Atomares Klimachaos
Klimawandel und Atomtests auf den Marshallinseln
Am 30. November kündigte US-Präsident Trump auf seiner Social-Media-Plattform »Truth Social« den sofortigen Beginn neuer Atomwaffentests an. Als Grund gab er atomare Tests anderer Länder an, ohne diese konkret zu benennen. Die Sorge der Pazifikbewohner*innen ist groß, denn sie tragen das atomare Erbe der Nachkriegszeit bis heute und wissen um die Gefahren.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden im Pazifik hunderte Atomwaffentests durchgeführt. Das US-Testmoratorium von 1992 und der 1996 ausgehandelte Teststoppvertrag (CTBT) sind wichtige Schritte zur Eindämmung solcher Tests, auch wenn der Teststoppvertrag bis heute nicht in Kraft ist. Nach den jüngsten Ankündigungen von US-Präsident Trump, die Wiederaufnahme von Atomtests zu prüfen oder einzuleiten, kann man befürchten, dass die jahrzehntelange Testpause der USA endet.
Auf den Pazifischen Inseln wurden von 1946 bis 1996 über 300 Atomwaffentests mit der Stärke von rund 175 Megatonnen TNT* durchgeführt*. Das entspricht etwa dem 11.700-fachen der Hiroshima-Bombe. Teile der Marshallinseln sind bis heute durch die zwischen 1946 und 1958 auf Bikini und Enewetak durchgeführten Tests umwelt- und gesundheitlich langfristig beeinträchtigt. Beide Atolle sind noch immer so stark radioaktiv kontaminiert, dass eine Rückkehr ihrer Bewohner*innen – fast 80 Jahre später – ausgeschlossen ist. Auf Enewetak lebten rund 1.000 Menschen.
Die Marshallinseln bestehen aus 29 Atollen und fünf Koralleninseln; viele Bewohner*innen sind in den letzten Jahrzehnten in die USA ausgewandert. Bereits vor den Atomwaffentests veränderten koloniale Eingriffe Land, Ökologie und Gesellschaft: Die deutsche Kolonialherrschaft von 1886 bis 1914 schwächte Landrechte und forcierte Monokulturen, die japanische Mandatszeit von 1914 bis 1944 verdichtete die Siedlungsweise und Koprawirtschaft* und drängte traditionelle an die agrarökologischen Gegebenheiten angepasste Anbausysteme zurück. Als die USA 1944 die Kontrolle übernahmen und 1947 die UN-Treuhandschaft erhielten, trafen Umsiedlungen und Tests auf bereits geschädigte ökologische und soziale Verhältnisse.
Als die US-Regierung die rund 200 Bewohner*innen des Bikini-Atolls evakuieren ließ, legte sie wenig Wert darauf, die Menschen an Orte mit ausreichenden Ressourcen anzusiedeln. Die erste Station der Odyssee war das zuvor unbewohnte Rongerik-Atoll. Die Menschen standen kurz vor dem Verhungern, als sie im März 1948 auf das Kwajalein-Atoll verlegt wurden. 1948 wurde eine endgültige Heimat gefunden: Kili Island – eine einzelne, bis dahin unbewohnte Insel im äußersten Süden. Niemand der Entscheidungsträger dachte darüber nach, warum Rongerik und Kili bis dahin unbewohnt waren. Neben Bikini und Enewetak war das Rongelap-Atoll von der atomaren Strahlenlast besonders betroffen. Zwei Tage nach dem Castle Bravo Test, der stärksten thermonuklearen durch die Vereinigten Staaten verursachten Kernexplosion, wurden 64 Personen evakuiert, nachdem viele Bewohner*innen akute Symptome einer Strahlenvergiftung zeigten.
Verseucht auf lange Zeit
Atomtests kontaminierten Land, Lagunen und Meer der Marshallinseln mit Plutonium, Cäsium-137, Strontium-90, Americium-241 und weiteren Radionukliden, deren Halbwertszeiten teils weit über menschliche Zeithorizonte hinausreichen. Die Verseuchung ist dauerhaft*. Auf Bikini wurden Plutoniumwerte gemessen, die 15- bis 1.000 mal höher sind als in Böden aus Tschernobyl oder Fukushima. Sie liegen teils über den vereinbarten US-/RMI-Grenzwerten, einem Risikoindex für Malignität (RMI) bei Eierstocktumoren. Plutonium, Jod-131, Strontium-90 und Americium-241 lagern sich in Lunge, Knochen, Leber und Schilddrüse ab, erhöhen das Krebsrisiko und stehen mit Berichten über Fehlgeburten, Geburtsfehler und mögliche genetische Effekte in exponierten Bevölkerungen in Zusammenhang. Auf hoch belasteten Atollen ist Grundwasser oft nicht als Trinkwasser nutzbar, sodass viele Gemeinden auf Regenwasserzisternen und importiertes Wasser angewiesen sind.
