Der Begriff »Dritte Welt«
Der Begriff »Dritte Welt« ist in die Kritik geraten, weil damit Länder von Zentralafrika bis in den Südpazifik trotz all ihrer Differenzen als Einheit behandelt und sprachlich zwei Stellen unter der »Ersten Welt« eingeordnet werden. Allerdings wird der Begriff im Rahmen des (Ausstellungs-)Projekts so verstanden, wie ihn Frantz Fanon, der Theoretiker der antikolonialen Befreiungskämpfe, in die internationalistischen Debatten eingeführt hat. Fanon bezeichnete damit nicht nur die von kolonialer und neokolonialer Herrschaft Betroffenen im »globalen Süden«. Er schloss ausdrücklich auch indigene und migrantische Minderheiten in den Industrieländern des Nordens mit ein, die sich ebenfalls gegen Diskriminierung, Ausgrenzung und Rassismus zur Wehr setzen müssten.
In seinem bekanntesten Werk »Die Verdammten dieser Erde« schrieb Fanon zum Beispiel: »Die Dritte Welt steht heute als eine kolossale Masse Europa gegenüber; ihr Ziel muss es sein, die Probleme zu lösen, die dieses Europa nicht hat lösen können.« Genau um die Rolle dieser »kolossalen Masse« im Zweiten Weltkrieg geht es in dem Langzeitprojekt von recherche international e.V.
Der Begriff »Dritte Welt« wird – so verstanden – auch deshalb genutzt, weil der aus Martinique stammende Fanon im Zweiten Weltkrieg selbst in den Truppen des Freien Frankreich gegen Nazideutschland kämpfte. Dabei musste er feststellen, dass die Strukturen auch in den Streitkräften des Freien Frankreich rassistisch waren. Diese Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg haben Fanons spätere anti-kolonialen und anti-rassistischen Theorien maßgeblich geprägt.
Tatsächlich hat sich an den hierarchischen globalen Macht- und Herrschaftsverhältnissen, die Fanon mit den Begriffen »Erste« und »Dritte« Welt beschrieben hat, bis heute wenig geändert. Dies zeigt sich zum Beispiel in den aktuellen Debatten über Ursachen und Folgen des Klimawandels. Denn während die Industrienationen der »Ersten Welt« zweifellos die Hauptverursacher des Klimawandels sind, leiden all diejenigen, die Fanon zur »Dritten Welt« zählte, ob sie nun aus dem globalen Süden oder Norden kommen, am schwersten unter den Folgen.