»Aufgrund der Geschichte können wir die Gegenwart und die Zukunft besser verstehen«
Ein Interview mit dem Journalisten und Fotografen Luis De Oliveira
Audiobeitrag von Sarah Wehrle
02.06.2025
Warum schickten die Machthaber der damaligen rechten Diktatur Brasiliens 25.000 Soldaten über den Atlantik, um in Europa gegen eine andere rechte Militärdiktatur, die faschistische Wehrmacht, zu kämpfen? Wie war die Situation vor Ort für ehemals kolonisierte Menschen, nun in der Rolle der Befreier? Und warum ist so wenig über die Beteiligung brasilianischer Soldaten an der Befreiung Italiens bekannt? Der südnordfunk sprach mit dem Autor Luis De Oliveira, über die »Vergessenen brasilianischen Befreier Italiens«.
Skript zum Audiobeitrag
Erstausstrahlung am 3. Juni 2025 im südnordfunk #133
Interview mit Louis de Oliveira
südnordfunk: Sie haben italienische und portugiesische Vorfahren und sind in Brasilien aufgewachsen. Wann haben Sie zum ersten Mal davon gehört, dass brasilianische Soldaten im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben?
Louis de Oliveira: Die erste Information, die ich zum Estado Novo - dem neuen Staat in Brasilien - hatte, bezog sich auf Getúlio Vargas. Er war bereites 15 Jahre lang Diktator, 1950 wurde er wiedergewählt. Er hat von den Rechten starken Druck erfahren und wurde verfolgt, das mündete später in einen Suizid. Zu dieser Zeit war ich fünf Jahre alt. Außerdem war mein Vater Kommunist, ein kommunistischer Aktivist, der sich gegen die Regierung Vargas eingesetzt hatte. Von ihm habe ich über die Vargas Ära und über den Krieg in Italien erfahren. Mein Vater war generell gegen den Krieg und ist desertiert - er ist dann nach Südbrasilien geflohen. Durch die Narrative meines Vaters habe ich mehr über den Krieg und über den Faschismus in Italien erfahren. Später als Jugendlicher hatte ich auch eine Begegnung mit Kindern, die gerade aus Deutschland nach Brasilien migriert waren, doch es wurde über das Thema natürlich nicht so offen gesprochen, es war ja kein einfaches Thema. Doch es war interessant, die Meinung und Perspektive der deutschen Bevölkerung über diesen Krieg zu erfahren, die sehr wohl anders war als die der Deutschen, die noch im Land waren. Also, ich war immer sehr am Zweiten Weltkrieg interessiert. Ich denke, so als 15-Jähriger wusste ich eigentlich schon alles Wesentliche über den Zweiten Weltkrieg und das Thema hat mich immer fasziniert.
Sie haben mit Veranstaltungen in Köln, Hamm und Freiburg über die fast vergessene Geschichte der brasilianischen Befreier Italiens informiert. 25.000 brasilianische Soldaten haben ab 1944 gegen den Faschismus Mussolinis und gegen die Deutschen in Italien gekämpft. Was bedeutet es für Sie, dieses fast vergessene Kapitel der deutschen Geschichte zu erzählen? In einer Zeit, in der in Italien, wie auch in Deutschland, rechte Kräfte wieder stark an politischem Einfluss gewinnen?
Ich bin der Meinung, dass die Geschichte provisorische Ideologien generell überwindet. Die Geschichte ist stärker als die Polarisierung zwischen links und rechts. Und daher sollte die Rechte in Deutschland und Italien, vor allem die rechten Parteien, die Geschichte genau betrachten. Ich denke, die Geschichte wird bleiben, unabhängig von der Zeit oder von denjenigen, die Geschichte geschrieben haben. Und daher sollte dieses fundamentale Wissen verstanden werden.
Sprecherin: Im Interview mit dem Journalisten Karls Rössel meinte Oliveira: Es geht darum, eine Lücke in der Geschichtsschreibung über den Zweiten Weltkrieg zu schließen. Daher möchte er sein Buch über Brasilien im Zweiten Weltkrieg in zweiter erweiterter Fassung herausgeben. Er hofft, dass es nicht nur auf Italienisch erscheint, sondern auch ins Englische, ins Deutsche und ins Portugiesische übersetzt wird.
