»Der erste Schritt ist die Befreiung des Wortes«

Togos junge Bewegung fordert Meinungsfreiheit und das Ende der ewigen Diktatur

Audiobeitrag von Rababe Sabi

01.11.2025

Der 6. Juni 2025 markiert den Beginn einer neuen Protestbewegung in Togo. Vor allem junge Menschen, die Generation Z, erheben ihre Stimme gegen die Zumutungen des Alltags, fehlende Zukunftsperspektiven und gegen das, was für sie eine »ewige Diktatur« geworden ist: die bald 60 Jahre währende Herrschaft der Familie Gnassingbé. Fovi Katakou, ein Vertreter der Bewegung, spricht mit dem südnordfunk. Warum wurde gerade der 6. Juni zu einem Symbol für den Wunsch nach Freiheit? Welche Rolle spielen Soziale Medien dabei, vor allem TikTok?


Skript zum Audiobeitrag

südnordfunk #138 – Erstausstrahlung am 4. November 2025

südnordfunk: Wie kam zum Protest? Warum wurde gerade der 6. Juni zum Symbol des anhaltenden Protests?

Fovi Katakou: Auf seine eigene direkte Art hatte Aamron, ein togoischer Rapper beschlossen, über Menschenrechte zu sprechen. Er sprach das aus, was wir schon lange sagen, was wir alltäglich erleben. Wenn du in Togo geboren und hier zur Schule gegangen bist, einen Beruf gelernt hast – und am Ende merkst du, dass nichts vorangeht, dass du nicht einmal mehr träumen kannst: genau aus dieser Frustration heraus hat Aamron seine Stimme erhoben. Der 6. Juni – der Geburtstag von Präsident Faure Gnassingbé – sollte ein symbolischer Tag werden. Aamron sagte: »Lasst uns diesmal mit Rosen feiern. Zeigen wir, dass Faure Gnassingbé großartige Arbeit leistet.« Natürlich war das ironisch gemeint. Doch dann haben wir erfahren: Aamron wurde brutal verhaftet, entführt und in eine psychiatrische Klinik gebracht. Das Land war empört. Wo leben wir eigentlich, dass man einfach so jemanden verschleppen und in die Psychiatrie stecken kann?

Nach Aamrons Verhaftung gründeten Aktivist*innen in der Diaspora den »Mouvement 66«, kurz M66. Die Zahl steht für den 6. Juni. Was waren ihre Beweggründe, sich als Bewegung zu organisieren?

Unsere Brüder im Ausland – Blogger, Künstler*innen und Aktivist*innen – sind zum inoffiziellen Sozialamt geworden. Sie sammeln Geld, wenn jemand krank ist, wenn jemand zur Schule gehen oder eine Ausbildung machen will oder wenn jemand seine Miete nicht bezahlen kann. Und das schon seit Jahren. Als dann Aamron verhaftet wurde, sagten viele: »Nein – so nicht!« Auch wenn wir im Ausland leben – wir tragen einen Großteil der sozialen Verantwortung. Und ehrlich: Was hat Aamron denn getan? Wenn man ihn einfach so festnimmt, kann man morgen jeden festnehmen. Also beschlossen sie: Am 6. Juni, dem Tag, den Aamron selbst gewählt hat, gehen wir auf die Straße – für seine Freilassung. Und plötzlich sprachen alle darüber. Auf TikTok gingen Leute live, die noch nie zuvor vor der Kamera standen. Sie tanzten zu Aamrons Songs, sie erzählten seine Geschichte. Alle Welt, ganz Afrika sprach über Aamron. Schließlich gingen in Togo viele junge Menschen auf die Straße – jenseits der klassischen Parteien und NGOs. Sie forderten: Freiheit für Aamron und die Rückkehr zur Verfassung von 1992.

Die Verfassung von 1992 beschränkt die Amtszeiten des Präsidenten auf zwei Mandate, also zwei mal fünf Jahre. Dennoch ist Faure Gnasingbé bereits seit zwanzig Jahren an der Macht. Sein Vater, Gnasingbé Eyadéma, regierte Togo von 1967 bis 2005. Die Demonstrierenden fordern die Rückkehr zur Verfassung von 1992. Bedeutet das auch: Faure Gnassingbé soll zurücktreten?

Der Rücktritt von Faure Gnassingbé ist längst überfällig. Nach zwanzig Jahren an der Macht ist klar: Er ist auf ganzer Linie gescheitert. Heute ist er eine Gefahr für das Leben in Togo, eine Bedrohung für die Jugend. Für viele junge Menschen steht fest: Wenn wir eine Zukunft wollen, muss Faure Gnassingbé gehen.

Wie erlebst du die Situation junger Menschen in Togo?