Der Klimawandel wirkt als Risiko-Multiplikator
Koloniale Deformation, Atomtests und externe Abhängigkeiten erhöhen die gesellschaftliche Verwundbarkeit, die nun durch die Folgen des Klimawandels weiter verschärft wird. Zu den strahlenbedingten Leiden kam der Verlust traditioneller Nahrungsmittel. Die Bevölkerung wurde erheblich von importierten Fertigprodukten abhängig, die eine gesunde Ernährung erschwerten. So nahmen bald Herz-Kreislauf-Leiden, Diabetes und ernährungsbedingte Krankheiten zu zu, bei gleichzeitig mangelhafter Gesundheitsversorgung. Im Jahr 1967/68 gab es eine »safe for habitation«-Botschaft von dem Blue-Ribbon Komitee, der Atomic Energy Commission (AEC) und Präsident Johnson, dass das Bikini-Atoll sicher sei. Viele Vertriebene kehrten deshalb 1975 zurück, doch bald häuften sich Krankheiten, Fehlbildungen bei Neugeborenen, Fehl- und Totgeburten sowie Schilddrüsenkrebs, sodass 1978 zahlreiche Bewohner*innen Bikini erneut verlassen mussten. Untersuchungen der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) deuteten 1997 an, dass ein Aufenthalt unbedenklich sei. Sie rieten jedoch vom Verzehr von lokal angebauten Lebensmitteln ab, der zu einer signifikanten Strahlenbelastung führen würde.
Ähnliches geschah auf Rongelap: 1985 organisierten Rongelap-Vertreter*innen gemeinsam mit Greenpeace die erneute Evakuierung. Im Mai brachte die Rainbow Warrior die Gemeinde in mehreren Fahrten von Rongelap nach Mejatto im Kwajalein-Atoll, teils weiter nach Ebeye; viele Betroffene leben bis heute dort oder in Majuro. Für die Rainbow Warrior war dies die letzte Mission: Am 10. Juli 1985 versenkten französische Geheimdienstagenten das Schiff im Hafen von Auckland, um Greenpeace-Proteste gegen Atomtests in Französisch-Polynesien zu stoppen. Dabei kam der Fotograf Fernando Pereira ums Leben.
Slums im Atoll
Auch nach den Atomwaffentests richteten sich die USA auf den Marshallinseln dauerhaft ein. Die US-Marine nutzte das Kwajalein-Atoll bereits gegen Ende des Zweiten Weltkriegs; 1959 wurde es zur Anlage für Tests von ballistischen Raketen, der heutigen Ronald Reagan Ballistic Missile Defense Test Site. Auf Kwajalein finden sich Schulen für US-Familien, Schnellrestaurants, Schwimmbäder, ein Postamt, Jachthafen und Golfplatz – »amerikanischer als Amerika selbst«, hier zeigt sich die Amerika-First-Mentalität alltäglich, der amerikanische Exzeptionalismus hat sich hier ein frühes Denkmal geschaffen. Ebeye, rund 20 Fährminuten entfernt, bildet dazu einen scharfen Kontrast: Das Inselchen hat eine extrem hohe Bevölkerungsdichte von etwa 66.000 Einwohner*innen pro Quadratmeile, rund viermal so hoch wie die von Tokio.
Marshallische Arbeitskräfte, die auf der US-Basis Kwajalein arbeiten, müssen die Insel bis zum späten Nachmittag – oft etwa 16:45 Uhr – verlassen und pendeln täglich zwischen »Amerika« und »Mikronesien«. Ebeye, häufig als »Slum des Pazifiks« bezeichnet, steht mit bis zu 15.000 Personen auf rund einem Drittel Quadratkilometer für extrem beengte Verhältnisse. Ähnlich pendeln viele Bewohner*innen der nördlichen Arbeiterinsel Enniburr (zirka 1.000 Personen) zum US-Stützpunkt auf Roi-Namur. Trotz hoher Löhne ist das Leben auf Ebeye schwierig.