Wie war das Verhältnis zwischen den brasilianischen Truppen und den Verbänden der Partisan*innen?
Mehr als von politischen Organisationen waren die brasilianischen Truppen von geopolitischen Richtlinien beeinflusst. Brasilien war von einem Diktator dominiert, der den Kongress abgesetzt hatte. Meinungsfreiheit gab es nicht, die Parteien wurden verboten. Es gab aber andererseits einen geopolitischen Einfluss. Wir hatten einerseits die Militärs, die pro-faschistisch waren, pro USA oder pro England. Andererseits gab es eine Regierung, die auch zum Kapitalismus tendierte. Und daher gab es diesen politischen Druck von außen. Das war die Orientierung für das Militär.
Sprecherin: Im Interview mit der Zeitschrift iz3w fügte Oliveira hinzu: Letztlich entscheidend war die Militärindustrie der USA, die ihre Zähne zeigte, um die brasilianische Regierung dazu zu bewegen, ihre Neutralität im Zweiten Weltkrieg aufzugeben. Die Atlantikküste im Osten Brasiliens war für die US-amerikanische Kriegsführung von entscheidender Bedeutung, denn von dort gab es die kürzeste und sicherste Schiffsverbindung nach Nordafrika. Die USA forderten deshalb Militärbasen an der Küste Brasiliens – und es gab schon Pläne, mit US-Truppen in die Region einzumarschieren, sollte sich die brasilianische Regierung nicht überzeugen lassen. Da Hitlers U-Boote den Nordatlantik kontrollierten, verschifften die USA ihre Truppen für die Landemanöver in Südeuropa und Frankreich über Brasilien und Nordafrika nach Europa.
Ein anderer Punkt ist der Einfluss der Vereinten Staaten auf die Soldaten. Als die brasilianischen Soldaten in Italien waren, haben sie eine Art Brainwashing erfahren. Und zwar in Bezug auf die politische Lage in Brasilien. Das Land Brasilien war zu dieser Zeit eine Rechtsdiktatur. Die brasilianischen Soldaten wurden von den USA dahingehend indoktriniert, dass in Brasilien ein Diktator die Richtlinien vorgegeben habe, ein Diktator so wie die, gegen die sie in Europa kämpften. Und so wurden die Soldaten, die zurück nach Brasilien kehren, überzeugt, den Präsidenten zu stürzen. Und tatsächlich kurz nach der Ankunft dieser Soldaten in Brasilien hat Präsident Vargas die Macht verloren.
Brasilien hatte ab den 1930er Jahren starke auch wirtschaftliche Verbindungen zu den Faschisten in Deutschland und Italien. In Brasilien selbst regierte mit Getúlio Vargas, ein nationalistischer, antikommunistischer Präsident. Und es gab auch in Brasilien eine Nazi-Partei mit Einfluss. Was hat Brasilien damals dazu bewegt, an der Seite der Alliierten zu kämpfen?
Generell war es eine ökonomische Motivation. Wie in allen Regionen der Welt war auch Brasilien damals stark gespalten. Das brasilianische Militär hatte einen Bezug zu den deutschen Truppen. Innerhalb der Militärs gab es auch Soldaten mit hohen Positionen, die profaschistisch, sozusagen für das Nazi-Regime waren. Andererseits waren die brasilianischen Diplomaten generell pro USA, vor allem in Bezug auf die Tatsache, dass Brasilien von dem Warenhandel stark profitieren würden. Brasilien hat sich entschieden, mit dem Alliierten zu kämpfen, vor allem aufgrund der ökonomischen Macht der USA.
Sprecherin: Im Interview mit Karl Rössel meinte Louis de Oliveira zum deutschen Einfluss in Brasilien: Im Süden Brasiliens gab es über Tausend deutsche Schulen, die vom NS-Regime finanziert und in denen in deutscher Sprache unterrichtet wurde. Die brasilianische Nazipartei war mit ihren etwa 3.000 Mitgliedern eine der größten NS-Organisationen im Ausland weltweit.
Deutschland und Italien waren in Brasilien aufgrund der Einwander*innen nicht nur kulturell sehr präsent. Sie kontrollierten auch viele Unternehmen in Brasilien. Nach 1933 wurde Deutschland zum wichtigsten Handelspartner Brasiliens.