»Unsere Brüder im Ausland – Blogger, Künstler*innen und Aktivist*innen – sind zum inoffi­ziellen Sozialamt geworden.«

Jedes Mal, wenn man mit einem Freund oder Bruder spricht, der das Land verlassen konnte – fünf Jahre später sieht man den Unterschied. Es ist, als lägen Welten dazwischen. Ich sage nicht, dass das Ausland das Paradies ist. Aber dort gelingt vielen, was hier unmöglich scheint. Dieselbe Person, die im eigenen Land als nutzlos gilt, die nichts zur Entwicklung beiträgt, findet im Ausland plötzlich Arbeit, Anerkennung, Perspektiven. Warum also funktioniert bei uns nichts? Warum leben in Togo nur wenige im Überfluss, während der Rest kaum überleben kann? All das hat viele junge Menschen veranlasst, auf die Straßen zu gehen, um ein Ende der Diktatur zu fordern. Trotz der Repression, trotz der Einschränkung der Versammlungsfreiheit.

Seit 2022 sind Massen­kundgebungen verboten. Wie reagiert die Bewegung darauf? Wie wird protestiert?

Ich bezeichne das als »nebulöse Form des Protests«. Warum nebulös? Seit Jahren werden in Togo Demonstrationen und Versammlungen von politischen Parteien und zivilgesellschaftlichen Organisationen verhindert. Und wenn doch mal etwas erlaubt ist, dann nur versteckt, irgendwo in einer Seitenstraße. Deshalb hat sich die junge Generation gegen die etablierten, offiziellen Formen des Protests entschieden. Die Idee ist, dass wir auf unsere Weise zeigen, dass wir das System ablehnen, wo auch immer wir gerade sind. Wenn wir wollen, können wir im eigenen Haus eine Versammlung abhalten oder vor unserer Haustür demonstrieren. Das ist die heutige nebulöse Protestform der Jugend – und alle sind eingeladen, mitzumachen. Wegen der Militarisierung des Landes, der ständigen Verhaftungen und dem Geheimdienst, der sein Auge überall hat, folgt der Protest nicht mehr dem Muster der Massenkundgebungen. Seit dem 6. Juni wurden hunderte meist junge Menschen verhaftet. Massenkundgebungen sind da kaum mehr möglich. Und trotzdem: Jedes Mal, wenn zu einer Aktion aufgerufen wird, machen Menschen mit und zeigen auf ihre Weise, dass sie dieses System ablehnen.

Portrait von Fovi Katakou - Vertreter der Protest-Bewegung in Togo - hier in einem Versammlungsraum
Fovi Katakou | Foto: privat

Insbesondere am 28. Juni kam es zu massiver Gewalt gegen Demonstrierende und Zivilist*innen. Was genau ist passiert?

In der Lagune von Lomé wurden sieben Leichen gefunden. Wir haben Videos gesehen, die zeigen, wie Soldaten und Milizionäre in die Häuser der Menschen eindringen und sie auf offener Straße brutal zusammenschlagen. Ein Video zeigt, wie sie einen jungen Mann fast totgeschlagen haben. Sie haben ihm die Knie und den Kopf gebrochen und ihn mehrere Kilometer vor Lomé zurückgelassen – nackt. Ein Passant hat ihn dort gefunden. Das Geld, das er bei sich trug, wurde ihm gestohlen. Wir haben diese Gräueltaten gesehen. Viele fragen sich: Wir hungern, es gibt keine Arbeit, keine Gesundheitsversorgung - und die Antwort darauf ist Gewalt und Verhaftungen? Wohin soll das führen? Bald wird die Lage völlig eskalieren.

Welche Rolle spielen soziale Medien – vor allem TikTok – für die Bewegung?

Kakou: Warum spielt sich die Bewegung so stark in den sozialen Netzwerken ab? Ganz einfach, weil der öffentliche Raum in Togo blockiert ist. Man kann sich nicht treffen, keine Versammlungen organisieren. Die sozialen Medien sind der einzige Ort, an dem sich Menschen noch frei versammeln können. Und TikTok? TikTok ist so etwas wie der »Baum der Worte« – das digitale »arbre à palabres«, unter dem man sich in afrikanischen Dörfern trifft, um gemeinsam zu reden, zuzuhören und Entscheidungen zu treffen. TikTok ist heute die moderne Version dieses Baumes – so wie früher in Europa Cafés oder Salons Orte des Austauschs waren. Deshalb hat die Bevölkerung, vor allem die Jugend, diese Plattform so schnell angenommen. Dort lernen die Menschen voneinander, tauschen sich aus und erfahren, wie man sich organisiert. TikTok verbindet Togoles*innen im Ausland und im Land, als wären sie am selben Ort. Das ist die Magie von TikTok. TikTok ist mehr als eine Plattform – es ist zugleich Kommunikationskanal und Waffe im Kampf.

Wie schafft ihr es, dass der Protest nicht nur online bleibt, sondern auch auf die Straße kommt?

