinden.