Zwangsarbeit und der faschistische Einfluss in Nordafrika
Aus einem Vortrag des Anthropologen und Historikers Aomar Boum
Audiobeitrag von Lars Springfeld
04.06.2025
1940 besetzte Nazideutschland große Teile Frankreichs. Das hatte unmittelbare Auswirkungen auf die französischen Kolonien sowie auf Fluchtmöglichkeiten europäischer Jüdinnen und Juden vor dem Holocaust. Auch in Nordafrika wurden antisemitische Gesetze erlassen und sogenannte »unerwünschte« Personen in Lagern inhaftiert – darunter europäische Jüdinnen und Juden. Anhand der Biografien von Inhaftierten schildert Aomar Boum die Verflechtungen zwischen kolonialer und faschistischer Gewaltherrschaft in Nordafrika während des Zweiten Weltkriegs.
Skript zum Audiobeitrag
Erstausstrahlung am 3. Juni 2025 im südnordfunk #133
Aomar Boum: Ich habe meist an den Rändern gearbeitet, an Orten, die kaum jemand kennt, die uns aber helfen, über die Geschichte der Zentren hinauszublicken auf globale und Weltgeschichtliche Zusammenhänge.
Sprecher: Die mehr als einhundert Lager der faschistischen Achsenmächte in Nordafrika zählen zu den vergessenen Kapiteln des Zweiten Weltkriegs. Ihrer Erforschung widmet sich Aomar Boum – Professor für Anthropologie und jüdisch-sephardische Geschichte an der University of California in Los Angeles.
Aomar Boum: Es geht um wenig bekannte Orte in der Sahara, an den Rändern Nordafrikas, die uns davon erzählen, was in Berlin, Paris, Rom, den USA, Japan und anderen Orten passiert ist. Es geht also darum, den Bewohner*innen der Zentren zu zeigen, was wir von den Peripherien über Weltgeschichte lernen können.
Sprecher: 1940 – nur wenige Wochen zuvor hatte Deutschland Paris eingenommen – errichtete die faschistische Kollaborationsregierung in Vichy ein Netzwerk von Internierungs- und Arbeitslagern in den französischen Kolonien Nordafrikas. Flüchtlinge aus Europa, vor allem spanische Antifaschist*innen und Jüdinnen und Juden, wurden in den Lagern inhaftiert und zur Zwangsarbeit gezwungen. Aomar Boum rückt diese Geschichte der nordafrikanischen Lager von den Rändern zurück ins Zentrum. In seiner Forschungsarbeit hat Aomar Boum mit Zeitzeug*innen gesprochen, die die Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs in Marokko erlebt haben.
Aomar Boum: Man berichtete mir von Juden, die schon früher in der Gegend gelebt hatten, aber auch von polnischen und deutschen Juden, die während des Krieges, zwischen 1940 und 1942, im Süden Marokkos in den Lagern und Minen arbeiteten. Einer dieser Arbeiter war mein Vater.
Sprecher: Sein Vater war nicht nur Zwangsarbeiter in einem der Lager, sondern arbeitete auch als Briefbote. Zu Fuß überbrachte er Nachrichten unter anderem für die französische Kolonialverwaltung. Seine Forschung ist also auch eine persönliche Angelegenheit für Aomar Boum.
Aomar Boum: Es ist also eine persönliche Geschichte für mich als Muslim beziehungsweise als Sohn eines Muslims, dessen Vater und die Menschen in seinem Dorf auch Teil der Zwangsarbeit waren.
Sprecher: Zwangsarbeit war keineswegs neu in der Region, sondern zentraler Bestandteil kolonialer Gewaltherrschaft.
Aomar Boum: Es gab französische Kolonialsoldaten, die Straßen bauten, hauptsächlich Menschen aus Niger, Mali, Burkina Faso und Senegal – Menschen aus allen französischen Kolonien waren beteiligt. Das änderte sich erst 1940. Für die sehr gefährliche Arbeit in der Wüste wurden zusätzliche Arbeitskräfte gebraucht. Also beschloss die Vichy Regierung, alle internierten Flüchtlinge – spanische Republikaner, Juden und Nichtjuden – als Arbeitskräfte einzusetzen.
Sprecher: Dabei verfolgte das Vichy Regime eine imperialistische Kolonialpolitik: die Verwirklichung der Transsahara Bahn – ein Kolonialprojekt, das auf Pläne der 1860er Jahre zurückgeht.