Der Klimawandel verschärft Wasserprobleme auf Ebeye: Während das veraltete und undichte Wassernetz unzureichend ist, steigt der Meeresspiegel weiter an. Sturmfluten und Wellenüberschlag führen zum Eindringen von Salzwasser, Überflutungen und Schäden. Die Kapazitäten der Regenwassernutzung sind unzureichend. Die extrem hohe Bevölkerungsdichte und erschwerte Hygiene führen zu hohen Tuberkulose-Raten – 30 mal höher als in den USA – und Cholera- und Typhus-Ausbrüchen. Wegen einer Bakterienbelastung, die 25.000-fach über dem Grenzwert der Weltgesundheitsorganisation liegt, wird vor dem Baden in der Lagune gewarnt.
Die Unabhängigkeit 1986 markierte den Übergang von US-Treuhandschaft zu einer freien Assoziation (Compact of Free Association). Deren Regelungen bewahren jedoch substanzielle sicherheits- und fiskalpolitische Abhängigkeiten. Der »Compact Kolonialismus« verbindet US-Verteidigungs- und Sicherheitsverantwortung mit langfristigen Pachtrechten, insbesondere auf dem Kwajalein-Atoll, und hält die Republik der Marshallinseln finanziell und politisch eng an die USA gebunden.
Umweltprobleme sind oft Ausdruck des Zusammenhangs von Kolonialismus, Klimawandel, und sozialer Ungleichheit. Die Marshallinseln zeigen, dass Klimaverwundbarkeit gesellschaftlich bedingt ist: Koloniale Land- und Machtordnungen, nukleare Verseuchung und Militarisierung haben eine Ausgangslage geschaffen, welche der heutige Klimawandel verschlimmert.
Transnationale Anti-Atombewegung
Der Widerstand der Bevölkerung gegen US-amerikanischen Atomwaffentests entwickelte sich im Kontext kolonialer Abhängigkeit, ökologischer Zerstörung und sozialer Entwurzelung zu einer vielschichtigen politischen Bewegung. Dieser Widerstand markiert den Beginn einer transnationalen Anti-Atombewegung im pazifischen Raum.
Politsprüche und ihre Geschichte
Ein Spiel für junge und alte Linke – und eine Zeitreise in die Geschichte linker Parolen und Demosprüche
Zum ShopAustralien und Neuseeland reagierten sehr unterschiedlich auf Atomwaffentests im Pazifik: Australien unterstützte in den 1950er Jahren aktiv die britischen Tests in Maralinga und auf den Monte-Bello-Inseln, während sich in Neuseeland früh eine starke Anti-Atombewegung formierte, getragen von Kirchen, Gewerkschaften und Pazifik-Aktivist*innen. 1973 klagten beide Staaten gemeinsam vor dem Internationalen Gerichtshof gegen die französischen Tests in Polynesien. Neuseeland ging weiter und erklärte sich 1987 per Gesetz zur atomwaffenfreien Zone, was faktisch zum Bruch mit den USA im ANZUS-Bündnis führte, einem Verteidigungspakt aus dem Jahr 1951 zwischen Australien, Neuseeland und den USA. Australien blieb hingegen fest in der US-Sicherheitsarchitektur verankert, unterzeichnete aber 1985 zusammen mit Neuseeland den Vertrag von Rarotonga, der den Südpazifik zur atomwaffenfreien Zone macht. Hauptziel des Vertrages war zunächst die Unterbindung der französischen Atomtests, die in den 1980er Jahren immer noch stattfanden. Von Atomaren Tests abgesehen verbietet er auch die Stationierung, den Besitz sowie die Herstellung von Atomwaffen im Südpazifik und untersagt die Lagerung atomarer Abfälle in den Gewässern der Region.
Um Entschädigungsansprüche von Strahlenopfern der US-Atomtests zu prüfen, wurde in den Marshallinseln 1988 das Nuclear Claims Tribunal eingerichtet. Bei positivem Entscheid sollten die Abfindungen aus einem von den USA finanzierten Treuhandfonds ausgezahlt werden. Zwar sprach das Tribunal Entschädigungen in Höhe von über zwei Milliarden US-Dollar zu, doch erwies sich der auf 150 Millionen US-Dollar begrenzte Fonds als unzureichend. Jahrzehntelang erhielten die Bewohner*innen von Bikini monatliche Unterstützungszahlungen von rund 150 US-Dollar, um die Kosten der Umsiedlung mitzufinanzieren. Im November 2017 gab das US-Innenministerium sein langjähriges Vetorecht über Ausgaben aus dem Bikini Resettlement Trust Fund auf und übertrug die Budgetentscheidung an den Bürgermeister und den Rat der Kili-Bikini-Ejit (KBE).