Viele wissen, dass Protest nicht nur online stattfinden kann – die eigentliche Arbeit geschieht vor Ort, bei den Menschen. Und genau dort leisten wir Aufklärungsarbeit. Der erste Schritt ist die Befreiung des Wortes: den Menschen wieder Vertrauen zu geben, sie zu ermutigen, über das zu sprechen, was nicht gut läuft – selbst wenn manche dafür ins Gefängnis gehen. Das ist unsere Botschaft: Erhebt eure Stimme! Nicht, um zu beleidigen oder Gerüchte zu verbreiten, sondern um die Missstände beim Namen zu nennen. Das ist die Aufklärungsarbeit, die wir leisten – getragen von der gemeinsamen Wut, die in der Bewegung M66 ihren Ausdruck findet.

Du sprichst von Aufklärungs­arbeit. Welche Strategie verfolgt ihr? Warum setzt ihr auf gewaltfreien Widerstand?

Für uns ist der Einsatz für Demokratie und Menschenwürde ein täglicher Kampf — und wenn wir uns organisieren, wenn wir beständig bleiben und gewaltfreie Methoden nutzen, wird sich dieser Kampf auszahlen. Warum gewaltfrei? Weil gewaltfreier Widerstand die Gesellschaft auf den Übergang nach der Diktatur vorbereitet. Wenn wir dieselben Mittel der Gewalt anwenden wie die Machthaber, können wir vielleicht den Diktator stürzen, laufen aber Gefahr, am Ende nur ein neues Unterdrückungssystem zu schaffen. Unser Ziel ist es, diesen Kreis zu durchbrechen — die psychologischen und kulturellen Strukturen zu sprengen, die Togo seit Jahrzehnten in dieser Form der Diktatur gefangen halten, einer Diktatur, die wie ein Krebsgeschwür unsere Gesellschaft zerstört.

»Es wirkt, als gebe es eine stille Komplizen­schaft, die uns politisch zum Schweigen bringen soll.«

Das Ermutigende: Neue Stimmen mischen mit. Früher hörte man nur die üblichen Vertreter*innen — heute sind es junge Menschen, viele ohne Parteibuch, ohne Organisationszugehörigkeit, die den Mut finden, öffentlich zu sprechen. Sogar Menschen aus dem Kreis des Systems beginnen, sich zu distanzieren. Nehmen wir Marguerite Gnakadé: eine Frau aus der Familie Gnassingbé, die offenbar zur Besinnung gekommen ist. Sie sagt, dass es so nicht weitergehen kann und dass Faure Gnassingbé zurücktreten muss. Wir gehen davon aus, dass Mme Gnakadé nicht allein ist: Viele aus der Familie und dem System verstehen, dass die Zeit gekommen ist — dass die togolesische Diktatur fallen muss. All das macht mich optimistisch: Nach der Befreiung des Wortes rückt der Moment des Sieges näher.

Welche Botschaft hast du an die Menschen in Europa? Was wünschst du dir von ihnen?

Kakou: Wir fordern, dass Europa unsere Stimmen verstärkt — die Stimmen der Menschen, die hier Widerstand leisten. Wir fordern, dass Europa an der Seite der Demonstrierenden vor Ort steht und an der Seite derjenigen, die bedroht sind und fliehen mussten. Sich in Togo zu engagieren, ist nicht leicht. Wir leben mit der ständigen Angst, verhaftet zu werden. Ich selbst könnte jederzeit festgenommen werden. Umso wichtiger ist es, dass unsere Stimmen verstärkt werden, dass die ganze Welt weiß, was in Togo passiert, damit Druck entsteht. Es ist empörend zu sehen, wie junge Menschen im Gefängnis schmachten — festgenommen, weil sie in einer Bar waren, weil sie in derselben WhatsApp‑Gruppe waren. Wenn sich die deutsche oder die europäische Öffentlichkeit wenigstens für die Freilassung der politischen Gefangenen einsetzen könnte, wäre das sehr wichtig. Ehrlich gesagt: Ich verstehe nicht, warum die internationale Gemeinschaft zu Togo schweigt. Es wirkt, als gebe es eine stille Komplizenschaft, die uns politisch zum Schweigen bringen soll. In der aktuellen Phase unserer Diktatur brauchen wir die Mobilisierung der internationalen Öffentlichkeit. Druck von außen kann helfen, Faure Gnassingbé zum Rücktritt zu bewegen.

Shownotes - Aufstand in Togo

Das SOS-Torture Network schreibet am 22. Oktober 2025: Unterdrückung der Generation Z in Togo - 48 Aktivist*innen müssen dringend freigelassen werden

Christian Lenz und Rababe Sabi sind im Netzwerk Afrique-Europe-Interact aktiv.

Unsere Inhalte sind werbefrei!

Wir machen seit Jahrzehnten unabhängigen Journalismus, kollektiv und kritisch. Unsere Autor*innen schreiben ohne Honorar. Hauptamtliche Redaktion, Verwaltung und Öffentlichkeitsarbeit halten den Laden am Laufen.

iz3w unterstützen