Zwangsarbeit für die Transsahara-Bahn
Aomar Boum: Die Transsahara-Bahn ist eine Eisenbahnlinie, die die Stadt Oran in Algerien mit dem Fluss Niger im heutigen Staat Niger verbindet. Sie sollte eine Reihe von Minen und landwirtschaftlicher Plantagen erschließen, um die natürlichen Ressourcen aus diesen Teilen Afrikas nach Marseille zu transportieren und von dort aus in ganz Europa zu verteilen.
Sprecher: Ab 1940 wurden auch Europäer*innen gezwungen, in Mienen zu arbeiten oder Eisenbahnschienen zu verlegen. Dem Vichy Regime galten sie als sogenannte »unerwünschte« Personen.
Aomar Boum: Die gelten nicht als reine Franzosen. Sie verdienen es nicht, Teil der französischen Nation zu sein. Also kann man sie entweder in die Vernichtungslager schicken oder in die Zwangsarbeit. Mit der Entscheidung für die Zwangsarbeit erreichte die Vichy Regierung im Grunde zwei Dinge. Die Verwirklichung des Eisenbahnprojekts, das bereits seit dem 19. Jahrhundert geplant war. Und wenn die Menschen die gefährliche Arbeit nicht überlebten, konnte man sich so gleichzeitig der sogenannten »Unerwünschten« entledigen.
Sprecher: Nicht alle europäischen Flüchtlinge landeten in den Lagern. Besonders für wohlhabendere Personen war das marokkanische Casablanca eine wichtige Station zur Ausreise in die Vereinigten Staaten.
»Die Vichy-Behörden kontrollierten akribisch den Zugang zu Schreibutensilien, Notizbüchern und Kameras, um Berichte der Inhaftierten zu unterdrücken.«
Aomar Boum: Manche hatten Glück. So beispielsweise Freuds Enkeltochter, die 1940/41 nach Casablanca kam. Sie verbrachte schließlich sechs Monate in Casablanca. Sie hatten Glück, eine Genehmigung zu bekommen. Sie flogen nach Tanger. Von Tanger aus gingen sie nach Lissabon und von Lissabon gelangten sie schließlich in die USA. Es gibt viele solcher Beispiele, aber das sind Menschen, die für ihre Flucht bezahlen konnten. Diejenigen, die nicht bezahlen konnten, saßen in Casablanca fest und wurden in die Lager gebracht.
Sprecher: Heute gibt es kaum Überbleibsel der Lager. Das liegt einerseits an ihrer geografischen Abgeschiedenheit, andererseits an der bewussten Geheimhaltungspolitik des Vichy-Regimes.
Aomar Boum: Die Vichy-Behörden kontrollierten akribisch den Zugang zu Schreibutensilien, Notizbüchern und Kameras, um Berichte der Inhaftierten zu unterdrücken. Auch deshalb gibt es nur bruchstückhafte Zeugnisse ihrer Leidensgeschichten.
Sprecher: Dass die Lager vor allem in der Wüste errichtet wurden, ist kein Zufall.
Aomar Boum: Die Natur sollte die Spuren der Vergangenheit verwischen. Das ist ein wirklich wichtiges Konzept, das die Franzosen entwickelt haben. In Marokko und Algerien war ich mit meiner Kamera unterwegs, um die Orte der Lager zu finden. Wegen dieses Konzepts konnte ich nur 30 von 60 oder 70 Lagern ausfindig machen. Und das nur mithilfe von Menschen, die sich noch an die Orte erinnerten. Aber sie hatten keine Ahnung, was dort geschehen war.
Sprecher: Als die amerikanischen Streitkräfte der Alliierten im November 1942 in Marokko landeten, interessierten sie sich kaum für die Lager – trotz der Zwangsarbeit unter härtesten Bedingungen.
Aomar Boum: Im Gegensatz zu den NS Vernichtungslagern wurden die nordafrikanischen Lager der Vichy-Regierung nicht von den Kameras der amerikanischen Alliierten dokumentiert, als diese an der Atlantik- und Mittelmeerküste Marokkos und Algeriens landeten. Stattdessen überließ die amerikanische Armee die Verwaltung der Lager den französischen Behörden, obwohl dort jüdische und nichtjüdische Flüchtlinge illegal interniert waren.
