»Man stelle sich vor, ganz Hamburg wäre nur über vier kleine Supermärkte versorgt.«

Interview mit Ralf Südhof vom Center for Humanitarian Action über Humanitäre Hilfe

Audiobeitrag von Anuk Oltersdorf

04.08.2025

Das Center for Humanitarian Action, kurz CHA, ist seit 2019 ein unabhängiger Think Tank in Berlin. Damals haben Ärzte ohne Grenzen, Caritas international und die Diakonie Katastrophenhilfe ein Start-Funding gegeben, um einen unabhängigen Think Tank aufzubauen. Die Idee: eine Institution zu schaffen, die ein Sparringspartner und Plattform ist, um internationale Hilfe - auch aus Deutschland - zu verbessern und politisch zu begleiten. Damit das Engagement weltweit effektiv und nach den Werten der humanitären Hilfe umgesetzt werden kann.

Im Hinblick auf Gaza ist die humanitäre Situation im Sommer 2025 katastrophal. Fast alle Menschen leiden unter akutem Hunger und Durst, obwohl nur wenige Kilometer entfernt tausende Hilfstransporter bereitstehen. Doch der Zugang wurde zuletzt immer wieder blockiert. Ralf Südhof, Leiter des Center for Humanitarian Action, erläutert die dramatische Lage vor Ort und die Herausforderungen, mit denen Hilfsorganisationen konfrontiert sind.

Skript zum Interview mit Ralf Südhof

Erstausstrahlung am 5. August 2025 im südnordfunk #135 bei Radio Dreyeckland

Sie arbeiten für das Centre for Humanitarian Action. Was ist das Ziel dieser Organisation?

Es gibt bei uns schon seit vielen Jahrzehnten die vier sogenannten humanitären Prinzipien: Menschlichkeit, Neutralität, Unparteilichkeit und Unabhängigkeit. Das klingt erstmal abstrakt, aber die Idee dahinter lässt sich am besten am Prinzip der Menschlichkeit verdeutlichen. Das heißt: Immer Menschen in größter Not helfen, unabhängig davon, ob sie einer bestimmten Religion angehören, zu einer Konfliktpartei gehören oder Ähnliches. Humanitäre Hilfe kann man vielleicht am besten mit dem Eid eines Arztes vergleichen: Bedingungslos Hilfe leisten. Das Primat ist: »Wir retten Leben«, dabei sind wir neutral und mischen uns nicht in die Ursachen der Krise ein.

Wie sieht es aktuell in Gaza aus, was diese Grundsätze oder Prinzipien angeht? Werden sie eingehalten?

Gaza ist das schlimmste Paradebeispiel, das wir derzeit erleben, wie im Grunde fast alle diese Grundsätze mit Füßen getreten werden. Von beiden Konfliktparteien: der Hamas, die mit dem Massaker vom 7. Oktober diesen Konflikt heraufbeschworen hat, mit Kriegsverbrechen und der Geiselnahme von Zivilist*innen, die zum Teil bis heute festgehalten und auch umgebracht werden. Wie auch Israel, das jetzt mehr und mehr eskaliert. Die Situation für die Menschen in Gaza ist so katastrophal wie wohl kaum in einem anderen Konflikt. Ich war früher selbst bei den UN beim Welternährungsprogramm tätig und hatte mit wirklich schlimmsten Krisen zu tun – in Syrien, der Hungersnot in Äthiopien, am Horn von Afrika. Aber was hier passiert, ist wirklich mit das Schlimmste, was ich je gehört habe. Quasi jeder Mensch leidet Hunger in Gaza, fast alle wurden vertrieben – nun schon acht, neun Mal im Laufe der Angriffe Israels auf den Gazastreifen. Die Krankenhäuser liegen zum größten Teil in Schutt und Asche, es gibt kaum Strom und Wasser, es kann nicht operiert werden ohne Strom. Es muss teils, wo es akut ist, ohne Narkose operiert werden, weil es schlichtweg keine Mittel dafür gibt.

»Gaza ist das schlimmste Parade­beispiel – wie fast alle humanitären Grund­sätze mit Füßen getreten werden«

Sie sprechen von massiven Verstößen gegen humanitäre Prinzipien. Können Sie das konkretisieren?

