Topo­graphie der Erinner­ungen

Rezensiert von Josephine Haq Khan

11.06.2025
Veröffentlicht im iz3w-Heft 409

Fast auf den Tag genau 80 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz erschien Asal Dardans zweites Buch Traumaland – Eine Spurensuche in deutscher Vergangenheit und Gegenwart. Darin widmet sich die Kulturwissenschaftlerin der Erinnerungskultur und -politik in Deutschland. Dardan fragt, was hierzulande kollektiv erinnert wird und was nicht. Dabei zieht sie auch Verbindungslinien zwischen Erinnerungen und Traumata, die über die Grenzen Deutschlands hinausreichen. Der Großteil der in Deutschland geleisteten Erinnerungsarbeit bezieht sich auf den Holocaust. Die Autorin zeigt jedoch auch die Kontinuitäten des Antisemitismus und Rassismus im postfaschistischen Deutschland auf und erzählt von Attentaten wie denen auf Blanka Zmigrod, Shlomo Lewin und Frida Poeschke, die oft vergessen oder ignoriert werden.

Ein gutes Buch zu einer Zeit, in der Erinnerungs­kultur angesichts des Rechts­rucks noch wichtiger wird

Dardan wählt für all das einen topografischen Ansatz. Das Buch ist nach vier deutschen Städten gegliedert: Berlin, Köln, Dessau und Hoyerswerda. Die Autorin geht davon aus, dass es Städte gibt, die vor allem mit den dort geschehenen Gewalttaten assoziiert werden. Diese Assoziationen sind aber keineswegs für alle Menschen gleich. So ist Dessau für die einen zuallererst die Bauhausstadt, während andere die Stadt mit dem Tod von Oury Jallouh verbinden. Die Autorin zeigt hier Zusammenhänge auf. So gab es am Bauhaus Professoren, die die Krematorien von Auschwitz entworfen haben, während dort gleichzeitig Bauhaus-Studierende vergast wurden. Und auch Li Yangjie, die 2016 in Dessau zum Mordopfer von rassistischer und sexualisierter Gewalt wurde, war Bauhausstudentin. Unter dem Vorsatz, »das menschliche Antlitz« zu zeigen, erzählt Dardan einige Einzelschicksale, die für größere Phänomene politischer Gewalt stehen.

Außerdem findet eine Kritik der deutschen Erinnerungskultur bezogen auf den Holocaust Platz. Dardan zeigt, wie Muslim*innen die deutsche Täterperspektive aufgezwungen wird, obwohl sich Muslim*innen verständlicherweise eher mit den Opfern des Holocaust identifizieren. Dagegen würdigt die Autorin zivilgesellschaftliche Initiativen, die Erinnerungsarbeit leisten. Auf solche gehen beispielsweise auch die Stolpersteine zurück.

Die aufschlussreiche Lektüre wird teilweise durch komplizierte Formulierungen und Abschweifungen erschwert. Zudem steht Dardan als denkende Ich-Figur sehr im Fokus. Der schön gedachte Aufbau des Buches führt im ersten Kapitel über Berlin leider aufgrund weniger Unterkapitel zu Unübersichtlichkeit.

Das Buch ist gleichzeitig anekdotisch und theoretisch. Politische Theoretiker*innen wie Stuart Hall und Hannah Arendt werden herangezogen, um Vergangenheit und Gegenwart zu verstehen. Ein gutes Buch zu einer Zeit, in der Erinnerungskultur angesichts des massiven Rechtsrucks noch wichtiger wird.

Josephine Haq Khan

Asal Dardan: Traumaland. Eine Spurensuche in deutscher Vergangenheit und Gegenwart. Rowohlt, Hamburg 2025. 288 Seiten, 24 Euro.

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