2014 reichten die Marshallinseln vor dem Internationalen Gerichtshof Klagen gegen die neun Atomwaffenstaaten wegen Verletzung ihrer völkerrechtlichen Abrüstungsverpflichtungen ein. Diese sogenannten »Nuclear Zero«-Fälle fungierten vor allem als symbolischer Akt moralischer Anklage gegen die bestehende Nuklearordnung. Sie wurden 2016 aus Zuständigkeits- und Zulässigkeitsgründen abgewiesen, ohne dass der Gerichtshof zur materiellen Rechtmäßigkeit der Nuklearpolitik Stellung nahm.
Klimawandel als Risiko-Multiplikator
Mehrere Atolle der Marshallinseln – insbesondere Bikini, Teile von Enewetak und Rongelap – sind weiterhin radioaktiv kontaminiert, sodass einzelne Inseln auf absehbare Zeit unbewohnbar bleiben. Der Wissenschaftliche Ausschuss der Vereinten Nationen über die Wirkungen atomarer Strahlung (UNSCEAR) hebt die erheblichen Unsicherheiten historischer Expositionsabschätzungen hervor.*
Der Klimawandel wirkt als Risiko-Multiplikator: Küstenerosion, Überflutung und Salzwasserintrusion erhöhen die Verwundbarkeit von Trinkwasserlinsen, Infrastruktur und Altlasten, einschließlich der Runit-Kuppel auf den Marshallinseln, eine massive Betonabdeckung über einem Krater auf der Insel Runit, die radioaktiven Abfall aus US-Atomwaffentests in den 1970er Jahren versiegelt. Sie enthält geschätzt 73.000 Kubikmeter verseuchten Schutt und gilt als undicht und umweltschädlich. Der US-Rechnungshof (GAO) weist darauf hin, dass sich verändernde Bedingungen auf künftige Schutz- und Sanierungsprioritäten auswirken können, während lokale Behörden befürchten, dass der Meeresspiegelanstieg kontaminierte Standorte weiter beeinträchtigt.
Zugleich rücken Menschenrechte in internationalen Foren wie dem UN-Menschenrechtsrat stärker in den Fokus: Die Debatten verknüpfen radiologische Evidenz, kolonial-historische Verantwortung und Klimagerechtigkeit und münden in Forderungen nach Gesundheitsschutz, Datentransparenz, Partizipation und angemessener Entschädigung.
Koloniale Deformation, Atomtests und Abhängigkeiten erhöhen die gesellschaftliche Verwundbarkeit
Heute setzt sich Widerstand vor allem über Erinnerungspolitik, Bildungsarbeit und kulturelle Produktion fort – etwa durch Memorialisierung, Archive/Truth-Telling und öffentlich zugängliche Berichte zur nuklearen Hinterlassenschaft. Kulturelle Interventionen wie Kathy Jetñil-Kijiners UN-Auftritt 2014 (Dear Matafele Peinem-Poem) verknüpfen koloniale Nukleargewalt mit der Klimakrise und verschieben den Fokus von einer reinen Opfererzählung hin zu Überleben, Gerechtigkeit und Selbstbestimmung. Politisch wird diese Rahmung u. a. durch Präsidentin Hilda C. Heine international sichtbar gemacht, wenn sie nukleare Altlasten, Menschenrechte und Klimagerechtigkeit gemeinsam adressiert. Zivilgesellschaftliche Initiativen wie Jo-Jikum greifen diese Verbindung auf. Entsprechend liegt die Konstellation der Marshallinseln in politökologischer und postkolonialer Forschung, oft als Beispiel für die Verschränkung von Kolonialgeschichte, Umweltzerstörung und Klimagerechtigkeit.
Die nukleare Katastrophe der Marshallinseln ist kein abgeschlossenes Kapitel, sondern ein fortdauerndes Umwelt-, Gesundheits- und Governance-Problem, das durch den Klimawandel verschärft wird. Es besteht breite Einigkeit, dass langfristige Überwachung, gezielte Gegenmaßnahmen insbesondere in der Nahrungskette, transparente Risikokommunikation und klimaresiliente Infrastruktur notwendig sind, um Risiken zu begrenzen und Perspektiven für eine verantwortbare Zukunft zu eröffnen. Die Ankündigung Trumps, er habe sein in Kriegsministerium umbenanntes Verteidigungsministerium angewiesen, Tests »auf gleicher Basis« wie die anderer Länder durchzuführen, ist das Gegenteil davon.