Von Israel wird seit Beginn des Krieges massiv gegen die humanitären Prinzipien von Neutralität und der Verpflichtung über das sogenannte humanitäre Völkerrecht verstoßen, Hilfe für Zivilisten immer zuzulassen. Es gab von Anfang an nur sehr, sehr wenige Grenzübergänge, über die manchmal Hilfe in den Gazastreifen kommen konnte. Wir reden von einer Bevölkerung von rund zwei Millionen Menschen, die Not leiden. Jetzt ist es seit Monaten so, dass jede neutrale Hilfe, die weitgehend funktioniert hat von Seiten der UN und auch zivilen Hilfsorganisationen, verboten wurde. All das ist ersetzt worden durch die sogenannte Gaza Humanitarian Foundation – eine politische Institution, kreiert von Israel mit Unterstützung der USA. Es ist völlig unklar, nach welchen Prinzipien sie wem helfen, wie sie sich finanzieren.

Was sind die Folgen dieser neuen Struktur?

Es führt zu Chaos und zu vielen Toten, da die ganze Hilfe auch vom Militär begleitet wird. Es kommt immer wieder zu Schüssen. Die ganze Hilfe ist völlig chaotisch organisiert. Die Hilfsorganisationen hatten über 400 Stationen in Gaza aufgebaut – das ist notwendig, dafür gibt es professionelle Standards seit vielen Jahren. Es gab anfangs nur noch vier Stationen, wo nur im Süden Gazas Hilfe geleistet wurde. Stellen Sie sich vor, ganz Hamburg wäre nur über vier kleine Supermärkte versorgt und alle Menschen müssen zu diesen gehen. Das ist natürlich die unsicherste Situation, die man schaffen kann. Es gibt auch massiv Berichte, dass die Menschen, die Hilfe bekommen haben, überfallen werden. Es ist ein Rezept dafür, dass die Hilfe nicht funktionieren kann.

»Jenseits der Hilfe, die für alle Menschen in Not geleistet werden muss, muss auf der politischen Ebene klar Position bezogen werden.«

Ist es nicht unverant­wortlich für Hilfsorga­nisationen, eine Unparteilichkeit hochzuschreiben, wenn eine Partei diese Gräueltaten vorantreibt?

Das ist eine ganz wichtige Frage, die auch immer wieder kontrovers diskutiert wird zwischen Hilfsorganisationen. Das eine ist, humanitäre Hilfe zu leisten – operativ in der Praxis –, und dass man das unparteiisch und neutral tun muss. Die andere Ebene wird dann sehr viel komplizierter: Was bedeutet das für die Lobbyarbeit, dafür, dass sich die Situation verbessern muss? Das Rote Kreuz beispielsweise hält sich bei Bewertungen sehr zurück, weil es für diese Organisation das höchste Gut ist, mit allen Parteien gesprächsfähig zu bleiben. Diese Neutralität ermöglicht zum Beispiel einen Gefangenenaustausch oder Gefangenenbesuche. Aber es gibt auch den Ansatz, klar zu sagen: Jenseits der Hilfe, die für alle Menschen in Not geleistet werden muss, muss auf der politischen Ebene klar Position bezogen werden.

Wie positionieren Sie sich als Think Tank?

Israel verstößt, wie auch die Hamas, gegen das Völkerrecht, begeht offenkundig Kriegsverbrechen in Gaza. Es muss dafür auch langfristig juristisch bestraft werden. Das klar zu benennen ist immer wieder eine Gratwanderung, weil dabei jede Hilfsorganisation abwägen muss: Gefährden wir womöglich die Hilfe? Gefährden wir womöglich Tausende von palästinensischen Kindern, Frauen oder Männern, die nichts mit diesem Konflikt zu tun haben, wenn wir die Ursachen politisch offensiv anprangern?

Israel argumentiert, die Gaza Humanitarian Foundation (GHF) solle sicherstellen, dass Hilfsgüter tatsächlich bei den Bedürftigen ankommen. Ist das nicht ein legitimes Anliegen?