Sprecher: Als Anthropologe interessiert sich Aomar Boum für eine Geschichtsschreibung von unten, ausgehend von den individuellen Biografien der Inhaftierten. Eine wichtige Quelle hierfür sind die Aufzeichnungen von Max Aub.
Aomar Boum: Er kämpfte im Spanischen Bürgerkrieg, wurde dann in Marokko in Djelfa interniert, in andere Lager und nach Algerien verschleppt und floh 1942 nach Casablanca. Von dort aus gelangte er schließlich nach Mexiko-Stadt. Er wurde einer der bedeutendsten mexikanischen Theaterautoren und starb als mexikanischer Staatsbürger.
Sprecher: Es geht ihm auch darum, alternative Wege zu finden, Geschichten wie diese an Schüler*innen und eine breitere Öffentlichkeit zu vermitteln.
Aomar Boum: Es gibt unglaublich kluge Professor*innen an Universitäten, die großartige Arbeit leisten. Wir schreiben kluge Bücher, aber belassen es dabei und warten, bis die Kinder nach der Highschool zu uns an die Unis kommen, um sich dort mit unserer Arbeit zu befassen. Deshalb bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass wir mehr mit Lehrer*innen sprechen und mit ihnen zusammenarbeiten müssen. Wir müssen unsere Forschungsergebnisse in einer verständlichen Form veröffentlichen, für eine breite Öffentlichkeit und insbesondere für Lehrerinnen und Lehrer.
Sprecher: Hierfür hat Aomar Boum zusammen mit dem algerischen Künstler Nadjib Berber eine Graphic Novel veröffentlicht: »Undesirables: A Holocaust Journey to North Africa« – so der englische Titel. Die Charaktere des Buches basieren auf real existierenden Personen. »Composite Stories« – »zusammengesetzte Geschichten« nennt Aomar Boum diese künstlerische Vermittlung von Geschichte. Hans, der Hauptcharakter des Buches, basiert unter anderem auf der Biografie von Max Aub.
Aomar Boum: Hans ist die Hauptfigur. Ich habe für Hans in München recherchiert. Es handelt sich um den Namen einer realen Person, die in den 1920er Jahren, als Hitler an die Macht kam, für eine Münchner Zeitung arbeitete und dann in den 1930er Jahren, 1933, aus Deutschland nach Paris fliehen musste. Von dort aus habe ich dann die Geschichte von Hans mit der von Max Aub und andere Personen kombiniert. Alle Geschichten in der Graphic Novel basieren also auf wahren Begebenheiten. Aber es sind nicht die Geschichten einzelner Personen, sondern zusammengesetzte Geschichten, »Composite Stories«.
Sprecher: So gelingt es Verbindungen zu ziehen zwischen Europa und Nordafrika, zwischen Zentren und Peripherien, zwischen faschistischer und kolonialer Politik und Herrschaft.
Aomar Boum: Das ist es, was wir versuchen. Es geht darum, Geschichte von unten zu schreiben. Ich und andere Historiker*innen, nicht nur in den USA, sondern auch in Europa und Nordafrika, versuchen uns an dieser Art einer Geschichtsschreibung von unten. Wir sammeln Daten und Geschichten und versuchen so im Grunde genommen die Verbindungslinien zwischen den Ereignissen in Europa und dem Rest der Welt nachzuzeichnen.
SHOWNOTES
- Die Seite Facing History bietet eine Lerneinheit für junge Erwachsene über den Holocaust in Nordafrika an. Dabei geht es um die Geschichte der Auswirkungen des Holocausts auf die nordafrikanischen Gemeinschaften. Schwerpunkt ist die Art und Weise, wie Menschen der Unterdrückung widerstanden haben.
- Im Jahr 2018 veröffentlichte das United States Holocaust Memorial Museum eine bedrückend umfangreiche »Enzyklopädie der Lager und Ghettos« in den durch die Verbündeten Nazideutschlands kontrollierten Ländern und Kolonien. Der Vortrag zu diesem Thema des aus Marokko stammenden und in den USA lehrenden Historikers Aomar Boum vom 9. Mai in Freiburg kann hier nachgehört werden.
- Neuerscheinung zur Transsahara-Bahn: Zwangsarbeit für einen kolonialen Traum (1860-1963) von Peter Gaida