Brasilianische Soldaten haben 1944 die Gotenlinie, wie die deutsche Verteidigungslinie genannt wurde, durchbrochen und die Faschisten zurückgedrängt. Welche Bedeutung hat diese Geschichte für die Region um Barga und für den Antifaschismus in Italien heute?
Wichtig ist zu betonen, das Barga in der Mitte der Gotenlinie lag. Im September / Oktober 1944, als die SS-Truppen in den Bergen von Braga angekommen waren, waren dort vor allem Partisanen unterwegs. Wenn einer der deutschen Soldaten getötet wurde, haben die Nazis dafür zehn italienische Zivilist*innen ermordet. Und das war sehr traurig, das ist eine sehr traurige Geschichte von Braga. Beispielsweise haben die Faschisten 200 Menschen einer Kirche eingeschlossen, alle Fenster und Türen geschlossen und dann einfach bombardiert. Betroffen waren vor allem Frauen, Omas und die Kinder von diesen Partisanen. Diese Geschichte hat die Region stark geprägt. Es gab auch Italiener, die pro Deutschland waren, die pro Hitler waren.
Specherin: Faktisch waren italienische Soldaten an den Gräueltaten der Wehrmacht und der SS beteiligt.
Als die Deutschen in Italien ankamen, litten die Italiener unter Hunger. Zuerst sind die italienischen Faschisten gekommen und haben Weizen, Hühner, alles genommen. Und die Deutschen haben im Endeffekt die Reste der Lebensmittel geholt. Und das ändert sich ein bisschen mit der Ankunft von den brasilianischen Soldaten, da mehr Lebensmittel ausgegeben wurden und die Zivilgesellschaft wurde oft von den Soldaten zum Mittagsessen eingeladen.
Diese ideologische Aufteilung zwischen links und rechts und zwischen Faschismus und Demokratie prägt bis heute diese Region. Viele Leute haben Angst über den Krieg zu sprechen oder eine Meinung vertreten zu müssen – es gibt allgemein eine Angst, sowohl in der Linken als auch zwischen den Rechtsextremisten, mit dem Thema Konflikte zu verursachen. Die Gesellschaft ist dort bis heute noch stark gespalten.
Sie kehren nach zwei Jahrzehnten in Italien nach Brasilien zurück. Ist das Wissen über die Rolle des brasilianischen Beitrags im Kampf gegen den Faschismus in Brasilien ein Thema, dass sie dort weiter begleiten wird?
Diese ideologische Aufteilung zwischen links und rechts und zwischen Faschismus und Demokratie prägt bis heute diese Region.
Ich habe auf alle Fälle vor, diese Geschichte weiter zu erforschen. Heutzutage erleben wir in Brasilien 80 Jahre nach der Militärdiktatur, mehr oder weniger eine ähnliche Situation. Natürlich muss man die Besonderheiten der Moderne betrachten. Es gibt eine faschistische Kraft in Brasilien, die die Demokratie stark gefährdet. 1964 gab es diese sogenannte Revolution, was aber in der Tat ein Militärputsch war. Ich denke, aufgrund der Geschichte können wir die Gegenwart und die Zukunft besser verstehen. Und dieser Bezug zum Beispiel zwischen den brasilianischen Soldaten und dem Kampf gegen Faschismus in Italien zeigt, wie gefährlich diese Haltung der Militärs in Bezug auf die Demokratie ist. Nach meiner Erfahrung mit der FEB (Força Expedicionária Brasileira), dieser brasilianischen Expeditionstruppe, versuche ich, das Geschehene nicht auf eine politische ideologische Art und Weise zu betrachten. Sondern ich versuche zu informieren und vergessene Geschichten weiterzugeben, in diesem Fall die Geschichte dieser Soldaten an die brasilianische Bevölkerung. Und wenn das irgendwie den Wissensstandard der brasilianischen Bevölkerung verbessert, bin ich zufrieden.
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Hier wird der Geschichte der brasilianischen Soldaten im Kampf gegen den Faschismus gedacht | Museum Braga -
Die Karte zeigt die Orte des Kampfes der F.E.B. (Força Expedicionária Brasileira) entlang der Gotenlinie in Italien