Das war in der Tat eines der Hauptargumente Israels, um seit dem 7. Oktober die laufende Hilfe internationaler Organisationen zu stoppen. Israel warf insbesondere dem Hilfswerk der Vereinten Nationen UNRWA, anderen UN-Organisationen und Hilfswerken wie Ärzte ohne Grenzen vor, dass ihre Unterstützung in die Hände der Hamas gelange. Daher müsse die Hilfe von Israel selbst organisiert werden. Dass dies jedoch ein Vorwand ist, um unabhängige Hilfsorganisationen auszuschließen, zeigt sich an mehreren Punkten: Bereits von Beginn an wurde die Hilfe massiv behindert. Hunderte von Lastwagen mit Hilfsgütern standen am Grenzübergang zwischen Ägypten und Gaza bereit, wurden aber nicht durchgelassen. Die Art, wie die GHF die Hilfe organisiert, verdeutlicht die Probleme des Ansatzes. Es gibt lediglich vier Verteilzentren für den gesamten Gazastreifen. Das bedeutet: Menschen müssen weite Strecken zurücklegen, um Hilfsgüter zu erhalten, und diese dann wieder zu ihren oft weit entfernten Aufenthaltsorten transportieren. Zum Vergleich: Es wäre, als würde man eine Stadt wie Hamburg über nur vier kleine Supermärkte versorgen. Diese Situation schafft maximale Unsicherheit. Es häufen sich Berichte über Überfälle auf Menschen, die Hilfsgüter erhalten haben. Die geringe Anzahl an Verteilstellen ist also ein Rezept dafür, dass die Hilfe nicht funktionieren kann. Dies zeigt, dass die Wirksamkeit der Hilfe offenkundig nicht im Zentrum dieses Ansatzes steht. Zudem verstößt das Vorgehen gegen vereinbarte internationale Standards und Prinzipien der humanitären Hilfe.

Viele Menschenrechts­organisationen sprechen mittlerweile von einem Genozid. Warum?

Die Herausforderung ist, dass das eine juristische und zugleich eine politische Frage ist. Es gibt mehr und mehr Verdachtsfälle dafür, dass ein Genozid stattfindet. In der Konvention, die beschreibt, wann ein Genozid vorliegt  ist einer der Aspekte, dass es schon ausreicht, von einem Genozid zu sprechen, wenn absichtlich eine Gruppe in Verhältnisse gedrängt wird, die ihr physisches Überleben unmöglich macht. Betrachtet man die einschlägige Genozid-Konvention, spricht vieles dafür, dass Israel, zumindest in den letzten Monaten, den Tatbestand erfüllt. Selbst konservative Kreise, einschließlich Kanzler Merz, sagen inzwischen, dass die Kriegshandlungen offenbar keine militärischen Ziele mehr verfolgen, sondern vielmehr als Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung verstanden werden können.

»Wir unterstützen das Existenzrecht Israels, aber politische Handlungen, die damit nicht mehr in Verbindung zu bringen sind, müssen sanktioniert werden.«

Was fordern Sie von der deutschen Politik?

Wir fordern, dass die Bundesregierung ihre Kritik, die ja deutlicher geworden ist, auch mit Sanktionen verbindet. Es gibt ganz konkrete Diskussionen: Sollte man offensive Waffen, die womöglich auch im Gazastreifen von Israel eingesetzt werden, weiter exportieren? Braucht es insgesamt einen Waffenexport-Bann? Sollte man die Gespräche zwischen der EU und Israel über ein Assoziationsabkommen auf Eis legen? Wir unterstützen absolut das Existenzrecht Israels, aber politische Handlungen, die damit nicht mehr in Verbindung zu bringen sind, müssen sanktioniert werden.

Hat Deutschland seit dem 7. Oktober etwas Wirksames für die Einhaltung humanitärer Rechte getan?

Man muss zwei Phasen unterscheiden. Zu Anfang war die Kritik berechtigt groß, auch mit Blick auf Außenministerin Baerbock, die sich in den ersten Monaten sehr zurückgehalten hat mit Kritik an der israelischen Kriegsführung. Das hat sich nach etwa einem halben Jahr geändert. Sowohl Baerbock selbst wie auch ihre Sonderbeauftragte für humanitäre Diplomatie im Nahen Osten haben sich massiv dafür eingesetzt. Baerbock hat sich öffentlich mit Netanyahu gestritten, beide sind intensiv in die Region gereist. Selbst die schärfsten Kritiker*innen der Bundesregierung erkennen das an. Aber das Außenministerium räumt auch ein, dass es damit keinen Erfolg hatte. Das führt zu der Frage: Müsste man nicht die wenigen Sanktionsmöglichkeiten nutzen, um aus diesem reinen appellativen Engagement herauszukommen? Dazu war die alte Bundesregierung nur in Maßen bereit – und die neue scheint es noch weniger.

Das Interview führte Anuk Oltersdorf Ende Juli 2025.

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