eGates im Flughafen Taiwan Taoyuan | Sean Young (@assanges)

Gefangen in der Schleuse

von iz3w redaktion

03.08.2026
Veröffentlicht im iz3w-Heft 416

Am Flughafen in Basel geht an einem Samstag Ende Juli zeitweise nichts: Wegen Problemen an der digitalen Sicherheitskontrolle stauen sich die Passagier*innen. Auch am Flughafen Mailand-Linate standen am 12. April über 100 Passagier*innen wegen der neuen EU-Grenzkontrolle in der Warteschlange. Währenddessen hob ihr EasyJet-Flieger nach Manchester ab – ohne sie. Im Onlinemagazin Republik schildert die Journalistin Adrienne Fischer dazu ein persönliches Erlebnis: »Gefangen in der Schleuse«. Sie landet im Flughafen Zürich, »wo man sich durch ein kleines Labyrinth kämpfen muss« und wird unwissentlich in eine automatisierte Kontrolle gelotst: »Die Schleuse vor mir öffnete sich, und ich stand im Zwischenschacht von Schleuse 1 und Schleuse 2, im Niemandsland quasi.« Das war misslich, denn Fischer wollte die biometrische Gesichtserkennung vermeiden – noch ist diese in Zürich freiwillig. Doch nun gab es nur noch einen Ausweg: den Frontalblick in die Kamera.

Zur Ferienzeit häufen sich die Meldungen über die Flops im Flugverkehr. Oft sind die automatisierten Grenzkontrollen die Ursache. Ausgerechnet jene Technik also, die den Reisekomfort verbessern soll.

Was ist los? Zurzeit beginnt eine neue Epoche des Reisens und seiner Kontrollen. In unserem vorigen Editorial schauten wir auf das Phänomen der Mauergrenzen: Trotz der fortschreitenden Globalisierung ist ihre Zahl in den letzten 35 Jahren angestiegen (iz3w 415). Der Soziologe Steffen Mau nannte das in seinem Buch »Sortiermaschinen« ein »Paradox der Globalisierung«. Bei den automatisierten Kontrollen im Flughafen zeigt sich, was Mau als einen Kern der Globalisierung sieht: Sie teile sich in eine »Öffnungsglobalisierung« und eine »Schließungsglobalisierung«. Die wachsende Mobilität spaltet sich auf in eine gewünschte und eine ungewünschte.

Dabei steigt der Umfang der Reisen steil an: von 25 Millionen internationalen Reisen im Jahr 1950 auf über 1,5 Milliarden im letzten Jahr. Der größte Flughafen weltweit, Hartsfield–Jackson Atlanta, wird täglich von rund 300.000 Fluggästen passiert. Die ‚gute alte Passkontrolle‘ sieht sich gewaltigen Herausforderungen gegenüber.

Die Automatisierung mache das Reisen nun komfortabler und sicherer zugleich

Welchen? Das Magazin des Münchner Anbieters Giesecke+Devrient für Netzwerksicherheit, G+D Spotlight, gibt im September 2025 zu bedenken: Einerseits hätten sich die Sicherheitsanforderungen beim Reisen erhöht, andererseits wird mehr Reisekomfort gewünscht. Früher seien die zwei Herausforderungen Sicherheit und Reisekomfort inkompatibel, heute aber gäbe es eine Win-Win-Situation – durch automatisierte Grenzkontrollen. Das alte System sei überfordert und wir haben »lange Schlangen bei den Grenzformalitäten«. Aber die Automatisierung mache das Reisen nun komfortabler und sicherer zugleich. Für die Europäische Union sei eine Kombination aus eKiosks und eGates zu erwarten. Ein eKiosk ist ein Gerät, an dem Reisende ihre Daten selbst erfassen, ein Vergleichsfoto zur Gesichtsvermessung aufnehmen und Fingerabdrücke lesen lassen. Als eGate wird die automatische Grenzschleuse bezeichnet: einfach den Reisepass auf einen Scanner legen, die Schranke öffnet sich und in 30 Sekunden ist man kontrolliert und durch die zweite Tür herausspaziert. Oder auch nicht. Dann übernähme doch wieder der Mensch in Gestalt der Grenzbeamt*in.

Die Digitalisierung der Kontrollen bringt also eine neue Architektur der Grenze mit sich. Beim Abgleich spielt der Körper in Form biometrischer Merkmale wieder eine größere Rolle: Gesichtserkennung, Fingerabdrücke, teils auch Iriserkennung. Der Wandel dürfte kaum aufzuhalten sein, denn für die Mehrheit der Reisenden bringt er eine schnellere Abfertigung mit sich.

Schön und gut, aber von den Betroffenen und Kosten der »Schließungsglobalisierung« ist hier keine Rede. Wer sich daran gewöhnt, den Körper als eigenen Ausweis zu benutzen, akzeptiert dies auch leichter außerhalb des Flughafens. »Die im Dunkeln sieht man nicht«, wie es in Brechts Dreigroschenoper heißt. Die technische Innovation geht mit einer Infrastruktur permanenter Identifizierung einher. Menschen, die als unrentabel oder Sicherheitsrisiko eingestuft werden, bleiben draußen. Der Chaos Computer Club kritisiert, dass biometrische Ausweisdaten nicht in privatwirtschaftliche Hände gehören. Hm. Die Frage ist deshalb nicht nur, ob die Schleusen am Flughafen funktionieren. Die Frage ist, welche Normalität sie schaffen: etwa die einer Welt, in der Identität zunehmend digital überprüft und gespeichert wird.

Einst hieß es an der Grenze: »Können Sie Ihre Identität ausweisen?« – »Hier sind meine Papiere.« Diese alte Kontrolle verschwindet. Das Reisen wird für viele komfortabler – und trotzdem sind wir nicht glücklich. Warum? Die Schleuse ist das Modell der neuen Grenze. Wir hätten eine andere smarte Lösung: Bewegungsfreiheit für alle.

die redaktion, 3.8.2026

Dieser Artikel ist erschienen im iz3w-Heft Nr. 416 Heft bestellen
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